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Terror gegen den Terror?

Dass sich die Deutschen mit dem Entfesseln des Zweiten Weltkriegs und in diesem Krieg entsetzlicher Verbrechen schuldig gemacht haben, steht außer Zweifel. Aber wie ist die Kriegsführung der Alliierten zu bewerten, wie ihre Bombenstrategie gegen deutsche Städte, die etwa 500000 Menschen das Leben kostete? War sie militärisch wirklich notwendig?
In diesem Artikel
Schauderhafte Statistik
Auf den psychologischen Effekt kam es an
Wer hat angefangen?
Mannheim: ein Exempel
Nachts die Briten, tagsüber die Amerikaner
Bombenkrieg: "Die Dinge beim Namen nennen"
Bombenkrieg: "Die Dinge beim Namen nennen"
War der alliierte Bombenkrieg ein Kriegsverbrechen? GEO sprach mit dem Soziologen, Holocaust- und Gewaltforscher Wolfgang Sofsky. GEO.de veröffentlicht die ungekürzte Fassung

Schauderhafte Statistik

In der Nacht des 16. März 1945 fliegen rund 200 britische Bomber vom Typ Lancaster Richtung Würzburg. Kaum eine andere deutsche Stadt ist so reich an Architektur und Kunstschätzen, an Pracht aus dem Rokoko. Weil es in dem fränkischen Ort keine Industrie und keine Militäranlagen gibt, ist die Luftverteidigung schwach, und die Menschen sind sorglos: Weswegen sollte man sie attackieren? Der Angriff beginnt um 21.25 Uhr, es ist eine wolkenlose Nacht. Die Bomber werfen insgesamt 256 Spreng- und 397 650 Brandbomben ab. In dem Talkessel heizen Fallwinde die Flammen rasch an, und das Holz der Häuser brennt gut. Im Feuer wird die Stadt stark zerstört, 5000 Menschen sterben. Der Angriff dauert nur 17 Minuten.

Schauderhafte Statistik

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Brennende Öltanks im Hamburger Hafen nach einem Luftangriff während des Zweiten Weltkriegs

Insgesamt warfen die Alliierten 1,4 Millionen Tonnen Bomben auf das Deutsche Reich. Je nach Schätzung starben dadurch zwischen 400 000 und 570 000 Zivilisten, das waren weniger als ein Prozent der Bevölkerung. Die Zahl der Verwundeten und Verstümmelten wurde nie verlässlich erhoben. Sieben Millionen Bürger verloren ihre Wohnungen. 161 Städte und mehr als 850 kleinere Orte wurden von Bomben getroffen. In den Städten mit mehr als 100000 Einwohnern wurde im Durchschnitt fast die Hälfte aller Häuser zerstört, in vielen Orten waren es wesentlich mehr: in Düren rund 99 Prozent, in Hanau 87, in Würzburg 74, in Köln 70 Prozent.

Englische Strategen prägten dafür einen Begriff: dehousing, Enthausung. Das britische Bomber Command vernichtete im Jahre 1944 im Durchschnitt zweieinhalb Städte pro Monat, wie sein Kommandeur Arthur Harris nicht ohne Stolz vermerkte. Auch hat der Bomberchef nie einen Zweifel daran gelassen, wem die Mehrzahl der Angriffe galt: den Zivilisten, den Arbeitern. Nicht militärischen oder industriellen Zielen. Viele Angriffe waren Terror und sollten es sein, um die Moral der Deutschen zu brechen und so den Untergang des Nazireiches zu beschleunigen.

Nie zuvor ist ein Land derart systematisch verwüstet worden. Weil aber "Moral" schwer zu treffen war, zielten die Spreng- und Brandsätze auf Wohnhäuser und Kirchen und Schlösser. In fünf Jahren Bombenkrieg wurden mehr als 1000 Jahre Stadtgeschichte weitgehend ausgelöscht.

Zwischen 1940 und 1945 wurden insgesamt 1,4 Millionen Starts britischer und US-amerikanischer Bombenflugzeuge in Richtung Deutschland gezählt. Die Angreifer verloren dabei rund 21000 Flugzeuge und 140 000 Mann, das entspricht einem Drittel der alliierten Gesamtverluste.

Was sich während der Bombardements in den brennenden Städten zugetragen hat, übersteigt jedes Fassungsvermögen. So enorm soll die Verstörung gewesen sein, dass sie nach dem Krieg in Schweigen umgeschlagen und "nie wirklich in Worte gefasst" worden sei.

Fragwürdiger Präzedenzfall

Vor allem der Mythos um Guernica blockiert zuweilen die Diskussion. Der deutsche Angriff auf die baskische Stadt am 26. April 1937 gilt gleichsam als Sündenfall des Terrorkriegs, als Blaupause, die alle Luftmächte später nur kopiert haben: Die Deutschen haben angefangen und das unterschiedslose Bomben gegen Zivilisten erfunden. Daran ist nicht falsch, dass Guernica ein Terrorangriff war. Aber die Annahme, er sei ein Präzedenzfall, ist irrig. In seinem Buch "A History of Bombing" hat der schwedische Autor Sven Lindqvist den Mythos bereinigt: Der Bombenkrieg gegen Zivilisten war nicht die Erfindung einer einzelnen Nation, sondern der gesamten industrialisierten Staatenwelt.

Die erste Bombe der Geschichte fiel am 1. November 1911, acht Jahre nachdem zum ersten Mal ein Motorflugzeug abgehoben hatte. Der italienische Leutnant Giulio Cavotti warf sie - ein dänisches Produkt - nahe des libyschen Tripolis aus seinem aeroplano auf Araber, die sich gegen die Kolonialtruppen der Italiener wehrten. Wie viele Menschen umkamen, ist nicht überliefert, der offizielle Bericht des Millitärs schwärmte von dem "wunderbaren Effekt auf die Moral der Araber".

Auf den psychologischen Effekt kam es an

Die psychologische Wirkung des Bombenkrieges war enorm, vor allem in England: Die Bomben lösten eine Panik in den Straßen aus und tiefe Angst im ganzen Land: Nach Jahrhunderten der erste Angriff auf das Mutterland! Für die meisten Briten ein ungeheurer Schock.

Er erklärt unter anderem, warum englische Strategen in den folgenden Jahren zu den energischsten Verfechtern des offensiven Bombenkrieges gehörten: Sie waren viel stärker von den Bomben beeindruckt als etwa die kriegsgewohnten Deutschen und suchten ihr Heil im Angriff als der besten Verteidigung. "Der Bomber kommt immer durch", deshalb sei Abwehr sinnlos, erklärte 1932 Stanley Baldwin, mehrfach englischer Premierminister. Stattdessen müsse "man schneller und mehr Frauen und Kinder töten als der Feind, wenn man überleben will".

Chronologie des Terrors

Der deutsch-englische Bombenkrieg beginnt im Frühjahr 1940. Am 10. Mai wird Winston Churchill Premierminister, am Tag darauf erklärt sein Kabinett, auf deutsche Zivilisten werde bei Bombenangriffen keine Rücksicht mehr genommen. Der britische Jurist F. J. P. Veale schreibt später, damit sei "das Grundprinzip der zivilisierten Kriegsführung widerrufen" worden. Angesichts der langen Vorgeschichte des Bombenkrieges erscheint diese Einschätzung übertrieben: Churchill verkündet nur, was gängiges Denken ist.

Der erste britische Luftangriff gegen eine deutsche Stadt trifft Mönchengladbach. In der Nacht auf den 12. Mai 1940 gehen einige Dutzend Bomben auf die Stadt nieder und töten vier Zivilisten. In den Tagen danach folgen Luftangriffe auf Dortmund, Essen, Hamm, Aachen, Hannover und andere Städte. Zielen die Piloten auf Industrieanlagen oder auf die Wohnhäuser? Es ist kaum zu sagen.

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Blick in die Hamburger Mönckebergstraße nach einem Luftangriff im Juni 1944

Die Trefferquote war gering

In den ersten Kriegsjahren wird die Luftstrategie entscheidend von den erbärmlichen Navigations- und Zieltechniken geprägt. Sie sind derart unzuverlässig, dass die Piloten froh sind, ihr Ziel überhaupt zu sichten. Oft verfliegen sie sich, bombardieren die "falschen" Städte oder verwechseln Wohnviertel mit Fabriken. Zudem streuen die Bomben nahezu unkalkulierbar.

Daher kommen auch bei formal "legitimen" Angriffen gegen Militär- oder Industrieziele etliche Zivilisten ums Leben, oft Hunderte. Die Grenze zwischen Krieg und Terror ist bis zur Unsichtbarkeit dünn.

Deutsche Angriffe auf England

Am 5. Juni 1940 beginnen deutsche Piloten die ersten Angriffe gegen Flughäfen und Militäranlagen in Südengland. Am 5. Juli schreibt Churchill an Rüstungsminister Beaverbrook, nichts anderes werde "den Deutschen zur Vernunft bringen und in die Knie zwingen als ein absolut verheerender Ausrottungsangriff mit überschweren Bombern". Noch vor dem deutschen Angriff auf Coventry am 14. November 1940, der oft neben Rotterdam als Wendung hin zum Terrorkrieg gilt, befiehlt Churchill, verstärkt Brandbomben über deutschen Städten abzuwerfen, um den "Feuern jede Gelegenheit zu geben, sich auszudehnen".

Wer hat angefangen?

Der Freiburger Militärhistoriker Klaus A. Maier warnt vor zwei Fehlern im Umgang mit der Luftkriegsgeschichte. Zum einen werde oft unterstellt, "die Alliierten hätten nur deutsches Verhalten kopiert, aber selber keinerlei Absichten für den Totalen Bombenkrieg" gehabt. Das sei inzwischen hinreichend widerlegt. Schon vor dem Krieg enthielten etwa die britischen Dienstvorschriften Anweisungen für unterschiedslose Bombardements gegen Zivilisten. Zum anderen, so Maier, würden manche Historiker annehmen, die deutsche Luftwaffe habe keinerlei "Terrordoktrin" besessen, sei also eher gegen die eigenen Absichten zum rücksichtslosen Bomben gelangt. Auch das gilt als widerlegt, denn bereits in den 1930er Jahren sprachen hohe Offiziere davon, jede Bombe auf England müsse dem "Terrorkrieg" dienen.

Die Engländer kommen den Deutschen zuvor

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Nach einem Luftangriff am 25. Oktober 1944 versuchen die Bewohner der Marienstraße in Hamburg-Harburg, ihr Hab und Gut aus den zerstörten Häusern auf die Straße zu retten

1940 greift die Royal Air Force einen Monat lang, im Mai, Industrieanlagen im Deutschen Reich an, ehe die ersten Luftwaffenpiloten beginnen, Sprengsätze über dem englischen Festland abzuwerfen. Dieser Umstand überrascht heutzutage: Briten haben Deutschland bombardiert, bevor Deutsche gegen England flogen? Nicht umgekehrt? "Wir haben angefangen", erklärt der prominente britische Völkerrechtler J. M. Spaight 1944, "das ist eine historische Tatsache."

Doch so bemerkenswert ist dieser Befund nicht. Zunächst einmal: Es handelt sich um den Beginn des Bombenkrieges, nicht des Krieges. Dass England mit vollem Recht gegen den Aggressor vorgeht, der halb Europa erobert hat, steht außer Frage. Zudem: Hitler hält sich zunächst zurück, weil er in jenen Tagen damit beschäftigt ist, die Eroberung Frankreichs abzuschließen. Auch wünscht er keinen Krieg gegen England, er will nach Osten, die Sowjetunion unterwerfen, nicht seine teure Luftwaffe über der Insel verschleißen.

Und Churchill? Eskaliert er? Das wäre ein bedenkliches Wort für eine verzweifelte Lage. In jenen Tagen steht England ganz allein. Frankreich, Belgien, Holland, Polen und die Tschechoslowakei sind besetzt, die USA scheuen den Kriegseintritt - und es steht kein britischer Soldat mehr auf dem europäischen Kontinent. Die letzten sind Anfang Juni 1940 vom Strand in Dünkirchen evakuiert worden.

Churchill hat keine andere Wahl

Wahrscheinlich hätte der britische Premierminister die Bombenangriffe gegen Deutschland selbst dann befohlen, wenn kein deutsches Flugzeug jemals über England erschienen wäre. Denn vom Sommer 1940 an hat er gar keine andere Wahl: Die Bomber sind seine einzige Waffe gegen Nazi-Deutschland. Ohne sie müsste er die Hände in den Schoß legen. Undenkbar. "Die einzige Unmoral, derer wir uns damals hätten schuldig machen können", schreibt später ein Zeitzeuge, "wäre gewesen, den Krieg gegen Hitler zu verlieren." In dieser Situation die Flugzeuge nicht gegen Deutschland einzusetzen, wäre einer - auch moralischen - Kapitulation gleichgekommen.

Deutsche Bomber schlagen zurück

Massive deutsche Bombardements lassen nicht lange auf sich warten. Von August 1940 bis Mai 1941 fliegen deutsche Bomber Angriffe gegen britische Städte, darunter London, Birmingham, Coventry und Glasgow. Sie gelten gemeinhin als reine Terrorattacken, also als der Absicht nach gezielte Angriffe gegen die Bevölkerung. Ob es so war, darüber wird bis heute gestritten.

Studien von James Corum oder Horst Boog legen die Vermutung nahe, dass die Deutschen überwiegend auf militärische und industrielle Anlagen zielen - auch in Coventry. Der Autor der offiziellen britischen "Geschichte der Luftverteidigung" urteilt: "Detaillierte Unterlagen weisen nicht darauf hin, dass ein unterschiedsloser Bombenkrieg gegen die Zivilbevölkerung geplant war. Zielpunkte waren meist Fabriken und Hafenanlagen." Knapper und zynischer schreibt Bomberchef Harris: "Wieder und wieder verpassten die Deutschen ihre Chance, unsere Städte in Brand zu setzen."

Mannheim: ein Exempel

Andere Dokumente belegen hingegen, dass die Deutschen bei ihren Angriffen erhebliche zivile Verluste billigend in Kauf nehmen. Doch wie stets macht die formale Differenzierung keinen Unterschied für die Zivilbevölkerung: In neun Monaten sterben 30 000 Menschen, im gesamten deutschen Bombenkrieg 61 000 Engländer. Im gleichen Zeitraum fliegen britische Bomber laufend Angriffe auf das Dritte Reich, von denen einige ins Gedächtnis eingehen - nicht wegen der Zahl der Opfer, sondern der Eindeutigkeit der Absicht.

Exempel und Versuchsobjekt: Mannheim Etwa Mannheim am 16. Dezember 1940. Die Stadt besitzt weder relevante Militär- noch Industrieanlagen und wird daher von der Luftverteidigung kaum geschützt. Aber sie ist auf einem streng symmetrischen Grundriss erbaut, rechteckige Häuserblocks in immergleichen Abständen, die sich zum Studium von Detonationsdruckwellen eignen. Deswegen ist sie ausgewählt worden.

Das primäre Angriffsziel: Zerstörung der Innenstadt. Das sekundäre: erforschen, wie eine Stadt am effizientesten zu planieren ist. Der Zweck wird allerdings verfehlt, die Bomben fallen jenseits der Innenstadt in ein Wohnviertel, 20 Menschen sterben. Die Bombertechnik wird in anderen Orten verfeinert.

Das ist ein langer Weg. Im Sommer 1941 untersucht eine britische Kommission die Treffsicherheit der Royal Air Force. Sogar bei idealem Wetter findet nur ein Drittel der Bomber ihr Ziel, wobei "Ziel" großzügig ausgelegt wird: ein Umkreis von acht Kilometern um den Zielpunkt. Bei schlechtem Wetter sinkt die Quote auf zehn Prozent, in mondlosen Nächten gibt es nur Zufallstreffer.

Ein vernichtendes Urteil. Nichts deutet in dieser Phase darauf hin, dass der Bombenkrieg auch nur eines seiner Ziele erreichen könnte: die Demoralisierung der Bevölkerung oder die Zerstörung kriegswichtiger Produktion.

Das "Area bombing" wird zur offiziellen Methode

Doch so wird der Befund nicht interpretiert. Stattdessen wird das Kriegsziel endgültig entgrenzt.

Am 9. Juli 1941, der deutsche Überfall auf die Sowjetunion geht in die dritte Woche, befiehlt Churchill, "die Moral der deutschen Zivilbevölkerung insgesamt zu zerstören, und die der Industriearbeiter im Besonderen". Am 14. Februar 1942 geht die Royal Air Force mit der "Area Bombing Directive" ganz offiziell zum Flächenbomben über. Im Anhang der Direktive gibt Sir Charles Portal, der britische Luftwaffen-Stabschef, unmissverständlich zu Protokoll: "Es ist klar, dass die Zielpunkte Siedlungsgebiete sein sollen und beispielsweise nicht Werften oder Luftfahrtindustrien. Das muss ganz deutlich gemacht werden."

"Dehousing" als Kriegsziel Neun Tage später wird Arthur Harris Chef der Bomberflotte. Er wird das moral bombing mit beispielloser Leidenschaft ausführen. Wie das auszusehen habe, erläutert Churchills deutschstämmiger Berater Frederick Lindemann (Lord Cherwell): In einem Memo entwirft er das dehousing von 22 Millionen Deutschen in 58 Großstädten. Am Palmsonntag 1942 wendet Harris die neue Politik erstmals an. Er wählt dafür Lübeck, weil die Stadt militärisch unwichtig und kaum verteidigt ist und ihr mittelalterlicher Stadtkern mit den eng gebauten Holzhäusern eher, so Harris, "einem Feueranzünder als einer menschlichen Siedlung" gleicht.

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Im Juli 1943 fliegen Bomber der Royal Air Force verheerende Angriffe gegen Hamburg: Der Feuersbrunst fallen 31 000 Menschen zum Opfer. Die Rauchsäule des Angriffs vom 28. Juli reichte sieben Kilometer in den Himmel

In der wolkenlosen Nacht auf den 29. März 1942 werfen 234 Flugzeuge ein Drittel Spreng- und zwei Drittel Brandmunition ab. Der Angriff beginnt um 22.30 Uhr, zunächst sind nur wenige Brände zu sehen. Doch nach 20 Minuten frisst sich eine Flammenwand am Ufer des Flüsschens Trave entlang, bald fegen Feuerwellen durch mehr als 1500 Häuser, schließlich brennen 130 Kilometer Straßenfront. 320 Menschen sterben, so viele wie bei keinem britischen Angriff zuvor - ein "großartiger Erfolg", so das Bomber Command. Wenige Tage später brennt Rostock, dann greifen fast 1000 Bomber Köln an und zerstören 3300 Gebäude.

Nachts die Briten, tagsüber die Amerikaner

Es folgen 700 britische Bomber gegen Essen, dann Bremen. Anfang 1943 treten die USA in den Krieg ein, fortan teilen sich ihre Flugzeuge den Himmel mit den britischen: Tagsüber fliegen Amerikaner in B-17-Bombern Präzisionsangriffe gegen Industrie- und Militärziele, nachts attackieren Engländer die Städte. Die Verluste unter den Piloten sind gewaltig - bei manchen Angriffen werden die Hälfte aller Flugzeuge abgeschossen oder schwer beschädigt. Die Alliierten machen dennoch weiter, zunehmend auch, um Josef Stalin zu beruhigen. Der sowjetische Diktator verliert jeden Tag bis zu 10 000 Männer auf den Schlachtfeldern, er verlangt, dass die Westmächte wenigstens aus der Luft eine zweite Front halten.

Die Opferzahlen steigen dramatisch an. 1942 sterben 6800 deutsche Zivilisten unter den Bomben, 1943 sind es über 100 000. Harris besitzt eine eigene Liste; mit den Namen der "100 wichtigsten Städte für den deutschen Kriegseinsatz". Jedes Mal, wenn er glaubt, ein Ort sei endgültig ausgeschaltet, streicht er ihn durch. Andere Ziele hingegen werden gemieden. Obwohl die Alliierten vom Massenmord in Auschwitz wissen, lehnt US-Unterstaatssekretär John McCloy im Frühsommer 1944 ein Bombardement etwa der Gleisanlagen ab - weil ein Angriff auf das KZ nicht dazu beitrage, den Krieg rascher zu beenden. Allein zwischen Mai und Juli 1944 werden in Auschwitz mehr als 400 000 Juden umgebracht - etwa so viele, wie Deutsche im gesamten Bombenkrieg starben.

Sinnlose Zerstörung

Damals wie heute richten sich die größten Zweifel an der alliierten Luftkriegsführung auf die letzten Monate des Konfliktes. Je länger er währte und je mehr die deutsche Luftwaffe ausgeschaltet wurde, desto energischer steigerte sich der Bombenkrieg. Über die Hälfte der britischen Gesamtabwurfmenge entfiel auf die letzten neun Monate des Krieges, allein auf die letzten vier Monate ein Drittel der Tonnage. Die Fliegertruppe bebombte unter anderem das bereits völlig zerstörte Essen mit der Begründung, es könnten sich in den menschenleeren Trümmern ja nochmals Industrien ansiedeln. Sie griff das noch unberührte Bonn an, nur um ein neues Navigationssystem auszuprobieren. Und sie vernichtete das militärisch völlig irrelevante Stadtjuwel Würzburg, weil es noch nicht zerstört war.

Freiburg, Heilbronn, Nürnberg, Hildesheim, Mainz, Paderborn, Magdeburg, Halberstadt, Worms, Pforzheim, Trier, Potsdam, Dresden - sie alle starben in den letzten Kriegstagen, weil alles andere bereits vernichtet war.

Das Fazit ist vernichtend

Nach dem Krieg setzten Briten und Amerikaner Untersuchungskommissionen ein, um die Auswirkungen ihres Bombenkrieges zu bewerten. Die britische Kommission nannte drei Faktoren für den Sieg der Alliierten: die Invasion in Frankreich, den Zusammenbruch der deutschen Industrie und das Austrocknen der Benzinversorgung. Die Bombardierung der deutschen Städte wurde nicht einmal erwähnt. Mitglieder der amerikanischen Kommission kamen zu der Einschätzung, die Flächenbombardements hätten den Krieg sogar verlängert: weil sie die Stadtbevölkerung auf ein Niveau gebracht hätten, auf dem die wenig industrielle Güter verbrauchte, also mehr Ressourcen für die Wehrmacht zur Verfügung standen. Und weil das Flächenbomben viele Kräfte gebunden und von der Bekämpfung militärisch sinnvoller Ziele abgezogen habe. Der US-Militärhistoriker Stephen Garrett, der die Argumente in einem Buch sorgfältig abwägt, kommt zu einem deutlichen Fazit: Spätestens ab 1944 seien die alliierten Flächenbombardements in ihrer Mehrzahl "ein Verbrechen und ein Fehler" gewesen.

Nach dem Kriegsende beginnt das Schweigen

Als der Krieg schließlich endete, versuchten die Sieger, den Bombenkrieg aus dem Gedächtnis zu tilgen. Noch bevor die letzten Bomben fielen, distanzierte sich Churchill von seiner Strategie. Zwar schrieb er nach dem Krieg, "wir sollten uns niemals für das entschuldigen, was wir den Deutschen angetan haben". Doch er meinte auch, dass die Zerstörung Dresdens "ernsthafte Fragen über die alliierte Bombenkriegsführung aufwirft" und deren "Terror und die wahllose, wenngleich beeindruckende Zerstörung". Bereits in den letzten Kriegstagen setzte eine "Kampagne des Vergessens" ein (Stephen Garrett).

Churchill versuchte vergeblich, die Untersuchungskommission über den Bombenkrieg zu verhindern. Den Männern des Bomber Command wurde ein Orden für ihren Einsatz verwehrt. Auch Arthur Harris, einer der ranghöchsten Offiziere Seiner Majestät und während des Krieges als Kommandeur eines der wichtigsten Truppenteile gepriesen, musste ohne Ehrung gehen. Bei den Kriegsverbrecherprozessen in Nürnberg sorgten die Alliierten dafür, dass Bombenangriffe nicht zur Sprache kamen. Telford Taylor, einer der amerikanischen Ankläger, erklärte später, er habe den Bombenkrieg ausgeschlossen, weil die deutschen Angriffe im Vergleich zu den alliierten "verblassten".

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