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Als Ruine erbaut

Ein während der Renaissance-Zeit in der Provinz Rom errichteter Bau war offenbar nie als bewohnbares Gebäude gedacht.

Bemoost und vom Alter benagt stellt sich das Bauwerk dar, Steine bröckeln ab, Säulen beginnen sich zu neigen. Die pittoresken Reste eines aufwendigen Renaissance-Gebäudes stehen inmitten eines üppig bewachsenen Naturschutzgebietes in einem Tal der Monti Prenestini, einer malerischen Bergwelt Italiens in der Provinz Rom. Am Ufer eines kleinen Bachlaufs wurde "Bramantes Nymphaeum" aus Tuff und Travertin erbaut. Das Erstaunliche an dem Gebäude nahe des 6000-Seelen-Dorfes Genazzano: Es wurde nie bewohnt, sondern von vornherein als künstliche Ruine konzipiert. Das konnte die Bauhistorikerin Marina Döring von der Technischen Universität Berlin jetzt in ihrer Dissertation nachweisen.

Die Entstehung der Anlage lag bislang völlig im Dunkeln. Aufgrund stilanalytischer Erwägungen vermuteten einige Kunsthistoriker lediglich, dass Donato Bramante - einem der bedeutendsten Baumeister der italienischen Hochrenaissance - die Gesamtanlage zuzuschreiben sei. Mithilfe bauforscherischer, archäologischer und naturwissenschaftlicher Untersuchungen konnten die Bauhistoriker nun die verblüffende Entstehungsgeschichte in drei Phasen rekonstruieren.

Erstens: Ein Vorgängerbau mit bereits vorhandenem Wasserbecken diente Bramante als bauliche Grundlage. Die Verwendung von Opus Caementitium (römischer Beton), dem charakteristischen Baustoff der römischen Antike, belegt die frühe Entstehung dieser Anlage.

Zweitens: Von dem antiken Bau, der dem Nymphaeum Maße und Position vorgab, wurden nur wenige Elemente, darunter das im Durchmesser 24 römische Fuß - etwa 7,15 Meter - breite Becken belassen. Es wurde in die Anlage Bramantes - die große Loggia, die in den Jahren 1508 bis 1511 entstand - integriert. Und was dabei geschah, lässt nach Ansicht der Wissenschaftler nur den Schluss zu, dass hier bewusst eine Ruine erbaut werden sollte: Ausgerechnet im Innenraum verwendete Bramante hydraulische Materialien wie Außenputze und Dichtungsmörtel, die Witterung und Wasserdruck standhalten sollten. Zudem ließ er einen Steinfußboden mit Gefälle anlegen, was damals bestenfalls in einem unüberdachten Innenhof zu erwarten gewesen wäre. Dieser Widerspruch wird nur dann erklärbar, wenn die Unvollständigkeit der Gewölbe von Beginn an geplant war. Die Bauhistoriker sind deshalb überzeugt, dass es sich bei Bramantes Nymphaeum um die früheste in der europäischen Baugeschichte bekannte künstlich errichtete Ruine handelt.

Des Weiteren seien weder geschlossene Aufenthaltsräume noch Küche oder gar sanitäre Versorgungs- und Heizmöglichkeiten nachzuweisen. Erst die dritte Bauphase, in der das Nymphaeum in den dreißiger Jahren des 16. Jahrhunderts, wahrscheinlich nach Plänen von Giovanni Mangone, erweitert wurde, sah - wie der damals eingebaute Kamin vermuten lässt - auch wohnliche Zwecke oder zumindest kürzere Aufenthalte vor.

Der Baukomplex in den Monti Prenestini wartet aber noch mit einer weiteren Überraschung auf. Er erwies sich nämlich als Teil eines Landschaftsparks, zu dem zwei archäologisch und geologisch nachweisbare künstliche Seen und weitere architektonische "Möblierungen" gehören.

Als die frühesten Landschaftsgärten galten bisher Anlagen aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts - in Genazzano ist nun mit dem "Nymphaeum" und seinem umgebenden Park auch der erste Landschaftsgarten der Neuzeit nachgewiesen worden.