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Entnazifizierung: Ein Volk vor Gericht

Die Deutschen im Krieg zu bezwingen, reicht den Amerikanern nicht. Sie wollen die Wurzeln des Nazismus ausrotten - und beginnen die größte politische Säuberung der Geschichte. Doch was als hehres Ziel der Sieger gedacht ist, wird zu einer Niederlage.
In diesem Artikel
Neuanfang mit altem Personal
Viele Schlupflöcher für Alt-Nazis

Alfons Harreis (Name geändert) ist ein begeisterter Nazi gewesen. In dem Fragebogen zu seinem Entnazifizierungsverfahren listet er insgesamt 14 NS-Organisationen auf, denen er angehört hatte - weit mehr Mitgliedschaften als nötig gewesen wären, um sich zum NS-Staat zu bekennen. Er kaufte billig ein Haus, das zuvor einer jüdischen Familie enteignet worden war. Er hat, so lauten glaubwürdige Beschuldigungen, griechische Zwangsarbeiter ins KZ einliefern lassen. Am 14. März 1949 aber wird Harreis' braune Vergangenheit weiß gewaschen.

Braune Vergangenheit wird weiß gewaschen Die Entnazifizierungs-Spruchkammer Nürnberg stuft ihn "im Nachverfahren" und "endgültig" als Mitläufer ein. Aus einem aktiven ist ein passiver Nazi geworden. Was immer Harreis unter Hitler getan hat, es wird ihm in der Bundesrepublik nicht von Nachteil sein. Ebenso wenig wie den meisten Parteigenossen: Fünf Jahre nach Kriegsende sind praktisch alle einstigen Nationalsozialisten entlastet. Was gedacht war als größte politische Säuberungsaktion der Geschichte, endet als gigantische Rehabilitierung.

Fast überall beginnt die Entnazifizierung mit einem notwendigen Fehler: Um das Chaos und die Not in den Städten zu bewältigen, braucht man Experten. Doch wie schafft man neue Verhältnisse, wenn nur altes Personal vorhanden ist? Am Ende des Krieges führt die NSDAP-Kartei mehr als 6,5 Millionen Mitglieder, jeder sechste erwachsene Deutsche gehört einer NS-Organisation an, in den jüngeren Jahrgängen liegt der Anteil noch wesentlich höher. Dieses Land wollen die Amerikaner nun säubern, dessen Bürger umerziehen. Denazification und reeducation sind Ideen Washingtons.

Politisches Großreinemachen

Zwar entnazifizieren auch Frankreich und Großbritannien, aber in viel geringerem Umfang. Die Sowjetunion geht in ihrer Zone scharf gegen NS-Eliten vor, lässt aber einfache Parteigenossen weitgehend unbehelligt. Zunächst, in den ersten Monaten nach dem Krieg, scheitern die hehren Säuberungsvorsätze an der deutschen Wirklichkeit. Die Fachleute werden gebraucht. Ob diese Nazis waren oder nicht, ist zweitrangig. Es herrscht die policy of postponement, die Politik des Vertagens: jetzt aufbauen, später säubern.

Um dennoch Erfolge nach Washington melden zu können, entlassen die Militärs vor allem entbehrliche Beamte der unteren Ränge - doch das wirkt psychologisch verheerend. Die Besatzer, so das schnelle Urteil vieler Deutscher, handeln offenbar genauso willkürlich wie zuvor die Nationalsozialisten. Ehe die Entnazifizierung noch richtig begonnen hat, stößt sie bereits auf heftige Ablehnung. Die Amerikaner verteilen 1945 rund 1,4 Millionen Fragebögen, auf denen Beamte, Unternehmer und Funktionäre ihre Vergangenheit offen legen sollen - aber Konsequenzen aus diesen Unterlagen ziehen die Besatzer nur zum Teil.

Neuanfang mit altem Personal

Das liegt auch daran, dass die Fragebögen nur wenig hergeben für das entscheidende Problem: Wie ist ein gefährlicher Nazi von einem harmlosen Mitläufer zu unterscheiden? Eher zufällig sei er "Hitlerist" geworden und dann auch noch von der Partei vorzeitig vereinnahmt worden, behauptet Alfons Harreis - nicht ohne Grund: Wer bis zum 1. März 1933 der "Bewegung" beigetreten ist, wird besonders streng bestraft. Also muss das Datum womöglich frisiert werden. Die Amerikaner stehen schon bald einem Dickicht aus Ehrlichkeit und Lüge gegenüber, aus korrekten Details und verdrehten Zusammenhängen, die Entnazifizierung tritt auf der Stelle.

Auch in der Bevölkerung regt sich Protest gegen die schleppende denazification. Vor allem beklagen sich Sozialdemokraten, Gewerkschafter und andere Opfer des Faschismus, die auf eine energische Beseitigung ihrer einstigen Peiniger gehofft hatten. Zudem wächst im Sommer 1945 der Druck aus den USA. Zeitungen werfen ihren Militärs allzu große Nachsicht vor. Mit plötzlicher Heftigkeit dreht sich die Stimmung,. Die Entnazifizierung kippt abrupt ins Drakonische: Nun wird mit breitem Besen gesäubert.

Kehrtwende: Säuberung mit breitem Besen

In Nürnberg erlässt die Militärregierung eine Direktive, wonach "jeder, der jemals Mitglied der Partei oder einer ihrer Unterorganisationen gewesen ist, aus dem öffentlichen Dienst auszuscheiden" hat. Innerhalb von acht Wochen werden 1951 Beamte entlassen: ein Drittel aller bei der Stadt Beschäftigten - was diese nahezu funktionsunfähig macht. Alle "Betroffenen" werden in fünf Kategorien eingestuft: I. Hauptschuldige, II. Belastete und Aktivisten, III. Minderbelastete, IV. Mitläufer, V. Entlastete. An jede Kategorie ist ein bestimmtes Strafmaß geknüpft.

Wen die amerikanischen Entnazifizierungsgremien als Hauptschuldigen einstufen, der wird automatisch zu bis zu zehn Jahren Arbeitslager und zum Einzug seines gesamten Vermögens verurteilt. Belastete erhalten bis zu fünf Jahre Arbeitshaft und müssen Teile ihres Vermögens abgeben, Minderbelastete werden aus leitenden Positionen verbannt, ihr Gehalt wird gekürzt, und sie erhalten drei Jahre Bewährungsfrist. Mitläufer zahlen meist nur eine geringe Buße. Im September wird das "Gesetz Nr. 8" erlassen, das die Säuberung weiter verschärft: Jetzt wird auch die freie Wirtschaft erfasst. Wer einer Parteiorganisation angehört hat, darf nur noch als einfacher Arbeiter tätig sein.

Proteste gegen die "Sippenhaft"

So verfehlt die Säuberung erneut ihr Maß: Wurde anfangs zu wenig, wird nun zu reichlich bestraft - die Entnazifizierung wird überdehnt. Die Deutschen erörtern nicht mehr ihren eigenen Beitrag an der Schuld, sondern empören sich über das "Unrecht" der Besatzer, fühlen sich als Opfer "obrigkeitlicher Willkür", schimpfen auf die "Sippenhaft". Als Reaktion auf diese neue "Bedrohung" beginnt die massenhafte Produktion von "Persilscheinen" - also von Entlastungsbriefen.

Auch Alfons Harreis sammelt fleißig Aussagen, die ihn als anständigen Menschen ausweisen. Auf das Schema der Beschuldigung reagieren die Deutschen mit einem Schema der Entlastung. In den Akten finden sich die immer gleichen Wendungen: "...hat sich während der ganzen Jahre vollständig passiv verhalten...eifriger Besucher der Kirche...war ein aufrichtiger und ehrlicher Mensch...nur gezwungen Parteigenosse und nie Gesinnungs-Parteigenosse..."

Viele Schlupflöcher für Alt-Nazis

Drei Auswege vor allem werden intensiv genutzt. Zum einen können alle von ihrer Arbeitsstelle entlassenen Parteigenossen dagegen Einspruch erheben - und der wird von deutschen Ausschüssen überaus wohlwollend geprüft. Zum anderen werden Spitzenbeamte massenhaft herabgestuft, denn auf niederen Posten dürfen sie weiterarbeiten - und bewahren sich so ihre Pensionsansprüche. Drittens halten die Behörden etliche Planstellen frei, damit Herabgestufte oder Entlassene sie dereinst wieder einnehmen können. So verwässert schließlich auch diese Phase der Entnazifizierung. Amerikanische Offiziere geben zu, dass sie die Säuberung nicht gegen die Deutschen durchsetzen können.

Am 5. 3. 1946 erhalten die Deutschen das Mandat, sich selber von ihrer Vergangenheit zu entgiften - mit dem "Gesetz Nr. 104 zur Befreiung von Nationalsozialismus und Militarismus", dem so genannten "Befreiungsgesetz". Das ganze Verfahren ist neu: Es ist nun Sache von Spruchkammern, die mit Deutschen besetzt sind. Und die Urteile ergehen in "Abwägung der individuellen Verantwortlichkeit", also nach Einzelfallprüfung. Das klingt gerechter - und ist doch völlig undurchführbar. Denn jetzt müssen alle in der US-Zone wohnenden Deutschen über 18 Jahre einen Fragebogen ausfüllen - 13 Millionen Bürger.

Millionen Bürger auf dem Prüfstand

Ein Volk erforscht sich selber. Überall beugen sich Deutsche über die 131 Fragen - etwa nach den "innegehabten Adelstiteln beider Großeltern", nach Auslandsreisen, nach dem Privatvermögen. Oder danach, ob man Immobilien von rassisch, politisch oder religiös Verfolgten erworben habe. Erst im Juni werden in Nürnberg die ersten Spruchkammern vereidigt. Es finden sich nicht viele Deutsche, die bereit sind, über ihre Mitbürger zu richten. Manchem gelten sie als Verräter. Dabei urteilen die Entnazifizierer überaus milde. Sie versuchen, die Mitläufer so rasch wie möglich wieder in Lohn und Brot zu bringen. Die großen Nazis will man sich für später aufheben - policy of postponement, diesmal von Seiten der Deutschen.

Ein verständliches Vorgehen, doch so produzieren die Spruchkammern vor allem Unschuldige. Über 90 Prozent aller von der Entnazifizierung Erfassten werden als Mitläufer eingestuft, oder ihr Verfahren wird eingestellt. Trotz der massenhaften Entlastungen aber ist die Schwemme der Meldebögen so groß, dass sie auf Monate die Spruchkammern regelrecht verstopft; für die intensive Bearbeitung der schweren Fälle bleibt kaum Zeit. Um die Arbeit der Kammern zu beschleunigen, erlassen die US-Militärs 1946 erst eine Jugendamnestie (für alle nach 1918 Geborenen), später eine Weihnachtsamnestie (für Kriegsbeschädigte und für alle, die während der NS-Zeit nur geringe Einkünfte hatten). Damit wird noch einmal pauschal entlastet.

Pauschale "Freisprüche" entlasten Spruchkammern

Im November 1947 werden in der US-Zone noch rund 640 000 Menschen als "Belastete" geführt, im Januar darauf ist diese Zahl auf 230 000 geschrumpft. Entnazifizierung und Rehabilitierung sind nicht mehr zu unterscheiden. Zu den wenigen, die von einer Spruchkammer als "Belasteter" verurteilt werden, gehört Alfons Harreis: Die Kammer stuft ihn als Aktivisten in Gruppe II ein, laut Urteil soll er drei Jahre lang "Sonderarbeiten für die Allgemeinheit" leisten. Die Hälfte seines Vermögens, immerhin 272100 Reichsmark, wird zu Zwecken der Wiedergutmachung konfisziert. Harreis verliert alle Rentenansprüche und das Wahlrecht.

Er erhebt Widerspruch, dieses Recht gewährt ihm das "Befreiungsgesetz" - und reicht weitere Persilscheine nach. Doch solche Bemühungen werden immer weniger notwendig. Als Harreis 14 Monate später erneut vor die Berufungskammer tritt, wird er nur noch als Minderbelasteter eingestuft und sein Vermögen zurückerstattet. Die Entnazifizierung ist erledigt - lange vor ihrem offiziellen Ende im Jahre 1950. Der beginnende Kalte Krieg lässt sie endgültig erstarren. Washington fürchtet zunehmend, eine konsequente Säuberung könne die Deutschen dem Kommunismus zutreiben.

Am Ende: schuld- und schuldenfrei

So nimmt sich die Bilanz der denazification am Ende bescheiden aus: Von den 13,41 Millionen Deutschen, die in der amerikanischen Zone einen Fragebogen ausfüllen, werden bis Mitte des Jahres 1949 genau 1654 als Hauptschuldige verurteilt, das entspricht 0,012 Prozent. 22122 gelten als Aktivisten/Belastete (0,17 Prozent) und 106422 als Minderbelastete (0,8 Prozent).

Offiziell endete die Entnazifizierung in der Bundesrepublik Deutschland im Dezember 1950 per Bundestagsbeschluss. Alfons Harreis indes kämpfte weiter: um die Stundung seiner Restschuld aus dem Spruchkammerprozess in Höhe von 360,90 Mark; es handelte sich um seinen Anteil an den Verfahrenskosten. Nach langem Briefwechsel gab das Finanzamt Nürnberg-Ost schließlich nach und verlangte nur noch eine Abschlusszahlung von 16,65 Mark. Am 15. August 1951 war der stramme Nazi Alfons Harreis endgültig schuld- und schuldenfrei.