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Giseh und die Zone der Würde

Wer die Gräber von Cheops und Chephren besucht, hat diesem Ort der Toten seinen Respekt zu erweisen. Und den Andenkenverkäufern. Den Touristenführern. Den Kamelvermietern. Den unterbezahlten Amtspersonen. Den...

Jeden Morgen beginnt vor der großen Pyramide von Giseh ein einsamer Polizist einen Kampf, den er nicht gewinnen kann. Der Polizist hat die Aufgabe, das Erbe seiner Vorfahren vor den Auswüchsen der neuen Zeit zu verteidigen - vor Touristen zum Beispiel, die eine Pyramide besteigen wollen wie irgend so einen Alpengipfel. Oder vor den vielen modernen Ägyptern, die den Touristen etwas verkaufen möchten, einen Kamelritt oder ein Kopftuch oder eine Steinfigur.

Es geht um die Würde des Ortes. Die Waffe, mit deren Hilfe der Polizist die Würde verteidigt, ist eine Trillerpfeife, ähnlich einer, wie deutsche Bademeister sie haben. Der Polizist pfeift, die Verkäufer ziehen sich ein paar Meter zurück, die Kletterer steigen ein paar Meter ab. Zwei Minuten später beginnt der Kampf von neuem.

Im Schatten der großen Pyramide stehen andere Polizisten, vier oder fünf, und schauen zu. Wenn ein Tourist in ihre Nähe kommt, fragen sie leise: "He, Mister. Willst du ein Foto von uns machen, Mister? Oder wir machen ein Foto von dir, und du hältst eine von unseren Maschinenpistolen in der Hand? Macht fünf Pfund."

Die Stadt Kairo hat die Pyramiden von drei Seiten umzingelt. Aus dem Flugzeug ist das besonders gut zu sehen: eine Bucht aus Sand, umgeben von Häusern, in der Mitte die ragenden Gräber der Pharaonen. Die Zone der Würde, bewacht von dem einsamen Polizisten mit der Trillerpfeife, befindet sich unmittelbar vor dem Eingang zur Grabkammer des Cheops, ein Gebiet von vielleicht 50 mal 50 Metern. Auf dem Rest des Geländes nimmt man es mit der Würde nicht ganz so genau.

"Willkommen, das ist ein Geschenk, Mister", sagen ein paar Jungs und legen einem einen Skarabäus in die Hand. Wer ihn nicht sofort fallen lässt, muss ihn teuer bezahlen, oder die Jungs nehmen eine drohende Haltung ein. Wer anfasst, muss zahlen. Das sind die Regeln.

"Hier wird gegraben! Hier ist es für Touristen streng verboten", sagt ein Mann, einen Steinwurf von der Cheops-Pyramide entfernt, zeigt einen Ausweis und verlangt mit großem Nachdruck eine Geldbuße.

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"Ein Pfund! Der Ritt kostet nur ein Pfund!" ruft ein paar Meter weiter der Junge, dem ein Esel gehört. Wer sich auf den Esel setzt, muß aber kein ägyptisches, sondern ein britisches Pfund bezahlen. Falls er sich weigert, tauchen plötzlich sehr viele Jungs auf und nehmen eine drohende Haltung ein.

Auf einem Hügel neben der großen Pyramide stehen einige Baracken und Steinhäuser. Zahi Hawass sitzt dort in seinem Büro unter einem Porträt des Präsidenten Mubarak und tut folgende Dinge gleichzeitig: Er unterschreibt Schriftstücke, die eine seiner Sekretärinnen ihm zureicht, er sortiert Dias, er liest Briefe, die er anschließend zerreißt und in den Papierkorb wirft, er telefoniert, den Hörer zwischen Schulter und Kopf eingeklemmt, er packt seine Reisetasche aus, und er führt ein Interview mit einem deutschen Journalisten.

Zahi Hawass hat schlechte Laune. Er ist gerade aus den USA zurückgekommen, dort haben sie ihn ständig auf die Ideen der "Revisionisten" und die Thesen der Esoteriker angesprochen. "Alle Amerikaner scheinen sich ja neuerdings für kompetente Ägyptologen zu halten", sagt Zahi Hawass sarkastisch und unterschreibt ein Schriftstück. Er ist ein mächtiger Mann, der Direktor des Plateaus von Giseh, der Herr über Ägyptens wichtigste Pyramiden.

Hawass hat sich mit den Esoterikern in zahlreichen Aufsätzen und Interviews auseinandergesetzt und sie sich umgekehrt mit ihm. Die Spiritisten werfen ihm vor, dass er sie daran hindere, ihre Thesen zu beweisen. Sie möchten auf dem Gelände graben. Hawass sagt nein.

Immerhin erlaubt er den Esoterikern, in der Cheops-Pyramide zu meditieren. Auf der unwissenschaftlichen, also der rein geschäftlichen Ebene funktioniert die Zusammenarbeit. Mohammed Nazmy, der esoterische Reiseveranstalter, sagt über Hawass: "Er ist ein sehr, sehr guter Freund von mir."

Was könnte man tun, um die Würde des Ortes Giseh besser zu schützen? Zahi Hawass sagt, leicht gereizt: "Ich weiß nicht, worauf Sie anspielen. Unsere Polizei hat alle Probleme im Griff. Außerdem werden wir demnächst den Zugang verlegen, in die Wüste hinein, sechs Kilometer weiter." Die Verlegung des Eingangs zum Plateau ist ein altes Lieblingsprojekt von Hawass, sie wird seit vielen Jahren angekündigt.

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Aber was hat die Verlegung des Eingangs mit der Würde zu tun? Zahi Hawass ist noch ein wenig verärgerter. Er reicht zwei Aufsätze über den Schreibtisch. "Darin steht, was ich zu sagen habe. Daraus können Sie zitieren, was immer Sie wollen."

"Warum sind Sie überhaupt so sicher, dass die Esoteriker sich irren?" frage ich, einer diabolischen Eingebung folgend. "Woher wissen Sie zum Beispiel, dass nicht Marsmenschen die Pyramiden gebaut haben? Ich finde diese Mars-Idee im Grunde ziemlich reizvoll."

Zahi Hawass ringt nach Luft. Er versucht, sehr artikuliert zu sprechen, aber es gelingt ihm nicht. "Weil es unmöglich ist. Weil wir etwas von Ägyptologie verstehen. Wir... wir... ach, wir wissen es eben ganz einfach. Haben Sie sonst noch Fragen?"

Der Direktor schaut demonstrativ auf seine Armbanduhr und beugt sich demonstrativ über seine Papiere. Wir schweigen beide, sehr lange. Dann gehe ich.

Draußen blättere ich in den Aufsätzen des Direktors. Sie befassen sich mit dem Massentourismus und den Schäden, die er verursacht. Zahi Hawass schreibt: "Ich gebe den ägyptischen Denkmälern nur noch eine Lebenserwartung von 100 Jahren."

Nur noch hundert Jahre werden die Pyramiden also stehen. Kaum der Rede wert. Warum sich da noch groß streiten?

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