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Geschichte: Der Friedhof der Kinder

Mit kriminalistischem Spürsinn und moderner Technik gelang Altertumsforschern der Nachweis: Vor 1550 Jahren wütete bei Rom eine tödliche Malaria-Epidemie

Auf einem ehemaligen Landsitz vermögender römischer Gutsherren hatte vor etwa zehn Jahren ein Archäologenteam die Überreste von rund 50 Kindern - meist Neu- und Frühgeborenen - entdeckt: Sie alle waren etwa zur selben Zeit gestorben und bestattet worden. Auf ungewöhnliche Umstände ihres Todes - in einem Spätsommer vor ungefähr 1550 Jahren - deuteten Zeugnisse schwarzer Magie: hier eine Rabenkralle, dort ein Krötenskelett, eine Knochenpuppe und immer wieder Hundewelpen.

Schon der römische Historiker Plinius der Ältere hatte in seiner Naturgeschichte berichtet, dass oft Welpen geopfert und bestattet wurden, um den Zorn der Götter zu beschwichtigen. Rituale wie diese sollten, wie der römische Kirchenschriftsteller Tertullian schreibt, die Geister zu früh gestorbener Kinder abwehren. Ein böses Schicksal musste die Menschen im offiziell christlichen römischen Reich zurück zu Hexenwerk und Scharlatanen getrieben haben. Was aber war geschehen? Der Leiter des Grabungsteams, David Soren von der University of Arizona in Tucson, vermutete, dass die Kinder in dem Massengrab einer Fieber-Epidemie, wie sie in antiken Quellen mehrfach beschrieben wird, zum Opfer gefallen waren. Der Hunnenkönig Attila, der im Jahre 452 Rom zu erobern drohte, soll aufgrund der Nachricht von Hunger und Seuchen in der Gegend sogar umgekehrt sein.

Soren hatte auch einen Verdacht, um welche Art von Fieber es sich handelte: Denn unter den Grabbeigaben fanden sich reichlich Samen vom Geißblatt, einer Pflanze, die laut Plinius verordnet wurde bei Milzerkrankungen; und wohl auch bei einer krankhaften Vergrößerung der Milz, wie sie bei verschiedenen Malaria-Arten auftritt. Mit einer Knochenanalyse der Gebeine konnte Soren jetzt seine Theorie bestätigen.

Noch heute warnen Gesundheitsbehörden Schwangere vor der Reise in Malariagebiete - wegen des erhöhten Risikos von Fehl- und Frühgeburten. In Italien gilt Malaria erst seit 1969 als endgültig ausgerottet. Auch der Name stammt aus dieser Region; "Mal' aria" ist der Begriff für "schlechte Luft", denn früher glaubten die Mediziner, dass die Sümpfe und ihre Ausdünstungen das Fieber verursachten. Erst seit Ende des 19. Jh. ist die Ursache bekannt: der von der weiblichen Anopheles-Mücke übertragene Plasmodium-Parasit. Zur Malaria-Hypothese passte zudem der Zustand der Kinderskelette; einige Schädel-, Arm- und Beinknochen zeigten im Querschnitt das charakteristische poröse, schwammartige Bild. Dafür allerdings könnten auch andere Gründe ausschlaggebend gewesen sein, etwa Mangelernährung. Viele Kollegen Sorens ließen sich deshalb von dessen Theorie nicht überzeugen.

Um Gewissheit zu erlangen, sandte Soren die Gebeine einiger Kinder an Robert Sallares von der University of Science and Technology in Manchester: zur Überprüfung auf das in den Knochen eingeschlossene Erbgut des Malaria-Parasiten. Und Sallares gelang es tatsächlich, in der Knochensubstanz eines Kindes die gewünschte DNS zu extrahieren und mithilfe der so genannten Polymerase-Kettenreaktion eine ausreichende Menge langer Gensequenzen für die Analyse zu gewinnen. Diese stimmten zu 98 Prozent mit dem Gen 18S rRNA des bösartigsten aller Malaria-Erreger überein: Plasmodium falciparum. Ein zweiter Test bestätigte das Ergebnis.

Sallares erbrachte damit nicht nur den frühesten Nachweis von Malaria, sondern brach auch eine Lanze für die angewandte Labortechnik, die in Zukunft auf weitere Sensationen in der Geschichtsrekonstruktion hoffen lässt.

Links zum Thema

http://www.idrc.ca/books/reports/1996/01-05e.html Die Geschichte der Malaria und ihrer weltweiten Verbreitung

http://www.wehi.edu.au/MalDB-www/who.html Wissenschaftlich ausgerichtete Datenbanken zu Malaria