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Schiffsarchäologie: Haie und kleine Fische

Ein Unwetter im zweiten Jahrhundert v. Chr. verursachte im Hafen von Pisa eine wirtschaftliche wie menschliche Tragödie. Sehr zur Freude der Archäologen, die dadurch einen Einblick in die regen Handelsbeziehungen des römischen Reichs mit der restlichen Welt erhielten.
In diesem Artikel
Routen-Rekonstruktion: Lava-Keilsteine deuten auf Neapels Metropole
Für Neureiche keine Chance

Pisa, Bahnhof San Rossore in unseren Tagen: Auf dem Bahnsteig warten Reisende auf die Regionalzüge nach Lucca, Viareggio, Florenz. Nur ein paar Meter entfernt ist ein Trupp von Archäologen auf der Suche nach den Verkehrsverbindungen der Vergangenheit. Denn seit Anfang Dezember 1998 hat der Bahnhof San Rossore direkten, wenn auch nur historischen, Anschluss nach Karthago und in den gesamten Mittelmeerraum. Schließlich fand sich hier auf dem Bahnhofsgelände, das doch zehn Kilometer von der Küste entfernt auf dem Festland liegt, am 1. Dezember 1998 bei Bauarbeiten der Bahn völlig unerwartet vier Meter unter der Erdoberfläche ein hölzernes Schiff aus dem vierten oder fünften Jahrhundert nach Christus. Und das war erst der Anfang.

Nach und nach entdeckten die Forscher 15 weitere, teilweise fast vollständig erhaltene antike Schiffe und Boote aus der Zeit zwischen dem 2. Jahrhundert vor und dem 6. Jahrhundert nach Christus, einige noch samt Ladung. Ferner Teile von Hafenstrukturen aus etruskischer und römischer Zeit - darunter auch Relikte einer hölzernen Kai-Anlage, die offensichtlich von einem Schiff gerammt und teilweise zerstört worden war. Womöglich von jenem Handelsschiff aus Karthago, das vor über 2100 Jahren im Hafen von Pisa gesunken war und dessen Reste nun ebenfalls plötzlich wieder auftauchten.

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Viele Amphoren waren bei ihrer Freilegung immer noch versiegelt - tausendjähriger Wein und Olivenölbestände geben Aufschluss über die Ladungen der Römerschiffe.

Der historische Erkenntnisgewinn umfasst neue Einsichten über den Schiffsbau in der Antike, über Wirtschaft und Handel im Römischen Imperium, über die Routen, die die Schiffe genommen haben, über das Leben an Bord und schließlich auch über den Alltag in einem so wichtigen Mittelmeerhafen wie Pisa. Musste das nicht eine stolze Stadt gewesen sein, in die man sich eine luxuriöse Löwin hatte liefern lassen? Zwar ist längst bekannt, dass die einstige Lagunenstadt Pisa in der Antike eine bedeutende Rolle in der Seefahrt des Mittelmeeres gespielt und ein ganzes System von Fluss- und Seehäfen unterhalten hat. Auch dass Pisa schon in etruskischer Zeit eine große Ansiedlung gewesen ist, ein Handelszentrum mit Schiffsverbindungen bis nach Gallien.

Moderne Suchgeräte orten die Vergangenheit

Wohl bekannt war den Wissenschaftlern auch, dass sich die pisanische Landschaft und der Verlauf der Küstenlinie seit Römerzeiten fundamental verändert hatten, die Lagune im Lauf der Jahrhunderte verlandet, der Fluss Auser, der nördlich des damals noch vielarmigen Arno ins Meer mündete, gänzlich verschwunden war. Aber dass hier, am heutigen Bahnhof von San Rossore, ein Stadthafen gelegen hatte, ahnte niemand. Seit dem ersten überraschenden Fund am Porto delle meraviglie, am Hafen der Wunder, sorgen die Archäologen nun mit schwerem und leichtem Gerät dafür, dass sich die Erde immer weiter auftut und ihre geheimen Schätze nach und nach frei gibt. Etliche tausend Fundstücke werden in der Ausgrabungsstätte zwischengelagert, bevor sie näher untersucht, restauriert und vielleicht in die vorläufige Ausstellung über die Navi antiche di Pisa - die antiken Schiffe von Pisa - in das Gewölbe der Arsenali Medicei am Ufer des Arno gebracht werden. Indessen tasten einige Archäologen mit Hilfe eines speziellen Suchgeräts den Betonboden Meter für Meter nach weiteren unterirdischen Schätzen ab. Auf einem Monitor erscheinen rote, blaue und gelbe Linien und Felder - wer die Bilder richtig zu interpretieren weiß, kann abschätzen, wo es sich lohnt, den Beton wieder zu entfernen und weiter zu graben. Im Moment ist der Boden nur an ein paar Stellen unter den Regendächern aufgerissen. In einer der Gruben sitzen, ausgestattet mit kleinen Schäufelchen und minimalistischen Spaten, zwei junge Archäologinnen in der Erde, aus der Bug und Innenseite eines knapp zwölf Meter langen und fast völlig intakten Ruderschiffs aus vermutlich augusteischer Zeit freigelegt worden sind.

Routen-Rekonstruktion: Lava-Keilsteine deuten auf Neapels Metropole

Nach der Bergung beginnt die Detektivarbeit, die Rekonstruktion der Geschichte der Fundstücke - und mit ihnen die der Schiffsrouten. Ein Indizienpuzzle.Das Schiff mit den Knochen der Löwin musste aus Karthago gekommen sein und, wie die Keramik aus iberischer Produktion und eine Goldfibel nahe legen, vielleicht über Spanien und den Languedoc den Hafen von Pisa erreicht haben. Andere Schiffe dagegen hatten überhaupt keine Fracht mehr an Bord - wahrscheinlich waren Taucher zur Bergung untergegangener Ladungen im Hafen beschäftigt. Und offensichtlich auch Arbeiter aus fernen Weltregionen. Denn es wurde eine große Zahl Knochen von ungewöhnlich großen, also wahrscheinlich nordischen Männern mit robusten Gliedmaßen gefunden, die Zeichen einer starken Muskulatur aufweisen. Warum diese fremdländischen Hafenarbeiter ertrunken sind, kann allerdings niemand sagen.

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Die Wrackteile werden mit einem Fungizid getränkt,

um sie vor dem Zerfall zu schützen.

Ein Netz von Handelsrouten - vom Mittelmeer bis weit hinein nach Südostasien, vom Baltikum bis nach Afrika - überzog die antike Welt: eine leistungsfähige wirtschaftliche Infrastruktur mit spezialisierten Produktionsstandorten, weit verstreuten Handelsplätzen und gut erschlossenen Verkehrswegen. Schiffe wurden übers Meer geschickt. Die Frachter waren vermutlich nicht einmal 30 Meter lang und trugen 100 bis 450 Tonnen Ladung. Doch sie hatten, anders als die älteren griechischen Schiffe, schon zwei, manchmal gar drei Masten und konnten kreuzen, also schräg gegen den Wind ansegeln. Mit Glück benötigte der Kapitän von Ägypten nach Süditalien nur neun Tage; die Strecke von Ostia nach Gades (Cádiz) durch die Straße von Gibraltar war in einer Woche zu schaffen. Für die antiken Hauptverkehrsmittel wurden Häfen angelegt, damit die Waren entladen werden konnten - und um diese entwickelten sich bedeutende Städte. Puteoli am Golf von Neapel etwa und Brundisium am Sporn des italienischen Stiefels.

Und Ostia. Die Handelsstadt an der Tibermündung südwestlich von Rom versorgte den metropolitanen Millionenmoloch und war Drehscheibe des Mittelmeerhandels. Denn Rom selbst war für seetüchtige Schiffe über den Tiber nicht erreichbar - man brauchte den Flusshafen von Ostia als Umschlagplatz. Hier wurden die Waren auf kleinere Schiffe umgeladen, die dann rund 30 Kilometer den Fluss hinauf bis in die Innenstadt gerudert oder von Ochsen über Treidelwege am Ufer gezogen wurden.

Tonnenschwere Ladungen aus aller Welt für Roms Luxus

Im 2. vorchristlichen Jahrhundert hatten Siedler in dem winzigen, zunächst nur strategisch wichtigen Ort zwischen Tiber und Meer erste Gebäude für Verkauf und Aufbewahrung von Handelswaren errichtet. Um die Zeitenwende explodierte Ostia dann förmlich. Mitte des 2. Jahrhunderts hatte die Hafenstadt schließlich etwa 100 000 Einwohner - vor allem Händler, Reeder, Schiffbauer, Transportarbeiter und Handwerker, die importierte Konsumgüter weiterverarbeiteten oder konservierten. Hier trafen auf großen Schiffen mit einem Fassungsvermögen von 6000 bis 8000 Amphoren die Getreidelieferungen aus Afrika und Ägypten ein und wurden in einer kolossalen (heute wieder zugänglichen) Speicherstadt zwischengelagert, ehe sie an die Millionenbevölkerung Roms teils billig verkauft, teils kostenlos verteilt wurden - 250 000 Tonnen pro Jahr, Ladung für 4500 Schiffe. Ein Teil des Getreides lief auch nach dem Bau des Portus über Ostia. Zusätzlich wickelten die Kaufleute hier den Handel mit Baumaterial und erleseneren Gütern ab. In Ostia landete alles an, was die Welt an Kostbarkeiten zu bieten hatte: Seide aus China, Purpur und Pfeffer aus Indien, Silber aus Spanien. Das Holz zum Bau von Häusern und Schiffen sowie zum Beheizen der Thermen lieferten Ligurien oder Korsika, denn die Wälder in der näheren Umgebung waren längst abgeholzt, und die wirtschaftliche Ausbeutung der Provinzen war selbstverständlich. Aus Griechenland und Kleinasien kamen Kunstwerke und fertige Marmorsäulen - so lebte der Mittelmeerhafen nicht zuletzt von der Lust an der pompösen Selbstpräsentation der hoffärtigen Hauptstadt.

Ostia: Eine römische Hansestadt

Heute ist Ostia Antica ein weitläufiger archäologischer Park, eine stille Oase mit Büschen und Pinien zwischen den Marmorsäulen, Bodenmosaiken und ein- oder zweistöckigen Resten von Gebäuden, die einst bis zu fünf Stockwerke hoch gewesen sein mögen. Damals war das Leben alles andere als idyllisch - die beschauliche Atmosphäre unserer Gegenwart täuscht. Ostia, das war die Boomtown der Antike, Ostia war Wildwuchs, der reine Kommerz, Kapitalismus in extremer Form. Eine Stadt der Neureichen und der Glückssucher, der Spekulanten und der Geschäftemacher, der Freigelassenen und der Fremden. Viele Grundbesitzer waren aller Wahrschainlichkeit nach zugleich Händler und verkauften Waren auf eigene Rechnung, die sie zuvor importiert hatten, möglicherweise sogar mit dem eigenen Schiff. Andere handelten nur auf Kommission oder machten Geschäfte im staatlichen Auftrag. Wieder andere verpachteten die Speicher auch an den Staat oder an andere Händler, die dann ihrerseits... kurz: Jede nur denkbare Unternehmensform war möglich zu dieser Zeit, in dieser Stadt, die das Gewinnstreben in den Mittelpunkt des Lebens stellte. Auch urbanistisch. Im Zentrum Ostias lag eine einmalige Anlage, wie es sie so in keiner anderen römischen Stadt gab: eine Art World Trade Center der Antike. Allzu viel ist davon heute nicht mehr übrig - außer den Firmenschildern, mit denen die Unternehmen Werbung für sich machten: Flächen aus kleinteiligen, schwarz-weißen Bodenmosaiken, die ein riesiges, 107 mal 78 Meter großes Rechteck säumen.

Für Neureiche keine Chance

Die Händler kamen entweder aus unteren Schichten, waren freigelassene Sklaven oder gehörten zur Plebs. Oder sie waren Angehörige des Ritterstandes, die nebenbei auch in großem Stil Geld verliehen. In kürzester Zeit konnten sie beträchtlichen Reichtum anhäufen - oder eben auch wieder verlieren. Es brauchte nur ein Schiff auf stürmischer See unterzugehen oder eine Feuersbrunst im Hafen auszubrechen, schon waren Millionen sestertii versenkt. Aber selbst wenn die Händler Glück hatten und erfolgreich waren, blieb doch der Geruch des falschen Geldes für immer an ihnen haften, und die feine römische Gesellschaft rümpfte die Nase über diese Emporkömmlinge.

Irgendwann war Schluss. Mit der Völlerei, dem Römischen Reich, dem Seehandel - und mit Ostia. Die Christen fingen an, die Gier nach exquisiten Genüssen zu geißeln, ein Teil der Reichsverwaltung wurde nach Konstantinopel verlegt, Wirtschaft und Reichtum verfielen in den politisch unruhigen Zeiten. Die Handelsschifffahrt kam zum Erliegen, Ostia wurde als Seehandelszentrum überflüssig. Was es jetzt noch an gewerblichen Aktivitäten gab, wurde im Portus abgewickelt. Schon im 5. Jahrhundert war die Stadt so gut wie tot, das Forum der Korporationen verwahrlost; die Ehrenstatuen für die Händler waren entfernt, die Mietshäuser und Getreidelager aufgegeben, Läden und Kneipen abgerissen, und selbst die Feuerwehr war längst abgerückt. Einige reiche Römer und alteingesessene Ostienser machten noch einen Versuch, die Stadt zur Sommerfrische mit eleganten Häusern, Gärten und Springbrunnen umzubauen. Aber dann fielen die Westgoten ein, wenig später die Wandalen und plünderten, was noch übrig war. Dann rückte die Küstenlinie immer weiter weg, und eines Nachts im 16. Jahrhundert verschwand nach einer großen Überschwemmung sogar der Tiber und nahm weiter westlich einen anderen Lauf.

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Schiffe und Wasser: Bei der Ausgrabung braucht man das Nass aus dem Schlauch, damit das Holz der Wrackteile nicht austrocknet.

Eigentlich eine traurige Geschichte. Aber Archäologen verheißen Untergänge aller Art ja das allerhöchste Glück.

Weiterführende Links

http://www.archaeology.org/9907/etc/pisa.html Die öffentliche Publikationsstelle des "Archaeological Institute of America" mit einer Übersicht der Schiffs-Fundstücke in Pisa. Enlish Version.

http://www.navipisa.it/e-index.htm Italienische Site über die Ausgrabungsstätte. Teilweise in Originalfassung, mit detaillierter Beschreibung der Fundstücke. English/Italian Version.

http://www.ncl.ac.uk/ostia/ Web-Site über Ostia, dem Hafen des antiken Roms. Information für Interessierte der Archaeologie und Historie. English Version.

http://www.initaly.com/regions/latium/ostia.htm Bebilderter Geschichtsreiseführer durch die antike Hafenstadt Ostia. English Version.

http://index.waterland.net/Navis/Musea/Mainz/AID.htm Das Museum für Antike Schiffahrt des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz.