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Die Ente des Herrn Iskander

Können Äygpter heute noch mumifizieren? Klar, sagt der Chemiker Zeki Iskander und präsentiert einen leicht verschmurgelten Vogel. Klar, sagt auch Mohammed Chazli und zeigt Krokodile vor, die irgendwie ausgestopft ausehen

Auf dem Nil ist nicht viel los. Ein paar Feluken, hin und wieder die Fähre auf dem Weg zur Totenstadt. Kein Vergleich mit dem Schiffsverkehr auf dem Rhein oder der Donau, aber wo führt der Nil schon hin, hier unten in Luxor? In den Sudan. Im Sudan ist Krieg. 1997 hat Präsident Mubarak in Luxor ein neues Museum eröffnet, hier, direkt an der Uferpromenade. Es geht ein paar Treppen hinunter, zu einem großen dunklen Raum, mit Vitrinen, die sehr effektvoll beleuchtet werden. Das Mumifizierungsmuseum.

Eines der Glanzstücke des Mumifizierungsmuseums ist Herr Masahata, Hoher Priester und General, 21. Dynastie, verstorben mit Anfang 50, vermutlich wegen eines Schädelbruchs. Um Herrn Masahata herum ist eine sonderbare Menagerie versammelt: ein Schafbock mit Totenmaske, die Mumie einer Gans, ein mumifiziertes Ziegenbein, ein mumifizierter Fisch, ein Krokodilbaby, eine Pavianmumie. Und eine Art Brathähnchen - so, wie sie sich in unseren Schnellimbissen am Spieß drehen.

Es sieht ein bisschen verkohlt aus, vor allem auf der Oberseite. Und das ist dann die Hauptattraktion Nummer zwei. Manchmal lachen die Touristen, wenn sie das verkohlte Brathähnchen sehen. Sie verstehen nichts, gar nichts. Und das fängt damit an, dass dieses Brathähnchen gar kein Brathähnchen ist, sondern eine Ente. Die Ente von Zeki Iskander.

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Yehia Ewada, der stellvertretende Museumsdirektor, ist sehr müde. Jetzt, während des Fastenmonats Ramadan, sind in Ägypten fast alle Menschen müde. Trotzdem erzählt Herr Ewada die Geschichte der Ente. "Es war 1942. Im Krieg. In Ägypten war ein Sarkophag gefunden worden, mit einer Mumifizierungssalbe, die noch flüssig war. Ein Glücksfall. Zeki war Chemiker, er hat die Flüssigkeit analysiert. Ein Engländer hat ihm geholfen. Nun, es war auch Feuchtigkeit darin, die von der Leiche stammte. Aber Zeki Iskander hat das Rätsel der Mumifizierung gelöst. Um zu beweisen, dass wir es genauso gut können wie unsere Vorfahren, hat er zwei Enten mumifiziert, auf zweierlei Weise. Bei einer ging es schief, aber bei der zweiten war das Ergebnis sehr gut. Perfekt. Sie haben es ja gesehen."

"Aber wo ist der Kopf? Wo sind die Beine? Und die Federn?" "Es kam Zeki Iskander auf das Prinzip an, nicht auf die Details."

Yehia Ewada ist ein sehr gläubiger Mann. Auf seiner Stirn zeichnet sich ein blauer Fleck ab, dort, wo sein Kopf bei den Gebeten den Boden berührt.

"Wir hatten auch schon russische Besucher hier. Sie haben uns erzählt, dass Lenins Leichnam zerfällt. Sie waren schlechte Mumifizierer, die Kommunisten. Sie hätten unsere ägyptische Methode anwenden sollen."

Gaber Abd el Dayem Ali kommt ins Büro, der junge Ägyptologe, den wir in Kairo schon als Aufseher in der großen Cheops-Pyramide getroffen haben und der dort die Esoterikerinnen bei ihren Nackttänzen gesehen hat. Oder beinahe gesehen hat. Jetzt arbeitet er in Luxor als Fremdenführer.

Gaber sagt: "Es wird immer noch mumifiziert. Vor allem in Assuan. Aber auch hier, in Luxor. Die Leute mumifizieren alles Mögliche - Eidechsen, Vögel, Schlangen, Skorpione. Vor allem Krokodile. Sobek, der Krokodilgott, schützt vor Krankheiten und bösen Geistern. Ja, viele glauben heute noch an die Götter der Pharaonen." "Ist das denn nicht verboten?" "O nein. Das Mumifizieren ist nicht verboten." Nach einer kleinen Pause setzt Gaber hinzu: "Es ist nur verboten, die Krokodile zu töten."

Gaber führt uns in das Gassengewirr des Basars von Luxor. Es ist dunkel. Und auch die Mumifizierung ist ein weites Feld, dunkel, verwirrend, mit vielen Rätseln. C.W. Ceram hat in "Götter, Gräber und Gelehrte" sogar grundsätzliche Zweifel am Sinn dieser aufwendigen Prozedur geäußert. Haben die Salben und Öle der alten Ägypter eher geschadet als genutzt? Waren die trockene und keimfreie Luft, der Sand und die Hitze womöglich für das Gelingen einer schönen Mumie viel wichtigere Faktoren als alles pharmazeutische Drumherum?

Die Menschheit hat jedenfalls die unterschiedlichsten Dinge ausprobiert, wenn es um die Konservierung eines für unverzichtbar gehaltenen Körpers ging. Alexander der Große soll nach seinem Tod in Honig aufbewahrt worden sein. Admiral Nelson, den bei der Schlacht von Trafalgar 1805 der Heldentod ereilte, trat die Heimreise vermutlich in einem Brandyfass an. Aber wie wäre die Weltgeschichte wohl verlaufen, wenn man den Sowjetmenschen den toten Lenin ohne Kopf und ohne Beine und an der Oberseite leicht verschmurgelt präsentiert hätte?

Wir erreichen ein Hähnchenrestaurant. Der Juniorchef von Chicken Hut heißt Mohammed Fuad el Chazli. Und er ist Mumifizierer. "Mein Vater hat es getan, und mein Großvater hat es getan", sagt er. "Ich weiß nicht, seit wie vielen Generationen unsere Familie schon mumifiziert." Dann zieht Mohammed Chazli seinen Ärmel und das Hosenbein hoch und zeigt seine Narben. "Das waren die Krokodile."

Die Krokodile stammen aus einem See im Süden. Dort werden sie gefangen - meistens, wenn sie noch ganz klein sind. Auf geheimen Wegen werden sie zu Mohammed Fuad el Chazli geschafft. Der setzt sie zu Hause in einen Bottich und füttert sie mit Fisch und mit Huhn, damit sie größer werden. Manchmal geschieht beim Füttern ein Unfall, dann entsteht eine neue Narbe. Wenn Mohammed Chazli das Gefühl hat, dass ihm die Herrschaft über das größer gewordene Krokodil allmählich entgleitet, hat das letzte Stündlein des Tieres geschlagen. Es ist dann meist einen Meter lang.

Wieder suchen wir unseren Weg durch die Gassen von Luxor. Die Chazlis wohnen in einer besonders dunklen Ecke. Im Treppenhaus liegen große Steine. Ein kleiner Raum. Der Fernseher läuft. Mohammed Chazli zeigt seine Mumien. "Sie müssen fünf Tage in Salz liegen. Dann tue ich Reisstroh hinein. Den Männchen schneide ich den Penis ab, daraus mache ich Salbe. Die Salbe hilft Männern, die keine Liebe mehr machen können. Sobek ist der Gott der Fruchtbarkeit."

Die Krokodile sind ausgestopft, würde unsereins sagen. Hier nennen sie ein ausgestopftes Krokodil also "Mumie". Diese Mumien sind in grotesken Posen ausgestopft, sie sitzen, sie sperren das Maul auf, oder sie beißen sich in den Schwanz. Sobek scheint Spaß zu verstehen. Es bleibt ihm auch nichts anderes übrig.

Mohammed Chazli verkauft seine Krokodile für 350 Pfund, knapp 200 Mark. Er sagt: "Manchmal ziehe ich ihnen sogar Ohrringe an. Oder ich tue eine Lampe ins Maul."

Chazli ist stolz. Und Gaber meint: "Die Mumie im Museum sieht dagegen wirklich wie ein Brathähnchen aus."