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GEO EPOCHE China Meeres-Archäologie: Heiße Fracht

Im 15. Jahrhundert beliefern chinesische Seefahrer die Sultanate Asiens mit Porzellan, Bronzeschmuck, Elfenbein – und leben dabei gefährlich. Denn Chinas Herrscher haben private Überseegeschäfte bei Todesstrafe verboten. Der illegale Seehandel blüht im Verborgenen - doch nicht alle Schiffe erreichen ihr Ziel.
In diesem Artikel
Arme Seeleute, wertvolle Fracht

Sie hatte Tausende von Porzellantellern aus Jiangxi geladen, Öllampen aus Siam, kleine Töpfe aus Annam. Tief unten im Rumpf war Gebrauchsgeschirr verstaut, dazu wohl Ballen feinster Huzhou-Seide und indische Baumwollstoffe. Daneben lagerten eiserne Woks, Armreifen aus Bronze und aus grünem Glas. Derart beladen stach die Dschunke irgendwann um das Jahr 1495 von einem verschwiegenen Hafen an Chinas Südostküste aus in See und segelte in Richtung Luzon, der Hauptinsel der Philippinen. Doch kurz vor ihrem Ziel lief der Segler auf ein Riff.

Über Jahrhunderte konserviert

Eingebettet in weichem und sauerstoffarmem Schlick überdauerte das Wrack ein halbes Jahrtausend in einer Tiefe von 37 Metern alle Taifune. Bis Dynamitfischer im März 2001 die Dschunke entdeckten und sie zu plündern begannen. Wenige Monate später ankerte der französische Unterwasser-Archäologe Franck Goddio mit zwei Schiffen vor der Westküste Luzons. Bei ihren ersten Tauchgängen sahen die Archäologen nichts als Scherben – die Hinterlassenschaften der Plünderer. Doch unter den Scherben lag ein erstaunlich gut erhaltener hölzerner Schiffsrumpf, etwa 25 Meter lang. 15 Laderäume waren mit insgesamt 15 000 Objekten gefüllt.

Vollbeladenes Schmuggler-Schiff

Durch Vergleich mit bekannten Funden in Museen gelang es Porzellanspezialisten, das Alter des geborgenen Geschirrs zu bestimmen: Es konnte nur während der Ming-Dynastie hergestellt worden sein, und zwar zwischen 1490 und 1500. Die "Santa Cruz" erwies sich als das besterhaltene vollbeladene chinesische Handelsschiff aus jener Zeit. Vielfalt und Wert der Ladung, die Größe der Dschunke und deren Lage vor der philippinischen Küste lassen nur einen Schluss zu: Hier war die Dschunke eines Reeders zu Grunde gegangen, der auf eigene Faust handelte – also ein Hehler, ein Schmuggler gewesen sein musste.

Handelsverbot mit Ausländern

Zum Zeitpunkt des Untergangs war der private Überseehandel seit einem Jahrhundert verboten. Das China der Ming-Dynastie hatte sich isoliert. Es genügte sich selbst und verzichtete auf Schätze aus Übersee – für die sich die Reichen des Landes nach wie vor interessierten. In diese Versorgungslücke stießen illegale Händler – mit erheblichem Risiko: Von der Mitte des 15. Jahrhunderts an drohte jedem Chinesen die Todesstrafe, der privaten Kontakt zu "barbarischen" Ausländern hatte, mit Importwaren handelte oder Informationen aus China ins Ausland preisgab. Doch in den landwirtschaftlich unergiebigen, aber dicht bevölkerten Gebieten an der Südostküste waren die Menschen auf den Seehandel angewiesen.

Verdeckte Geschäfte

So entstanden trotz der Verbote Hunderte kleiner illegaler Häfen und Märkte an den Küsten der Provinzen Zhejiang, Fujian und Guangdong. Beamte und Würdenträger agierten verdeckt als Reeder, Großkaufleute oder Kreditgeber. Mafiöse Strukturen entstanden entlang des Küstenstreifens im Südosten, mächtige Familien teilten das Geschäft untereinander auf. Die Archäologen um Franck Goddio haben keinen Hinweis darauf gefunden, wem die "Santa Cruz" gehört hat. Vermutungen kann Goddio allein über die Seeleute anstellen. "Sie waren anscheinend sehr arm, denn wir haben nur wenige persönliche Gegenstände gefunden."

Arme Seeleute, wertvolle Fracht

Was für ein Kontrast dazu die Ladung. Zwischen den Trennwänden im Rumpf stapelten sich Tausende von Tellern, dazu Speiseplatten und Schalen. Chinas Porzellan war hoch geschätzt am Nil, in Persien und am Bosporus, denn die mit Kobaltblau dekorierten Gefäße waren von sonst unerreichter Qualität. Noch begehrter waren vielleicht die Seladone – grün glasierte Steingutwaren, von denen die "Santa Cruz"“ große Mengen geladen hatte. Diese Keramik war in den Sultanaten des Mittleren Ostens und Südostasiens wegen ihrer Jadefarbe beliebt, aber auch, weil die orientalischen Herrscher ihr Zauberkräfte zusprachen: Seladon, so glaubte man, würde bei der Berührung mit Gift zerspringen.

Auf zu den Molukken

Vor allem an muslimischen Höfen waren Chinas Luxusartikel begehrt. Wer sollte die kostbare Fracht erhalten? Und die Ladung der "Santa Cruz"? Für wen waren ihre Porzellane und Seladone bestimmt? Wahrscheinlich sollten in einem Handelsposten an der Stelle des heutigen Fischerdorfes Santa Cruz nur die Eisenwoks sowie die einfacheren Porzellane getauscht werden. "Dann wäre die Dschunke vermutlich weitergesegelt, zu den Südphilippinen und vielleicht den Molukken." Denn dort lebten am Ende des 15. Jahrhunderts Muslime, die durch den Handel mit Muskatnüssen und Gewürznelken vermögend geworden waren.

Letzte Station Luzon

Die "Santa Cruz" erreichte nicht einmal ihr erstes Ziel. Sie liegt noch heute vor Luzon, denn nach der Bergung der gesamten Ladung haben die Archäologen den Rumpf mit Sand und Eisenplatten abgedeckt. Jetzt wertet das Team um Goddio seine Messdaten, Zeichnungen und Pläne aus und analysiert die 15000 Fundstücke. Von 1567 an durften Chinas Kaufleute wieder exportieren und importieren, ohne gegen das Gesetz zu verstoßen. Bedrängt freilich von neuer Konkurrenz. Denn inzwischen hatte die portugiesische Handelskompanie in zahlreichen Häfen Südostasiens ihre Kontore eröffnet – und an der Küste Südchinas sogar eine Kolonie gegründet: Macau.