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Die erste Zivilisation

Am Nil fing alles an: Die Ägypter erfanden die Schrift und den Zentralstaat, den ersten brauchbaren Kalender und den steingewordenen Größenwahn: die Pyramiden. Ihre Kultur ist von Wissenschaftlern so gut erforscht wie kaum eine sonst - und doch ist sie uns bis heute rätselhaft geblieben.

Vor mehr als fünf Jahrtausenden gelang den Menschen am Nil innerhalb weniger Generationen der Sprung von der Ackerbaugesellschaft zur Hochkultur. Aus einer Hand voll kleiner Stammesfürstentümer wurde der erste militärisch, politisch und religiös geeinte zentralistische Staat der Weltgeschichte: das Reich der Pharaonen.

Die Dynastien des Alten Ägypten stehen für eine ungeheure Stabilität der Macht. Manche Könige regierten länger, als die Bundesrepublik Deutschland alt ist; Herrscherfamilien überdauerten Jahrhunderte; zwischen dem ersten und dem letzten Pharao liegen mehr Jahre als zwischen der Gründung Roms und unserer Gegenwart.

Heute strahlt das Land am Nil auf den ersten Blick die morbide Faszination eines Friedhofes aus: freilich des größten Friedhofs der Erde, rund 1000 Kilometer lang. Der Tod ist allgegenwärtig - nicht nur vor den Pyramiden, den monumentalsten Grablegen der Menschheit, oder in den prächtig ausgemalten Totenstätten im Tal der Könige. Auch die Tempel und Kolossalstatuen der Götter und Herrscher weisen in die Sphären des Jenseits, der Unterwelt, des Himmels - überallhin, nur nicht auf den Alltag der Menschen, die einst diese Bauten schufen.

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Während etwa vom Alten Rom nicht nur die Tempel und Mausoleen erhalten sind, sondern auch Tavernen und Zirkusarenen, Werkstätten und Sklavenbaracken, die selbst dem flüchtigen Betrachter eine Ahnung vom Alltag des antiken Lebens vermitteln, war Ägypten nicht nur die erste Hochkultur der Geschichte, sondern auch eine Zivilisation, die wie keine sonst besessen war vom Tod.

Schon die ersten Gräber der frühesten, der "Nullten" Dynastie in Abydos waren Paläste des Jenseits, gefüllt mit den Schätzen dieser Welt. Dieser Kult des ewigen Lebens setzte sich über Jahrtausende fort und fand seinen Höhepunkt im Neuen Reich, wo selbst relativ unbedeutenden Pharaonen wie Tutanchamun mehr Kostbarkeiten mitgegeben wurden, als andernorts ganze Hochkulturen in Besitz hatten.

Es ist vor allem diese Suche nach Unsterblichkeit, die noch heute viele Besucher berührt: der Ewigkeitsanspruch eines Imperiums, das in seiner über die Generationen gewahrten Stabilität der genaue Gegenentwurf ist zur überschallschnellen Bits-and-Bytes-Gesellschaft des 21. Jahrhunderts.

Dabei stört es auch nicht, dass sich der ägyptische Traum von der Unvergänglichkeit zwar bei ihren Monumenten erfüllt, aber bei den Menschen zu monströsen Karikaturen ihrer selbst geführt hat. Denn gerade die einbalsamierten, ausgeweideten, mit Leinentüchern und Zwiebeln ausgestopften Leichen dokumentieren eine erstaunliche Souveränität vor dem Tod: Die Menschen, die sich mumifizieren ließen, gingen ohne Angst, dafür aber mit der Gewissheit ins Jenseits, dort eine bessere, im wesentlichen aber bereits vertraute Welt vorzufinden.

Die Wurzeln dieser Todesobsession sind bis heute umstritten - eine der vielen offenen Fragen der enigmatischen Nil-Zivilisation. Symbol für all diese Rätsel Ägyptens waren fast eineinhalb Jahrtausende lang die Hieroglyphen. Unzählige Texte sind erhalten, manche als Reliefs an Tempelwänden, groß wie Fußballfelder: unübersehbar, doch unübersetzbar. Und selbst nachdem Jean-François Champollion und seine Nachfolger im 19. Jahrhundert die Zeichen zu entziffern gelernt hatten und beginnen konnten, die Inschriften in Gräbern und Tempeln zu lesen, blieben viele Fragen zum Reich der Pharaonen offen: Wie, beispielsweise, wurden die Pyramiden gebaut? Mit welchen Essenzen kurierten die Alten Ägypter ihre Leiden? Wo genau lag Thinis, die erste Residenz der Pharaonen?

Auch vermag bis heute niemand zu erklären, warum es in der scheinbar so gleichförmigen ägyptischen Geschichte immer wieder zu großen kreativen Eruptionen gekommen ist. Dreieinhalb Jahrtausende lang schrieben die Ägypter mit dem im wesentlichen unveränderten System der Hieroglyphen - nachdem sie diese, nach unserem Wissen älteste Schrift der Menschheit innerhalb kürzester Zeit entwickelt haben müssen. Von wem aber wurden die Hieroglyphen erfunden? Und wozu?

Die Pyramidenform, das augenfälligste Symbol der Zeitlosigkeit, wurde während der 20-jährigen Regentschaft des Pharao Djoser erdacht und gleich zu einem ersten Höhepunkt geführt - in einer Zeitspanne, in der manche heutigen Großprojekte nicht einmal die Genehmigungsphase überwinden. Warum ließ dieser Herrscher sich plötzlich ein himmelstrebendes Grab errichten? Und was bewog dann seine Nachfolger, die Stufen- in die reine, die perfekte Pyramide zu verwandeln: in eine Form, die zu denken, geschweige zu bauen keine andere alte Hochkultur je gewagt hat?

Echnaton zwang seinem Volk in weniger als fünf Jahren als erster Monarch der Geschichte eine monotheistische Religion auf, eine der größten geistigen Revolutionen aller Zeiten. War sein Sonnenkult womöglich ein Auslöser der jüdischen Gottesvorstellung und mithin mittelbar eine Art Prototyp der christlichen Weltreligion? Ist deren Gott also nichts anderes als die Erfindung eines exzentrischen Pharao?

Erst in jüngster Zeit erregt nicht nur das Jenseits, sondern auch das Diesseits der alten Ägypter das Interesse der Wissenschaft. Allmählich erarbeiten sich die Ägyptologen ein umfassendes Bild vom Alltag unter den Pharaonen. Neben den klassischen Mitteln der Archäologie und der Philologie (bei der Untersuchung der Texte) werden dabei zunehmend High-Tech-Geräte und naturwissenschaftliche Methoden eingesetzt. Mumien, noch im 19. Jahrhundert die Sensation okkulter Partys der Oberschicht, verraten heute Ärzten und Mikrobiologen, Genetikern und Chemikern Alter und Geschlecht des Toten, geben Auskunft über dessen Nahrung, Arbeit, sozialen Status und Gebrechen.

Archäologen nutzen Cäsium-Magnetometer und Satellitenaufnahmen, um wenigstens die Fundamente und Straßenverläufe längst vergangener Städte zu finden. Etwa im Nildelta, wo deutsche Wissenschaftler in einem mühseligen Puzzle, einer Kombination aus klassischer archäologischer Grabung und modernsten Methoden, seit Jahren Piramesse erkunden ? die einst prachtvolle Hauptstadt des Ramses und vielleicht jener Ort, von dem aus das Volk Israel aus Ägypten aufbrach.

Ironischerweise haben wir inzwischen nirgendwo mehr über den Alltag der Lebenden gelernt als ausgerechnet an der größten Totenstätte Ägyptens. Denn die Arbeiter, die einst im Tal der Könige die Pharaonengräber in die Felsen trieben, haben einen reichen Schatz an Zeugnissen hinterlassen. Die Ägyptologen konnten hier so viele Relikte zusammentragen, dass wir in Gedanken längst Zeitreisen unternehmen und von Haus zu Haus, von Familie zu Familie schlendern können.

Wahrscheinlich ist das der beruhigendste und zugleich aufregendste Aspekt unserer Ägypten-Faszination: Von der großen Pyramide des Cheops bis zu den penibel auf Kalksteinsplitter geschriebenen Anwesenheitslisten der Schreiber im Tal der Könige haben unzählige persönliche Zeugnisse menschlicher Aktivität, haben ganze Biografien die Jahrtausende überdauert. Womöglich ein Zeichen der Hoffnung: dafür, dass einstmals auch unser Tun, wie so viele Zeugnisse der ersten Hochkultur, dem Verfall und Vergessen trotzen könnte.

Das muss auch jenem arabischen Schriftsteller bewusst gewesen sein, der einst staunend vor den monumentalen Grablegen der Pharaonen stand - und dann notierte: "Die Menschen fürchten die Zeit, aber die Zeit fürchtet die Pyramiden."