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Mit Cheops auf du und du

Für Spiritisten sind die Pyramiden so wichtig wie Wimbledon für den Tennisfan. Zu ihren Füßen erleben sie schon mal eine Wiedergeburt oder treffen einen Engel. Oder die Jungfrau Maria

Sheila Reed war eine amerikanische Hausfrau wie Millionen andere, bis ihr Mann eines Tages auf einem Parkplatz tot umfiel, einfach so, völlig überraschend. Seither verwandelt sie sich gelegentlich in Menita Ishmil, einen römischen Legionär, der im 1. Jahrhundert n. Chr. in Ägypten stationiert war.

Menita und Sheila sind oft in Kairo. Und Sheila hat das Beste aus ihrer multiplen Persönlichkeit gemacht: Sie trägt wallende orientalische Gewänder und veranstaltet, gemeinsam mit dem alten Ägyptenkenner Menita, spiritistische Reisen zum Nil. Zum Glück spricht Menita ja gut Englisch, sogar beinahe akzentfrei. Es ist schon ihr 14. gemeinsamer Trip.

Wir sitzen in Sheilas Hotelzimmer bei den Pyramiden von Giseh und hören Menita zu. Eine Reisegruppe, sieben Personen, verteilt auf Betten und Sessel. Sheilas Geist hat gerade mal wieder ihren Körper verlassen und vagabundiert in einer anderen Dimension; vorher konnte sie gerade noch schnell T-Shirts an alle verteilen.

Am nächsten Morgen, früh um fünf, wird die Reisegruppe in die Cheops-Pyramide hineingehen, in die Kammer mit dem Sarkophag des Pharao, um dort zu meditieren, lange, bevor die weltlich orientierten Touristen dort auftauchen. "Was sucht ihr in Ägypten, Schwestern?" fragt Menita in dröhnendem Bariton.

"Schönheit", haucht eine Dame mittleren Alters. "Wahrheit", flüstert die Opernsängerin aus Phoenix.

Menita erklärt: "Morgen früh werden wir Kerzen in den Händen halten und einen Kreis bilden. Wir werden das Om singen. Ich werde euch bei euren spirituellen Namen rufen. Wenn ihr wollt, könnt ihr euch in den Sarkophag legen. Ihr werdet unvergessliche Dinge erleben."

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Dann spricht Menita etwa eine Stunde lang über seine Botschaft, die bedingungslose Liebe, und beendet seinen Vortrag mit dem sympathischen Satz: "Schwestern, behaltet von meinen Worten, was ihr behalten wollt. Den Rest vergesst einfach."

Menita mag es nicht, wenn man ihm zu viele Fragen stellt. In der Hotelbar treffe ich mich deshalb mit Sheila und mit Mohammed Nazmy, dem Besitzer von "Quest Travel", einem führenden Veranstalter esoterischer Reisen in Kairo. Einem Mann mit Krawatte und italienischen Schuhen. Er sorgt dafür, dass seine Esoteriker frühmorgens oder spätabends in die Pyramiden hineinkommen, und dafür, dass immer ein junger Mann mit Maschinenpistole in ihrer Nähe ist, der sie vor den Grausamkeiten des Kairoer Alltags beschützt.

"Es sind wunderbare Menschen, so sanft, so angenehm, ich liebe sie alle", sagt Mohammed über seine Kunden und steckt sich eine Marlboro Light an. Über Sheila sagt Mohammed: "Sie ist sehr wohlhabend. Sie hätte es gar nicht mehr nötig zu arbeiten."

Sheila verlangt 3950 Dollar für eine Reise, 13 Tage ab und bis New York, alles inklusive, Fünf-Sterne-Komfort. "Dafür, dass es dein ganzes Leben verändern kann, ist das nicht viel, oder?" In der Cheops-Grabkammer haben die meisten ihrer Begleiterinnen Visionen, erzählt Sheila. Engel erscheinen. Frühere Leben werden wieder bewusst, die Reisenden reden in unbekannten Sprachen. Sogar die Jungfrau Maria hat schon mal vorbeigeschaut.

Ein paar Tage später lerne ich zufällig Gaber Abd el Dayem Ali kennen, einen jungen Ägyptologen. Gaber hat eine Zeitlang im Auftrag des Museumsdirektors die Esoteriker bei deren nächtlichen Séancen beaufsichtigt. "Na ja, was tun sie schon groß", berichtet Gaber. "Sie rufen stundenlang Om, Om, Om, sie tanzen und hüpfen herum. Manchmal ziehen sie sich aus und tanzen nackt. Da gehe ich dann aber lieber raus."

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Die Pyramiden sind für einen Esoteriker ungefähr das, was Wimbledon für den Tennisfan bedeutet oder das Lenin-Mausoleum für einen Kommunisten. Weil sie so rätselhaft sind. Zum Beispiel ergibt die doppelte Seitenlänge der Cheops-Pyramide, dividiert durch deren doppelte Höhe, annähernd die Zahl Pi.

Andererseits steht schon in "Götter, Gräber und Gelehrte", dem Archäologie-Klassiker unserer deutschen Jugendtage, der folgende Satz: "Es ist ziemlich sicher, dass, wenn wir die Kathedrale von Chartres oder den Kölner Dom mit Zentimetermaßen betrachten, wir durch die rechte Addition, Subtraktion und Multiplikation die ungeahntesten Vergleiche mit kosmischen Zahlenwerten erzielen können."

Gleichwohl stellen immer wieder so genannte "Revisionisten" die Erkenntnisse der traditionellen Ägyptologie infrage. Ein Mann namens John Anthony West zum Beispiel vertritt die These, dass der Sphinx viel älter sei als bisher angenommen. Genauer gesagt: etwa 10000 Jahre. Gab es womöglich eine andere, vergessene Kultur, fragt West, eine, die noch viel älter ist als die Kultur der Pharaonen? Manche behaupten, dass die Bewohner des versunkenen Atlantis die Pyramiden gebaut hätten. Oder waren es Außerirdische, vom Mars womöglich? Auf Marsfotos sind Steingebilde zu erkennen, die, wenn man mal großzügig ist, wie die Pyramiden von Giseh aussehen.

Die Ägypter ärgern sich natürlich über solche Ideen. Für sie sind die Pyramiden ein nationales Heiligtum, etwas, worauf sie stolz sind - ihr Eiffelturm, ihre Tower Bridge. Wie wäre es denn, wenn afrikanische Forscher demnächst den Amerikanern erklären, dass glibberige Außerirdische mit rosaroten Fühlern die Freiheitsstatue gebaut haben?

Ein anderer Tag im Hotel. Gregg Braden trifft ein, Buchautor und spirituelle Persönlichkeit aus den USA. Gregg, um die 40, ganz in Schwarz, mit schulterlangen, grauen, sehr dekorativen Haaren, wird von seiner blonden schlanken Frau und seiner brünetten pummeligen Managerin begleitet. Die Gruppe steigt in einen Bus, Mohammed Nazmy fährt mit der Limousine hinterher. Wir gehen zum Sphinx, zwischen dessen Löwenpfoten, direkt unter den Kopf. Dort bildet die Gruppe einen Kreis, und alle schließen die Augen.

Wenn aber jetzt umgekehrt der Sphinx seine Augen plötzlich öffnen würde - was würden die erblicken? Gegrilltes Hähnchen. Eine Filiale von Kentucky Fried Chicken liegt genau gegenüber, auf der anderen Straßenseite.

Leichter Wind kräuselt Greggs Mähne. Er spricht: "Viele Generationen sind hier versammelt. Wir spüren sie. Wir gehören zu ihnen. Sie geben uns Kraft. Sie geben uns inneren Frieden. Fühlt! Fühlt den Kontakt!"

Greggs Managerin flüstert mir ins Ohr: "Er improvisiert. Er lässt seinen Geist treiben. Jedes Mal sagt er hier am Sphinx etwas anderes. Ist er nicht wunderbar?"

Mohammed Nazmy steht ein paar Schritte entfernt, lächelt in sich hinein und raucht seine Marlboro Light. Neben ihm sitzt, auf einem Steinblock, wie immer der junge Mann mit der Maschinenpistole. Und wir fühlen und fühlen und fühlen.