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Abschied vom Exodus

Archäologen legen die Stadt frei, von der aus Moses losgezogen sein soll

Für viele Christen sind die Fundamente von Piramesse im östlichen Nildelta identisch mit der biblischen Stadt "Ramses", von wo aus die von Moses angeführten Israeliten aufbrachen, um der Herrschaft des Pharaos zu entkommen. Der Ort nahe des heutigen Qantir wäre somit der Ausgangspunkt des Exodus, für den es allerdings, außer seiner Erwähnung in der Heiligen Schrift, 0 Belege gibt. Und da von der vor rund 3300 Jahren gegründeten bronzezeitlichen Metropole kaum noch etwas zu sehen ist, verirrt sich durchschnittlich nur 1 große Touristengruppe pro Jahr hierher.

Daher können sich die 2 Restauratoren des bei Qantir grabenden deutschen Archäologenteams fast unbehelligt einer besonderen Aufgabe widmen: der Reinigung eines 6,5 Quadratmeter großen, goldglänzenden Fußbodens, der - in 11 Teilen geborgen - weltweit für Aufsehen gesorgt hat. Allein dem ZDF bescherte dieser Fund in der Reihe "Sommer der Entdeckungen" eine Einschaltquote von 16 Prozent zur besten Sendezeit. Aber wandelte Ramses II. wirklich einst in Piramesse auf Blattgold? Sollten die altägyptischen Texte mit ihren Erwähnungen von edelmetallenen Fußböden tatsächlich Recht behalten? Bisher schien es so (GEO Nr. 2/1999).

Doch 18 Arbeitsstunden der Restauratoren reichten aus, um Zweifel aufkommen zu lassen. Dann war klar, dass sich das Blattgold auf verschiedene Höhen im Bodenbelag verteilt, zwischen denen Farbkleckse, Kartonage- und Kalkstückchen liegen - nichts als festgetretene Abfälle einer Werkstatt, in der einst Kisten, Kästen und Statuen aus Holz mit Stuck versehen und vergoldet wurden.

Während die Archäologen seit 20 Jahren in Details wühlen, sind drei Geophysiker großflächig in und um Qantir unterwegs. In der Grabungssaison 2000 haben sie auf 25 Hektar die Grundrissdaten mit ihren Cäsiummagnetometern ermittelt: Geräten, die so empfindlich sind, dass sie noch die Magnetfeldstärken von Lehmziegelmauern und gewöhnlichem Lehm unterscheiden können. Allerdings ist die Ausrüstung nicht gerade leicht. Satte 27 Kilogramm müssen am langen Arm zu Fuß über die im 40 x 40-Meter-Raster abgesteckten Quadranten getragen werden.

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In den letzten fünf Jahren haben die Geophysiker im Nildelta in nur 40,5 Tagen eine Fläche vermessen, für deren Erschließung das Grabungsteam 83 Jahre benötigt hätte: insgesamt 108 Hektar mit Hausgrundrissen, Straßen, Gärten, Kanälen. Die Archäologen sind also erheblich langsamer, müssen dafür aber nicht so viel laufen: Die Geophysiker haben während der Erfassung der 108 Hektar zu Fuß immerhin einen Gesamtweg von 1080 Kilometern zurückgelegt - und das war erst der Anfang, denn die Experten schätzen die Größe des Stadtkerns von Piramesse auf 1500 Hektar.

Doch erbringen die Messungen keine Angaben darüber, wie die Gebäude zu datieren sind, und Grundrisse allein geben keine Auskunft über deren Funktion. Also haben die Archäologen seit 1980, nur mit Hacken und Maurerkellen, 10848 Kubikmeter Erde bewegt und 18871 Fundkomplexe geborgen, vor kurzem den größten: 28 862 Gefäßscherben aus einem Brunnen Ramses II. - jetzt einer von derzeit 49318 Datensätzen in der Hauptdatenbank der Grabung, deren Fotoarchiv 68 243 Bilder zählt, die unter anderem in Einzel- oder Sammelaufnahmen 89 653 Objekte dokumentieren.

Die Bearbeitung aller Funde wird mindestens ebenso lange dauern wie die Grabung: Allein für die Auswertung der etwa 5 000 000 gefundenen Keramikscherben werden zehn Spezialisten und Studenten erfahrungsgemäß viereinhalb Jahre oder 12 000 000 Arbeitsminuten benötigen.

Doch selbst mit dieser Fleißarbeit werden die Forscher wahrscheinlich keine Beweise für den biblischen Exodus entdecken - denn dieses Ereignis hat wohl, vermuten die meisten Archäologen heute, nie stattgefunden.

zu Ägypten Online http://www.aegypten-online.de/news/archiv.htm