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Dschingis Khan: Vom Steppen-Knirps zum Imperator

Wie er ausgesehen hat, weiß man nicht genau. Doch über das Leben des Dschingis Khan ist manches überliefert. Eine blutige Erfolgsstory.
In diesem Artikel
"Ozeangleicher Herrscher"

Um 1162 wird der erst später "Dschingis Khan" geheißene Temüdschin geboren. Als er neun Jahre alt ist, erliegt sein Vater einem Giftanschlag. Durch den Tod ihres Anführers löst sich das Bündnis mehrerer Clans im Nu auf. Temüdschin ist für eine Nachfolge noch zu jung. Das "Gesetz der Steppe" ist das Recht des Stärkeren. Und Temüdschin sowie sein "Clan", der nur noch aus seiner Mutter und deren vier halbwüchsigen Söhnen besteht, sind schwach. Man raubt ihre Pferde, Temüdschin gerät vorübergehend in Gefangenschaft.

Eine Karriere als Krieger

Eine Wende zum Besseren bringt erst seine Verbindung mit Toghrul, dem Khan der Kereiten. Temüdschin unterstellt sich als Vasall und führt mit derartig geschickte und erfolgreiche Feldzüge gegen Merkiten und Tataren, dass selbst die chinesischen Machthaber auf den jungen Häuptling aufmerksam werden und ihm den Titel eines jarhuchi verleihen, eines "Bewachers der westlichen Grenze".

Für Feinde gibt es kein Pardon

Um das Jahr 1200 herum hat sich Temüdschin solchen Kriegsruhm erworben, dass ihm immer mehr Mongolen zuströmen. An seiner Seite zu kämpfen, heißt Beute zu machen: Pferde, Frauen, Sklaven. Unterworfene sind rechtlos. Erheben sie sich gar, wie etwa die Tataren, werden alle männlichen Überlebenden "am Radstift gemessen": Jeder, der die Achse eines Ochsenkarrens überragt, wird geköpft. Der Rest, Frauen und Kinder, versklavt.

Angriffe aus dem Hinterhalt

Ähnlich rücksichtslos ist die Kampftaktik der Mongolen. Meist überfallen sie ihre Opfer bei Nacht. Es gilt nicht als ehrlos, einen Wächter hinterrücks zu erstechen. Die Mongolen haben auch keine Skrupel, ihre Gegner in eine Falle zu locken oder sie mit drei- und vierfacher Übermacht zu erdrücken. Und wer so naiv ist, sich von den Mongolen zum Versöhnungsmahl einladen zu lassen, der darf sich nicht wundern, dass er bei dieser Gelegenheit sogleich gemeuchelt wird.

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So soll Dschingis Khan in seinen Sechzigern ausgesehen haben. Portrait eines chinesischen Malers auf Seide

"Ozeangleicher Herrscher"

Bald ist Temüdschins Gefolgschaft so zahlreich, dass er beanspruchen kann, der Khan aller Mongolen zu werden. Im Frühjahr 1206 rufen die Stämme den 44-Jährigen auf einem Reichstag zum obersten Anführer aus. Temüdschin wählt sich einen Titel, den vor ihm noch niemand geführt hat. Er nennt sich Dschingis Khan, der "rechte Herrscher" - oder nach anderer Lesart: der "ozeangleiche Herrscher". Und er gibt den vereinigten Stämmen eine Aufgabe: die Eroberung Chinas.

Üben für den Krieg gegen China

Die Aussicht, das reichste Land Asiens zu besiegen und auszuplündern, begeistert die mehr als 100 000 Krieger, die Dschingis Khan unter seiner Standarte versammelt hat.

In Vorbereitung auf den geplanten großen Krieg üben die Mongolen auf dem Gefechtsfeld. "Dichtes Gras" heißt die Marschformation, "See" die Aufstellung zum Angriff, "Bohrer" die diszipliniert vorgetragene Attacke. Innerhalb der kleinsten Einheit, der Zehnerschaft, ist jeder für die Tapferkeit der anderen verantwortlich; auf Feigheit vor dem Feind steht kollektiv der Tod. Plünderungen schon während des Kampfes werden mit dem Tod bestraft.

Neue Sitte: Ehebruch wird verboten Mit Weitblick ordnet der Herrscher auch die rechtlichen Beziehungen zwischen den Clans. In einer Gesetzessammlung verbietet er alles, was den inneren Frieden stört. Diebstahl, also auch der so beliebte Pferde- und Viehraub, wird mit dem Tod geahndet. Ebenso Ehebruch (was sich natürlich nicht auf Sklavinnen oder Frauen fremder Nationen bezieht). Erschlägt jemand im Streit unabsichtlich einen anderen, kommt er mit einer Geldstrafe davon. Darüber hinaus ist Blutrache untersagt.

Die größte Stadt brennt einen Monat lang 1207 erprobt Dschingis Khan die neue Geschlossenheit seiner Männer an dem schwächsten der chinesischen Teilstaaten, am Reich der Tanguten südlich der Gobi. Der Sieg ist so überwältigend, dass sich die Stämme im Westen und Norden - Uiguren, Kirgisen und Oiraten - gleich freiwillig unterwerfen.

1211 führt der Mongolenherrscher seine Armee ins "gelobte Land" - nach China. Hier trifft er auf stärkeren Widerstand und auf gut verteidigte Städte. Zhongdu, das spätere Beijing, belagert er zunächst vergebens; aber schon bald werden chinesische Ingenieure und erfahrene persische Pioniere ihm mauerbrechende Geräte entwickeln. 1215 fällt die Stadt, sie brennt einen Monat lang. Nordchina gerät unter mongolische Herrschaft.

Kollaborateure sind willkommen Dschingis Khans politisches Konzept lässt sich auf eine einfache Formel bringen: Wer sich unterwirft, wird geschont; wer aus den Reihen der besiegten Völker militärisch, administrativ oder wissenschaftlich talentiert ist, der darf sich im Dienst der Mongolen bewähren. Krieger werden in die mongolischen Kontingente aufgenommen, die bald ein breites ethnisches Spektrum aufweisen. Verwaltungsfachleute bekleiden wichtige Hofämter, Künstler und Gelehrte erhalten Aufträge.

Vorstöße bis nach Java 1221 tränkt der Fürst aus der Steppe sein Pferd im Indus. Unter seinem ab 1229 regierenden Sohn und Nachfolger Ögödai, dehnt sich das Reich bis Europa aus. Um 1280 ist es das größte Landimperium der Weltgeschichte. Es umfasst die riesigen Steppengebiete Russlands von der Wolga bis zum Baikalsee, ist im Nahen Osten bis in den Kaukasus, die Türkei, den Irak vorgedrungen, hat Tibet und ganz China unterworfen. Mongolische Heere fallen in Indien ein und versuchen die Invasion Japans. Burma, Vietnam, Kambodscha und selbst Java sind Ziel von Plünderungszügen.

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Die arabische Handschrift aus dem 14. Jh. zeigt mongolische

Truppen beim Überschreiten des Tigris

und der Eroberung Bagdads (1258)