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Moses: Held der Bibel, Befreier Israels

Wie hat Moses sein Volk aus Ägypten nach Kanaan geführt? Darüber streiten die Gelehrten bis heute. Und auch darüber, ob es den Propheten überhaupt je gegeben hat

Die "Abyssinian Baptist Church" in Harlem, New York, ist sonntags bis auf den letzten Platz gefüllt. Gut gekleidete schwarze Amerikaner sitzen auf den Kirchenbänken, neben sich ihre farbenfroh gewandeten Ehefrauen. Schwungvoll beendet der Pastor seine Predigt und stimmt ein Lied an, in das alle Anwesenden begeistert einfallen. "When Israel was in Egypt Land" erzählt davon, wie Gott der Herr seinen Propheten Moses entsendet, um dem Pharao kurz und knapp mitzuteilen: "Let my people go!"

Was von den New Yorker Gläubigen ebenso lautstark gepriesen wird wie von Gemeinden in Südafrika oder Indonesien, gehört zu den Urbildern des Christentums: der Exodus, die Geschichte vom Auszug der Israeliten aus Ägypten, niedergeschrieben in den fünf Büchern Mose. Es ist eine dramatische Geschichte, die davon handelt, wie ein unterdrücktes Volk durch seinen Gott befreit wird. Dessen Werkzeug ist Moses, der dem widerstrebenden Pharao die Erlaubnis zur Auswanderung abringt. Als dennoch das pharaonische Heer den Israeliten nachsetzt, teilt Gott das Meer, durch das sein Volk flüchtet, anschließend schlagen die Wasser über den Verfolgern zusammen. Auf dem Weg ins Gelobte Land zieht die Schar 40 Jahre lang durch die Wüste. Gott schenkt seinem "auserwählten Volk" die Zehn Gebote und schließt mit ihm einen ewigen Bund.

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In all den Jahren der Wanderschaft ist Moses der anerkannte Führer. Er verhindert den Abfall vom Glauben, als Abtrünnige sich ein Goldenes Kalb zum neuen Kultsymbol erwählen, und führt sein Volk in allen Schlachten zum Sieg. Er ist der einzige Prophet der Bibel, der Gott geschaut hat, und selbst im Tod ist er privilegiert: Jahwe begräbt ihn persönlich.

Moses ist eine Schlüsselfigur

Er gilt als Begründer des Monotheismus - das erste der von ihm übermittelten Gebote Jahwes lautet: "Du sollst keine anderen Götter haben neben mir" - und damit als Stifter von Judentum, Christentum und Islam. Ohne ihn fehlte dem Staat Israel die territoriale Legitimation, der Anspruch auf Palästina, auf das von Gott versprochene "Land der Verheißung". Und schließlich ist Moses der Gesetzgeber, dessen Dekalog, die Zehn Gebote, die ethische Ordnung der ganzen Welt beeinflusst hat. Alle brauchen Moses. "Man müsste ihn erfinden, wenn die Tradition nicht von ihm berichtete", schreibt der Alttestamentler Rudolf Smend.

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Das religiöse Symbol für Entbehrungen und göttliche Prüfungen: die Steinwüste Sinai, hier bei Baraka

Aber hat Moses überhaupt existiert?

Alles, was wir von Moses wissen, steht in einer einzigen Quelle: dem Alten Testament. Bis in die Zeit der Aufklärung waren die Kirchenlehrer davon überzeugt, dass Moses selber es geschrieben hatte. Heute, nach 150 Jahren wissenschaftlicher Bibelkritik, ist diese Annahme verworfen. Ein Redaktionsteam jüdischer Priester hat die fünf Bücher Mose im fünften Jahrhundert v. Chr. zusammengestellt - erst 800 Jahre nach der Zeit, in der Moses, wenn es ihn denn gab, vermutlich gelebt hat.

Das Ziel der Priester: Mit dem Alten Testament - der Thora, dem Gesetz, wie es im Judentum heißt - wollten sie eine für alle verbindliche Grundlage ihres Glaubens schaffen. Eine historische Begründung für den Bund, den Jahwe, der eine und einzige Gott, mit dem jüdischen Volk geschlossen hatte. Und für diesen Bund bedurfte es eines Mittlers: Moses, des Propheten.

Anerkannte Historiker betrachten die Exodus-Erzählung weder als glaubhaften Tatsachenbericht noch als pure Erfindung. Die fünf Bücher Mose seien vielmehr ein Konzentrat von Geschichten, welche die Stämme Palästinas über Jahrhunderte hinweg mündlich weitergegeben hätten, von Generation zu Generation. Die Erfahrungen fremder Völker seien hineingemengt worden, anderes habe man gezielt ausgeschmückt. Die Suche nach dem wahren Kern des Exodus-Berichts gehört daher bis heute zu den größten Herausforderungen von Alttestamentlern.

Ägypten im 13. Jahrhundert vor Christus. Das Land ist eine Großmacht. Die Pharaonen, allen voran Ramses II., haben das Reich im Norden bis nach Syrien ausgedehnt, im Süden bis tief in den Sudan. Der einzige politische Konkurrent, das Volk der Hethiter, siedelt weit entfernt im Norden, in Kleinasien. Ein Friedensvertrag mit ihrem Herrscher, 1258 v. Chr. von Ramses II. geschlossen, grenzt die beiderseitigen Einflusssphären ab und garantiert ungestörte Handels- und Verkehrsströme.

Das Land am Nil, fruchtbar, reich und wohlgeordnet, ist ein attraktives Land. Die Nomaden der benachbarten Wüsten blicken neidisch auf die Fülle. Manchmal öffnet sie sich ihnen: "Wir haben die Leute bis zu den Teichen passieren lassen, um sie und ihr Vieh durch den guten Willen des Pharao am Leben zu erhalten", schreibt ein ägyptischer Grenzbeamter an seinen Vorgesetzten. So mag auch die Einwanderung der Kinder Israels erfolgt sein, beschrieben in der Josephsgeschichte im ersten Buch Mose.

Die nachfolgenden Leiden des Volkes in Ägypten werden in der Bibel ausführlich geschildert. Wann aber könnte sich all dies zugetragen haben? Außerhalb der Bibel gibt es für die bloße Existenz der Israeliten nur eine einzige zeitgenössische Quelle: Auf einer Stele, einem Gedenkstein des Pharaos Merenptah, ist von einem in Palästina lebenden Stamm namens "Israel" die Rede. Die Stele wird auf 1208 v. Chr. datiert, demnach müsste der Exodus vor diesem Datum stattgefunden haben. Möglicherweise erst kurz zuvor, in der Zeit des Pharaos Ramses II. (1279 bis 1213 v. Chr.). Denn im zweiten Buch Mose heißt es: "Sie mussten für den Pharao die Städte Pitom und Ramses als Vorratslager bauen". Wissenschaftler vermuten, mit der Stadt Ramses war das historische Piramesse gemeint. Und diesen Ort hatte in der Tat Ramses II. zu einer großen Stadt ausbauen lassen.

Seit im östlichen Nildelta Piramesse lokalisiert worden ist, suchen die Archäologen in den Trümmern nach Spuren der biblischen Geschichte. Aber in keinen Inschriften oder Papyri werden Moses oder sein Stamm namentlich genannt. Was nicht bedeuten muss, dass es die Kinder Israel nicht gegeben hat - vielleicht waren sie den Ägyptern nur keine Erwähnung wert, als kleine Gruppe im Heer der Fremdarbeiter und Kriegsgefangenen.

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Sinai-Satelliten-Foto: Am oberen Bildrand der Nil mit seinem Delta-Abfluss

ins Mittelmeer

Die zur Fron herangezogenen Ausländer lebten oft schon seit Generationen in Ägypten, manche relativ fest integriert. Dies könnte auch für jenen Stamm gelten, dessen Anführer einen geläufigen ägyptischen Namen trug: Moses. Die Bibel stattet ihn mit einer ungewöhnlichen Herkunft aus - in einem Binsenkörbchen auf dem Nil treibend - sowie einer ungewöhnlichen Jugend - erzogen am Hof des Pharao. Historisch belegt ist beides nicht, vielmehr gibt es viele Beispiele, wie im Altertum das Aufwachsen bedeutender Männer auf ähnliche Weise mythisch überhöht wurde. Auch die Geschichte von den zehn Plagen, mit denen Moses vom Pharao den Auszug erzwungen haben soll, mag der Festigung des Mythos gedient haben - schließlich demonstrierte sie eindrucksvoll die Kraft Moses' und seines Gottes.

Die Bibel hat den Aufbruch dramatisch gestaltet. Bei Nacht und Nebel seien die Israeliten und andere Gefangene, 600000 insgesamt, losgezogen. So rasch, dass nicht einmal Sauerteig fürs Brotbacken bereitet werden konnte. Die Erinnerung daran lebt jedes Jahr im höchsten aller jüdischen Feste, dem Passahfest, wieder auf.

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Naturgewalten - wie dieser Sandsturm über den Felskegeln von Baraka -

ließen die biblischen Wüstenwanderer oft am Sinn ihres Unternehmens

zweifeln.

Die Bibelforscher beurteilen den Vorgang nüchterner. Schon aus Wasser- und Nahrungsmangel hätte eine solch hohe Zahl an Menschen in der Wüste niemals überleben können. Mehr als 10000 Nomaden konnte die Sinai-Halbinsel zu keiner Zeit ernähren, zudem war die Wüste schon damals nicht menschenleer, sondern bereits von anderen Stämmen bevölkert. Die Forscher halten bestenfalls eine Zahl von einigen tausend Israeliten für realistisch, andere gehen sogar nur von ein paar hundert Flüchtlingen aus.

Von der Ramses-Stadt aus zogen die Israeliten nach Osten und erhielten, als am Roten Meer die Streitwagen des Pharaos sie einholten, einen weiteren Beweis für die Stärke ihres Gottes: Am Ufer des "Schilfmeers" spaltete dessen Prophet die Wasser, die Israeliten passierten trockenen Fußes die Furt, die nachrückenden Ägypter ertranken.

Selbst ohne das "Wunder" klänge eine Niederlage des berühmten Feldherrn Ramses II. gegen eine Schar schlecht bewaffneter Nomaden unglaubwürdig. Zudem hätten sich für solch ein Geschehen Hinweise in ägyptischen Quellen finden lassen müssen.

Der in Bern lehrende Moses-Experte Ernst Knauf deutet die Erzählung auf recht unspektakuläre Weise. Er vermutet, dass Nomaden des Sinai Zeugen wurden, wie ägyptische Streitwagen, die am Ende eines Wadi standen, nach heftigen Regenfällen im Landesinneren von einem plötzlichen Sturzbach ins Meer gespült wurden. Ein Lied über das Ereignis entstand, verbreitete sich von Lager zu Lager, mit zunehmender Dramatik geschmückt. Auf ihrem Marsch durch die Wüste hörten es die Israeliten und übernahmen es als Heilstat ihres Gottes in die eigene Geschichte.

Auf welchem Weg hat Moses seine Anvertrauten durch den Sinai geführt? Die Vermutungen darüber füllen ganze Bibliotheken, Scharen von Archäologen haben fast jeden Stein im Sinai umgedreht. Die Bibel selbst erleichtert die Forschung nicht: Sie nennt zwei unterschiedliche Fluchtrouten. Die eine, die nördliche, führte auf der großen, Ägypten und Palästina verbindenden Heerstraße am Mittelmeer entlang. Die andere, die südliche, verlief östlich der Bitterseen, entlang des heutigen Kanals, zum Ufer des Golf von Suez. Gemeinsam ist beiden nur der Ausgangspunkt: die Stadt Ramses. Ist es vorstellbar, dass Moses seine Anhänger in zwei Gruppen einteilte? Und wieso hätte dann die eine den gefährlichen Weg über die gut bewachte Heerstraße nehmen sollen?

Die zwei Routen gehen offenbar auf zwei verschiedene Überlieferungen zurück. Die eine berichtet von einer großen Emigrantenschar, die die Heerstraße nutzte, weil die Ägypter es so wollten: Die Menschen wurden vertrieben, als eine Seuche das Land heimsuchte. Die andere Gruppe aber floh, musste also, um die ägyptischen Stützpunkte zu umgehen, die entbehrungsreichere Südroute nehmen.

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Wüstenpiste durch das Sinai-Gebirge

Diese Route ist in der Bibel mit einer Fülle von Hinweisen dokumentiert. Der Autor Werner Keller nutzte sie, um die gesamte Strecke kartographisch präzise zu bestimmen und schrieb darüber 1955 den Bestseller: "Und die Bibel hat doch recht". Heute, nach 45 Jahren weiterer intensiver Forschung, zieht der Kieler Historiker Herbert Donner in seiner "Geschichte des Volkes Israel" ein ernüchterndes Fazit: "Eine auch nur einigermaßen vernünftige und verständliche Route ist nicht zu rekonstruieren." Am plausibelsten erscheint noch ein Verlauf, der sich an der Notwendigkeit orientierte, Wasser, Nahrung und Weide für das Vieh zu finden. Demnach hätte Moses sich wohl für den alten Handelsweg entlang des Roten Meeres entschieden, die Ägypten mit den Türkisminen von Serabit el-Chadem im Innern des Sinai verbindet. Von dort aus bot das Wadi Feiran den einzigen für eine größere Gruppe gangbaren Weg zum Mosesberg, dem Gebel Musa.

Die Israeliten waren herzlich wenig auf das Wüstenleben vorbereitet. Immer wieder gerieten sie, so die biblische Schilderung, in Schwierigkeiten, fanden weder Wasser noch Nahrung. Ihr Anführer half ihnen jedes Mal aus der Not. Aus wissenschaftlicher Sicht belegen die Moses zugeschriebenen "Wunder" vor allem, dass sich der Prophet in der Wüste auskannte, besser als seine Anhänger. Für die meisten Wunder haben sich plausibel klingende Erklärungen gefunden. Das den Boden bedeckende "Manna, das die hungrigen Israeliten sättigte", hatte schon 1823 der deutsche Botaniker Christian Gottfried Ehrenberg als Sekret einer auf der Tamariske siedelnden Schildlaus erkannt. Die vom Himmel fallenden Wachteln waren vermutlich erschöpfte Zugvögel gewesen. Und dass Nomaden, wie Moses, Wasser aus Felsgestein schlagen können, erlebte unter anderem der britische Gouverneur für den Sinai, C. S. Jarvis, in den dreißiger Jahren.

Am Grabmal des Papstes Julius II. zu San Pietro in Rom sitzt Michelangelos gewaltiger Moses. Mit Patriarchenbart und den Tafeln des Gesetzes symbolisiert er das Geschehen am Berg Sinai: die Übergabe der Zehn Gebote, die Verkündung des Glaubens an den einen Gott, von dem es untersagt ist, sich ein Bild zu machen. Im bewussten Kontrast zur Vielgötter- und Bilderverehrung Ägyptens und des ganzen Orients predigte Moses seinen rigiden Monotheismus - für viele Gläubige die historisch folgenreichste Leistung des Propheten.

Die moderne Forschung hat diese Sicht der Dinge relativiert. Im alten Israel, mindestens bis zum babylonischen Exil im 6. Jahrhundert v. Chr., war der Polytheismus noch weit verbreitet. Jahwe wurde bildlich dargestellt und bekam sogar eine weibliche Ergänzung, die Göttin Aschera. Erst in einem langen, über Hunderte von Jahren dauernden Prozess habe sich die reine Form des jüdischen Monotheismus herausgeschält. Vermutlich deshalb, weil er die beste Möglichkeit bot, sich von den Religionen anderer, politisch dominierender Völker abzugrenzen.

Auch in seiner Rolle als Gesetzgeber hat Moses an Bedeutung verloren. Seine im dritten Buch Mose zusammengefassten kultischen Vorschriften sind nicht von ihm formuliert worden, sondern erst viel später entstanden. Wichtiger noch: Selbst die knapp und prägnant formulierten Zehn Gebote gelten heute nicht mehr als mosaisch. Weder sei es denkbar, dass Moses seiner Nomadenschar den siebenten Tag der Woche als Ruhetag, Sabbat, verordnet habe, noch mache es Sinn, im Zeltlager eines wandernden Volkes das Gebot aufzustellen "Du sollst nicht begehren deines Nächsten Haus. Die Schlussfolgerung liegt nahe, dass der Dekalog erst nach der Landnahme in Palästina unter Ackerbauern und Stadtbewohnern formuliert wurde.

In der Diskussion darüber, welcher Gipfel des Sinai als der Mosesberg zu gelten habe, sind die unterschiedlichsten Berge benannt worden. Die meisten Gläubigen halten sich an die Überzeugung der Kaiserin Helena, die 324 n. Chr. den 2285 Meter hohen Gebel Musa zum Ort des Geschehens erklärt hatte. Es wäre allerdings auch plausibel gewesen, wenn Moses, um Gott möglichst nahe zu sein, gleich auf den daneben liegenden, 350 Meter höheren Gebel Katarina gestiegen wäre. Manche Forscher wiederum favorisieren den 2070 Meter hohen Gebel Serbal, der über der Oase Feiran aufragt: Die 40 Tage des Wartens auf Moses wären den Israeliten in der Oase leichter gefallen als am kargen Rand der anderen Berge.

Die Wartenden, so die Bibel, nutzten die Abwesenheit Moses', um sich in der Oase ein "Goldenes Kalb" als anschauliches Gottesbild zu schaffen. Sie wählten dieses Tier, weil es sie an den Apis-Stier erinnerte, der in Ägypten als Gottheit verehrt wurde. Die ketzerische Tat kränkte Jahwe. Zur Strafe ließ er die Israeliten erst in der nächsten Generation das Gelobte Land schauen.

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Der Blick vom Gebel Musa - dem "Berg Sinai" -, auf dem Gott Moses die Zehn

Gebote überreicht haben soll. Viele Pilger wollen hier den Sonnenaufgang

erleben

Gut möglich, dass es kein Goldenes Kalb gegeben hat. Aber in der dramaturgischen Absicht, mit der diese Erzählung später in die Überlieferung eingewoben sein könnte, glauben Wissenschaftler wieder einmal einen historischen Kern zu erkennen: dass die Israeliten tatsächlich nicht geradewegs nach Palästina weiterzogen, wofür sie nur zwei Wochen gebraucht hätten, sondern sich noch mehrere Jahrzehnte in der Wüste aufhielten. Historisch wäre diese Verzögerung sinnvoll gewesen. Denn erst als sich zu Beginn des 12. Jahrhunderts die Ägypter als Ordnungsmacht aus Palästina zurückzogen, fiel es den Stämmen der Wüste leichter, gegen die kleinen Königreiche und Stadtstaaten Palästinas vorzurücken.

Moses starb, noch bevor sein Volk das Gelobte Land erreichte. Die Behauptung der Bibel, er habe die neue Heimat in Palästina seinen Anhängern beim Auszug aus Ägypten zugesichert, hält der Quellenkritik nicht stand. Diese Verknüpfung ist erst später der Überlieferung hinzugefügt worden.

Das Leben Moses', der Exodus, der Bund mit Jahwe und die Landnahme sind ein noch immer nicht gänzlich entschlüsseltes Gemenge aus Wahrheit und Fiktion, das die Verfasser des Alten Testaments heilsgeschichtlich, nicht historisch geordnet haben. Kollektive Erinnerungen aus fast tausend Jahren verschmolzen dabei miteinander, um das Bild von Moses zu erschaffen, des Helden, Propheten und Befreier Israels. Der radikalste Moses-Biograph, der hochangesehene Alttestamentler Martin Noth, der die Moses-Legenden zerpflückt hat wie kein anderer, kommt am Ende seiner Überlegungen zu dem Schluss, dass man nur eines sicher von Moses wüsste: dass er auf dem Berg Nebo im heutigen Jordanien begraben liegt. Also hat er gelebt.