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Bombenkrieg: "Die Dinge beim Namen nennen"

War der alliierte Bombenkrieg ein Kriegsverbrechen? GEO-Redakteur Christoph Kucklick sprach mit dem Soziologen, Holocaust- und Gewaltforscher Wolfgang Sofsky. GEO.de veröffentlicht die ungekürzte Fassung

GEO: Herr Professor Sofsky, Sie sind einer der wenigen Wissenschaftler, die ganz dezidiert behaupten, der Bombenkrieg der Westalliierten habe "massiv gegen das Kriegsvölkerrrecht verstoßen", sei also ein "Verbrechen" gewesen. Sind Ihre Kollegen anderer Meinung, oder scheuen sie sich nur, solche Begriffe in den Mund zu nehmen?

Wolfgang Sofsky: Es gibt tatsächlich einen sprachlichen Vorbehalt gegen diese Begriffe, aber natürlich abgeleitet aus einem inhaltlichen.

GEO: Worin bestehen diese Vorbehalte?

Sofsky: Es mag eine Rolle spielen, zumindest bei den älteren Kollegen, dass es in den 1960er, 1970er Jahren problematisch war, erst einmal das Thema der deutschen Schuld und der Naziverbrechen durchzusetzen. Dabei auch über deutsche Opfer zu sprechen, war von der Angst besetzt, Beifall von der falschen Seite zu erhalten und rechte Ressentiments zu bedienen. Aber es ist, finde ich, moralisch völlig unhaltbar, die Dinge nicht beim Namen zu nennen, und zwar unabhängig davon, wem dies nützt - und auch unabhängig davon, wer es sagt. Entweder etwas stimmt oder es stimmt nicht.

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Wolfgang Sofsky

GEO: Und was stimmt in Bezug auf die Bombenangriffe der Alliierten?

Sofsky: Für deren Anfang kann man vielleicht sagen: England, das um seine Existenz kämpfte, hatte keine andere Wahl. Aber am Ende des Krieges, bei den Bombardements auf Dresden, auf Pforzheim, auf Nordhausen und andere Städte, war der Krieg längst entschieden, machte es militärisch überhaupt kein Sinn mehr, solche Angriffe weiter zu fliegen. Das war Terror. Eben ein klarer Verstoß gegen Normen des Kriegsvölkerrechts. Gesetze gelten für alle, und was gegen sie verstößt, muss man ein Verbrechen nennen.

GEO: Wird durch die semantische Parallele, Verbrechen hier wie dort, aber nicht doch unwillkürlich eine gefährliche Parallele zur Einzigartigkeit der deutschen Grausamkeiten gezogen?

Sofsky: Nein. Es sind ganz verschiedene Verbrechen. Den strategischen Bombenkrieg gegen Wehrlose, gegen Zivilisten würde ich mit dem Begriff des Kriegsterrors belegen. Er führte zu Massakern, zu Massakern aus der Luft. Das waren Verbrechen innerhalb einer eigentlich legitimen Kriegsführung der Alliierten. Auf deutscher Seite dagegen war der gesamte Krieg, zumindest im Osten, ein Verbrechen, ein Ausrottungsfeldzug. Und der Völkermord an den Juden war noch mehr als ein verbrecherischer Krieg, er war monströser Verfolgungsterror, der Versuch, ein ganzes Volk auszulöschen. Die Briten hatten nicht die Absicht, alle Deutschen auszulöschen, die Deutschen als Volk zu vernichten. Aber um die Moral der Bevölkerung zu zerstören, brachten sie eben Abertausende Zivilisten um.

GEO: Es gibt in der gegenwärtigen Debatte auch die Position, der Bombenkrieg der Alliierten habe dazu gedient, den Holocaust zu bekämpfen.

Sofsky: Das ist Unsinn!

GEO: Unsinn? Wieso?

Sofsky: Die Briten hatten, leider, nicht die Absicht, die Juden zu retten. Die Amerikaner auch nicht. Es ging für die Briten, zumindest 1940 bis 1942, vor allem darum, 'Luft zu bekommen', ihr Überleben als Nation zu sichern. Dafür hatten sie sich verschiedene militärische Ziele gesetzt, die meines Erachtens nicht besonders schlüssig sind.

GEO: Gibt es tatsächlich keinerlei Zusammenhang zwischen dem Bombenkrieg und der deutschen Ausrottungspolitik?

Sofsky: Vielleicht haben im Chaos der zertrümmerten Städte einige wenige Juden in Deutschland noch überleben können, die von den Nazis sonst ausfindig gemacht worden wären. Diese wenigen verdanken dem Bombenkrieg ihr Leben. Sonst kann ich keinen Zusammenhang entdecken.

GEO: Ich meinte einen systematischen Zusammenhang.

Sofsky: Nein. Wo soll der sein?

GEO: Sie sagen, vor allem in den letzten Monaten des Krieges seien die Bombenangriffe auf deutsche Städte umso mehr purer Terror gewesen, als sie spätestens dann, wenn nicht schon zuvor, militärisch sinnlos waren. Aber ging es nicht letztlich darum, ein verbrecherisches Regime mit allen Mitteln zu bekämpfen, egal um welchen Preis und mit welchen Mitteln?

Sofsky: Natürlich ging es darum, den Krieg zu gewinnen. Mit möglichst geringen eigenen Verlusten, aus der Perspektive der Alliierten. Und die deutsche Zivilbevölkerung, so war ja der Kalkül, sollte gegen das Nazi-Regime aufbegehren. Dass aber Dauerterror nicht zur Rebellion, sondern nur zur Apathie führen konnte - diese sozial-psychologische Binsenweisheit wollte oder konnte man offenbar nicht wahrnehmen. Außerdem gab es eine Art Autodynamik des Krieges auf Seiten der West-Alliierten: Das Bomber Command war eine Einrichtung, die ihre Unersetzbarkeit durch permanente Erfolge beweisen musste.

Ich zögere zu sagen, dass ein Krieg gegen ein verbrecherisches Regime notwendigerweise mit Verbrechen geführt werden muss.

GEO: Sie glauben also nicht, dass man im Kampf gegen das Böse böse werden muss?

Sofsky: Das ist schwierig zu beantworten. Wahrscheinlich bringt es die Autodynamik eines Krieges mit sich, dass das Recht Makulatur wird. Nur: Würden wir auf jegliche Rechtsstandpunkte verzichten, dann könnten wir auch die Strafgesetze abschaffen und ein paar Mörder halt Mörder sein lassen. Gerade die Tendenz jedes Krieges zur Entgrenzung braucht dagegengesetzte Normen. Eine andere Frage ist, welche Institutionen es sein könnten, die diese Normen durchsetzen.

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Blick in die Hamburger Mönckebergstraße nach einem Luftangriff im Juni 1944

Sofsky: Es ist noch etwas anderes wichtig für die Bewertung des alliierten Vorgehens im Zweiten Weltkrieg. Wir beurteilen dessen Legitimität gewöhnlich vom Ende her, also vom Sieg über den Faschismus. Und insofern sagen vermutlich die meisten: Der Zweck hat die Mittel geheiligt. Aber wir müssen die alliierten Bombenangriffe auf Zivilisten auch im Zusammenhang mit den Intentionen der Akteure zur damaligen Zeit analysieren. Und da kommt viel Ungutes zusammen. Das Geltungsbedürfnis von Generälen etwa, Streitigkeiten, Rivalitäten innerhalb der Armee; banale Geschichten, in deren Licht die Angriffe auf Zivilisten erst recht unmoralisch erscheinen.

GEO: Und trotzdem noch einmal: Inwieweit ist der Bombenkrieg mit anderen Untaten des Krieges zu vergleichen? Sollte man überhaupt vergleichen?

Sofsky: Ja, das darf man, und das sollte man. Stellen Sie sich eine Kriegshandlung am Boden vor: Eine Stadt wird umzingelt, die Stadt ist offen, sie wird nicht verteidigt, es gibt keinen Widerstand. Die Angreifer erschießen die Zivilisten und verbrennen die Stadt. Das ist der klassische Fall von Einzelterror in einem Terrorkrieg. Massaker des Typs Oradur oder Lidische, von den Deutschen in Russland in unzähligen Fällen angewandt. Aber fragen muss man schon, was Bombenangriffe auf Zivilisten aus der Luft nun so viel anders macht - außer der größeren Distanz, die die Angreifer, die Bomberbesatzungen, zu ihren Opfern haben.

GEO: Aber solche Überlegungen mal beiseite, warum sagen nicht auch Sie: Die Deutschen haben diesen grauenvollen Krieg begonnen, alles Weitere haben sie sich selber zuzuschreiben; basta?

Sofsky: Das wäre das maßlose Prinzip, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Ich halte es für absurd. Außerdem: Die puren Vergeltungsgedanken könnte ich da nachvollziehen, wo ich mir in den Pilotenkanzeln Russen vorstelle, den Angriff auf ihr Land rächend. Oder einen jüdischen Piloten.

GEO: Ist das nicht eine merkwürdige Unterscheidung, die Sie da machen? Es gab deutsche Angriffe auch auf englische Städte! Auch die Engländer hatten Anlass genug für "Rachegedanken"!

Sofsky: Warum haben sie dann auch von Deutschen okkupierte französische Städte bombardiert, ohne Rücksicht auf die dortige Zivilbevölkerung? Der Bombenkrieg gegen Städte entspringt dem Kalkül auf hoher militärischer Etage. Man kann ihn nicht als simple menschliche Revanche ansehen.

GEO: Was dennoch nicht bedeutet, dass sich die Opfer des von den Deutschen entfesselten Zweiten Weltkrieges angesichts der neuen Debatte und unserer Hinwendung zu den eigenen Opfern nicht auch verletzt und befremdet fühlen könnten, oder?

Sofsky: Der Begriff 'befremdet' ist sogar noch zurückhaltend gewählt. Sie könnten entsetzt sein. Trotzdem: Ich glaube, es ist notwendig, die Tatsachen dieses Bombenkrieges öffentlich zur Kenntnis zu nehmen. Wichtig auch für die Generation derjenigen, die 1950, 1960 und später geboren sind, und die wissen sollten, was den Städte, in denen sie aufgewachsen sind, fehlt. Und weshalb es ihnen fehlt.

GEO: Ist das ein solches Geheimnis?

Sofsky: Es gehört zum Bewusstsein eigener Geschichte.

GEO: Was können Sie sich als Resultat vorstellen?

Sofsky: Dass die offizielle Erinnerungskultur einerseits, in der es vor allem um die deutsche Schuld geht, und das informelle Familiengedächtnis andererseits, in dem hauptsächlich die Verluste in der eigenen Umgebung lagern, nicht mehr so weit auseinander liegen wie bisher. Es gibt nur dann ein selbstständiges Verhältnis zur Vergangenheit, wenn man alle Tatsachen zur Kenntnis nehmen kann, nur dann ist man zu einem selbstständigen Urteil imstande.

GEO: Gab oder gibt es in der von Ihnen angesprochenen 'offiziellen Erinnerungskultur' Tabus, auch sprachliche Tabus, die es in der 'informellen Erinnerungskultur' nicht gab oder gibt?

Sofsky: In den Erinnerungssitzungen der Familien, also dort, wo die Eltern und die Großeltern erzählen, wie es damals war, ist die Zerbombung der deutschen Städte nie tabuisiert worden. Man hat davon berichtet, weil es um die eigenen Bekannten, die Angehörigen ging, um die eigenen Wohnungen, die Häuser. In der offiziellen Erinnerungskultur der intellektuellen Eliten dagegen war dies kein besonders beliebtes Thema, weil man ihm Missbrauch unterstellte. Dort ging es darum, das Thema deutscher Schuld durchzusetzen; eine Schuld, aus der sich viele allzu schnell davonstehlen wollten. Diese beiden ?Kulturen', wenn man das so nennen will, diese beiden Gedächtnisse sind auseinandergefallen; der Elitekultur ist es gelungen, und das ist ihr Verdienst, das verdrängte Thema Auschwitz zu vergesellschaften. Es ist nun wirklich verankert, zumindest in der jüngeren Generation. Und es besteht kein Grund mehr, die beiden Gedächtnisse nicht zusammenzubringen. Die sozusagen ressentimentgeladeneren Erinnerungen an die Bombennächte sollten die Chance haben, ebenfalls in die offizielle Erinnerungskultur aufzusteigen.

GEO: Glauben Sie also an eine unmittelbar bevorstehende Versöhnung dieser beiden Erinnerungskulturen?

Sofsky: Wenn die näher zueinander fänden, wäre es nicht schlecht. Das Thema könnte dann endlich offen behandelt werden. Das ist das beste Gegenmittel gegen Ressentiments.

GEO: Und was, fürchten Sie, könnten umgekehrt die negativen Effekte der Debatte sein?

Sofsky: Ich sehe nicht die Gefahr eines neuen Opferkultes und Selbstmitleids, die jetzt mitunter schon beschworen wird.

GEO: Können wir also "entspannt an die Sache rangehen", gelassen?

Sofsky: Gelassen kann man nicht sagen, es geht noch immer um Emotionen. Aber objektiver. Die Geschichte steht uns nun gewissermaßen gegenüber. Wir können sie uns ansehen. Mit mehr Distanz und mehr Urteilsvermögen. Nur die Distanz erlaubt ein gerechtes Urteil.

GEO: Erlaubt die Debatte um die Legitimität oder Illegitimität von Kriegsstrategien vor 60 Jahren auch irgendeinen Lerneffekt für die Bewertung aktueller Ereignisse? Hat Kriegsführung von damals und heute irgendetwas miteinander zu tun?

Sofsky: Über die Legitimität muss immer im Einzelfall entschieden werden. Aber unabhängig davon kann man natürlich die historische Tradition der angelsächsischen, insbesondere der amerikanischen Kriegsführung beobachten. Sie setzt immer zuerst auf den Luftkrieg. Das war in Vietnam so, das war im Kosovo so, das ist in Afghanistan so und auch im Irak. Man träumt vom Sieg am Himmel und nimmt bei der Zivilbevölkerung extreme Verluste in Kauf. Nur: Ein Krieg wird immer nur am Boden gewonnen oder verloren, nicht in der Luft. Das ist nur die dritte Dimension.

Von Wolfgang Sofsky sind im S. Fischer Verlag erschienen:

  • Zeiten des Schreckens. Amok, Terror, Krieg
  • Traktat über die Gewalt
  • Die Ordnung des Terrors: Das Konzentrationslager