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Archäologie: Sonnentempel auf Malta?

Gigantische Megalithtempel auf Malta sind Zeugnisse einer steinzeitlichen Hochkultur. Möglicherweise wurden diese Ältesten freistehenden Steinbauten der Welt am Verlauf der Sonne ausgerichtet

Die Altarplatte von Ggantija schimmerte hell, als die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne am Tag der Wintersonnenwende durch den schmalen Tempelgang einfielen. Langsam wanderte das Licht über den linken Seitenaltar hinweg, streifte den Hauptaltar und schließlich den rechten Seitenaltar des Tempels. Die Priester feierten das Ende der dunklen Jahreszeit: dass die Tage wieder länger und wärmer werden würden. Während die Sonnenstrahlen die Wände des Tempels in ein glühendes Orangerot tauchten, beteten die Bewahrer des Kultes, brachten Tieropfer dar und schlachteten die Tiere mit Messern aus Feuerstein.

So könnte es sich abgespielt haben an einem Dezembertag vor über 4000 Jahren in einem von Maltas vermutlich bis zu zwölf Meter hohen Tempeln aus riesigen Steinen. In den Ruinen von Ggantija oder Mnajdra lässt sich noch immer das faszinierende Lichtspiel der aufgehenden Sonne in der Zeit um die Wintersonnenwende beobachten. Aber sind die ältesten freistehenden Steinbauten der Welt absichtlich auf dieses Schauspiel ausgerichtet worden? Tatsächlich existieren handfeste Indizien, dass sich die Tempelbauer schon vor 5000 Jahren mit astronomischen Phänomenen beschäftigt haben: So zeigt ein im Tal-Quadi-Tempel entdecktes Steinfragment eine einfache "Himmelskarte" mit Mond und Sternen. Und eine Zeichnung auf einer Scherbe aus den Ruinen von Hagar Qim erinnert an eine Windrose mit markierten Himmelsrichtungen.

Erbauer der Anlagen waren Menschen, welche möglicherweise um 5000 v. Chr. von Sizilien kommend auf der Insel landeten und offenbar 2500 Jahre später aus der Geschichte verschwanden. Sieben der eindrucksvollen, aus Megalithen errichteten Tempelkomplexe hat die Unesco zum Weltkulturerbe erklärt. Wissenschaftlich beschrieben sind sie in dem Buch "Antike Stätten am Mittelmeer", im Metzler-Lexikon von 1999.

Bereits vor 21 Jahren entdeckten die Experten George Agius und Frank Ventura von der University of Malta, dass die Hauptachse des südlichen Mnajdra-Tempels exakt auf den Sonnenaufgang an den Tag- und Nachtgleichen im Jahr wies - um den 21. März und 23. September. Paul Micallef, ein Freizeitforscher, folgerte gar, in dem südlichen Teil des Doppeltempels von Mnajdra sei ein prähistorischer "Kalender aus Stein" verborgen: "Der Mnajdra-Tempel sagt den jeweils ersten Tag der vier Jahreszeiten voraus, nämlich die Tag- und Nachtgleichen, die Sommersonnenwende am 22. Juni und die Wintersonnenwende am 22. Dezember." Ventura ist bei der Interpretation der Tempelarchitektur allerdings skeptischer. Denn auch Windrichtungen oder besonders helle Sterne könnten die Gründe für die bauliche Orientierung gewesen sein. In einer 1992 veröffentlichten Studie hat er gemeinsam mit Giorgia Foderà Serio vom Palermo Astronomical Observatory und Michael Hoskin vom Churchill College in Cambridge die Symmetrie-Achsen der Megalithtempel an acht verschiedenen Fundorten verglichen. Ihr Ergebnis: "Für eine beabsichtigte Sonnenorientierung gibt es bisher einfach nicht genügend Beweise."

Die könnte nun der Lehrer und passionierte Freizeitarchäologe Klaus Albrecht aus Naumburg geliefert haben. In einem umfassenden Vergleich von elf Megalithtempeln hat er jeweils die Verbindungslinie zwischen dem linken Seitenaltar und dem Haupteingang gemessen. Dabei stellte er fest, dass diese Achse sich bei fast allen Tempeln in einem Winkel von etwa 115 bis 117 Grad nach Südosten richtete (von Norden ausgehend im Uhrzeigersinn). "Das bedeutet, dass die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne am Tag der Wintersonnenwende durch die schmalen Tempelgänge auf den linken Seitenaltar fielen und dann über die anderen beiden Altäre hinweg wanderten", sagt Albrecht. Außerdem hätten künstliche Oberlichter in den hohen Eingangstoren zusätzliche Lichtstrahlen eingefangen, worauf die Steinformationen an den Eingängen zum Beispiel vom Ggantija-Tempel hinwiesen. Eben solche Lichtspiele im Hügelbau des irischen Newgrange gelten inzwischen als hinreichende Belege für dessen Sonnenausrichtung.

Albrecht, der an der Universität von Kassel Kunsterziehung und Kunstgeschichte studiert hat, hält es für sehr wahrscheinlich, dass durch die Bauweise eine mehrstündige Lichtinszenierung zur Feier eines Gottes gewährleistet werden sollte. Die Sonne habe, so vermutet Albrecht, im Verein mit der Göttin der Erde und der Fruchtbarkeit das Weltbild der neolithischen Kultur Maltas geprägt. "Sicherlich hat die Sonne in Maltas Megalithkultur eine entscheidende Rolle gespielt", glaubt auch Johannes Müller, Professor für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Bamberg. "Die Tempelbauer führten ein von Landwirtschaft geprägtes Leben, das sie am Naturkreislauf ausrichteten." So weisen die Entdeckung von Mahlsteinen, Mörsern und Stößeln in den Ruinen darauf hin, dass auch Getreide und Tuchopfer in den Kulthandlungen einbezogen waren. Aber ob die Menschen ihre Kultstätten in Kenntnis der Gestirne orientierten, sei weiterhin umstritten. Müllers Fazit: "Genaueres wissen wir nicht."

Die ungeklärte Rolle der Sonne in der frühen mediterranen Hochkultur auf Malta ist nur eines der Rätsel, die von Archäologen noch zu lösen sind. Zum Beispiel ist nicht bekannt, warum um 2500 v. Chr., bei Beginn der Bronzezeit auf Malta, die Kultur der Tempelbauer schließlich unterging und Einwanderer aus nördlichen Mittelmeerregionen auf der Insel siedelten. Vielleicht, so spekuliert Anthony Bonanno von der University of Malta, hatte eine Hungerperiode die Gesellschaft der Tempel-Bauer geschwächt. Heute, viele Jahrtausende später, drohen auch die letzten Relikte der einst gewaltigen Tempelkultur zu zerfallen: Die salzige Luft fördert die Erosion der Steinblöcke, und auch die Touristenströme machen den uralten Kalksteinbauten zu schaffen. Mitte April zerstörten Unbekannte sogar mutwillig mehrere Kammern des Mnajdra-Tempels und hinterließen ihre eigenen, zeitgenössischen Kreidezeichnungen. Kein Gott konnte die Eindringlinge aufhalten.