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Forensik: Das Antlitz des Kriegers

Anhand einer Kriegsmaske will ein Professor für Gerichtsmedizin das Gesicht eines Teilnehmers der berühmten Varusschlacht zwischen Römern und Germanen rekonstruieren

Der Weg in die Vergangenheit führt in die "Unterwelt" - in den Keller einer Villa bei Remagen. Beengt fühlt sich der Besucher dort und allseits vom Tod umfangen: Richard Helmer, Professor für Gerichtsmedizin und Forensische Anthropologie der Universität Bonn, hat dort sein privates Institut, mit dem er unter anderem zur Aufklärung von Mordfällen beiträgt.

Unter Tüchern und aus Regalen lugen rekonstruierte Köpfe von Opfern hervor, die bei ihrer Entdeckung so verstümmelt oder unkenntlich waren, dass ihnen Helmer zur Identifizierung erst wieder ein aus einem Spezialwachs modelliertes Gesicht geben musste.

Durch seine Erfolge hat sich der Mediziner ein Renommee erworben, das ihn auch auf anderen Gebieten zu einem gefragten Mann gemacht hat. Vor Jahren etwa gab er eine - zutreffende - Expertise ab, die einen Schädel als den des gesuchten KZ-Arztes Josef Mengele auswies.

Nun hat sich Helmer in die wesentlich ältere Vergangenheit vorgewagt. Im Auftrag des im April 2002 neu öffnenden Museums Kalkriese bei Osnabrück versucht der Mediziner, einem Menschen ein Gesicht zu geben, der in einer der berühmtesten Schlachten der Militärgeschichte sein Leben ließ: in der so genannten Varusschlacht, als Arminius der Cherusker 9 n. Chr. den römischen Oberbefehlshaber Varus so vernichtend schlug, dass es Rom fortan nicht mehr gelang, auf den rechtsrheinischen Gebieten Germaniens dauerhaft Fuß zu fassen.

Lange Zeit war allerdings noch nicht einmal klar gewesen, wo die Völkerschlacht genau stattgefunden hatte. Irgendwo im heutigen Teutoburger Wald sollte es gewesen sein, doch an allen Orten, an denen man suchte, fanden sich weder Spuren von Waffen noch Gefallenen. Erst in der Umgebung von Kalkriese wurden neben Knochen massenweise Waffen und römische Münzen freigelegt - und das Prunkstück des Museums, eine Gesichtsmaske.

Solche Masken waren Teil des Helms. Vorbilder hat man im Osten des Römischen Reichs entdeckt, doch die Varusmaske beeindruckt durch außergewöhnlich individuelle Züge. Die Funktion der Helme ist umstritten; vielleicht waren sie nur Zierde und nicht für Kampfeinsätze gedacht. Andererseits ist der Helm eindeutig einem Teilnehmer der Varusschlacht zuzuordnen. Offenbar haben die siegreichen Germanen die wertvolle Silberblechhülle von der Grundform abgerissen und die Maske achtlos weggeworfen. Sie und ein ebenfalls auf dem Schlachtfeld gefundener Schädel dienen Helmer nun als Anleitung für seine Rekonstruktion.

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Da der Schädel stark beschädigt ist, hat er einen vergleichbaren neuzeitlichen ausgewählt. In dessen Augenhöhlen setzt Helmer eigens fabrizierte, naturgetreue Glasaugen ein, die Walter Leipold-Haas, Mitarbeiter der Firma Augenprothetik Lauscha, über einer Art Bunsenbrenner von Mund geblasen hat. Die Firma stellt mit diesem Verfahren seit über 150 Jahren Glasaugen für Unfall- und Kriegsversehrte her.

"Die Augenfarbe sollte ein mediterranes Braun sein", so Helmer. Schließlich komme der Krieger aus der Mittelmeerregion. Und schwarz werden die Haare sein, die Helmer auf dem Kopf anbringen wird, sobald Nase, Muskeln und Haut mit Spezialwachs auf den Schädel modelliert worden sind. Die Maske legt eine gerade, vorstehende Nase nahe - eine typische Römernase. Nach dem Abschluss des Projekts wird der Kopf im Foyer des Museums Kalkriese zu bestaunen sein. Und Helmer will sich dann wieder seiner Alltagsroutine widmen: der Identifikation lebender Personen anhand von Überwachungskamera-Aufnahmen bei Straftaten wie Raub, Betrug und Verkehrsdelikten.

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Hinweis: Das Museum Kalkriese im Osnabrücker Land, das der Erforschung und Darstellung der Varus-Schlacht gewidmet ist, wird am 21. April 2002 neu eröffnet.

Anschrift: Museum und Park Kalkriese,

Venner Straße 69,

49565 Bramsche-Kalkriese, Tel. 05468/9204-0