Logo GEO Epoche
Das Magazin für Geschichte

Besiedlungsgeschichte: Wer war zuerst in Amerika?

Lange ging man davon aus, dass sibirische Nomaden vor über 13 000 Jahren über die Beringstrasse nach Amerika wanderten und den Kontinent besiedelten. Doch nun finden Anthropologen, Genforscher und Linguisten immer mehr Indizien für andere Hypothesen

Was die Verfechter der Beringstraßen-Theorie bisher so sicher gemacht hat, sind die vielen Funde. Von Alaska über New Mexico bis Feuerland wurden Skelette von erlegten Tieren, Werkzeuge und Waffen aus Knochen und Stein geborgen. Mithilfe der Radiokarbon-Messmethode konnte ermittelt werden, dass nichts davon älter ist als 13 350 Jahre. Vor allem in Nordamerika gleichen sich die Werkzeuge und Speerspitzen über 400 Jahre lang - von vor 13 350 bis vor 12 900 Jahren - so sehr, dass die Archäologen von einer einheitlichen Kultur sprechen - von der Clovis-Kultur. Denn bei Clovis im US-Bundesstaat New Mexico sind 1937 zum ersten Mal über 10 000 Jahre alte Speerspitzen und Knochen erlegter Mammuts gefunden worden.

Lange haben die Clovis-Menschen den Wissenschaftlern als die Ureinwohner Amerikas gegolten - und als Ahnen der heutigen Indianer. Wären allerdings die ersten Menschen über Alaska nach Amerika eingewandert, dann müssten auf dieser Strecke auch die ältesten archäologischen Zeugnisse dieser Besiedlung zu finden sein. Doch obwohl Archäologen, Geologen und Paläontologen das Land in den vergangenen Jahrzehnten systematisch durchforscht haben, sind keine eindeutigen Spuren von Menschen gefunden worden, die Vorläufer der Clovis-Kultur im Süden sein könnten.

640a8a9552106cf1d7fa18ae6941f66b

1996 wurde im US-Bundesstaat Washington

das Skelett eines Mannes gefunden.

Er hatte vor über 9400 Jahren gelebt,

und seine Gesichtsform deutet auf eine

europäische - oder südostasiatische -

Herkunft. Bis heute ist die Abstammung

des "Kennewick Man" nicht eindeutig geklärt

Trotzdem scheint sich seit wenigen Jahren die Überzeugung durchzusetzen, dass die Clovis-Menschen nicht die ersten und einzigen Amerikaner gewesen sind und Amerika nicht nur über die Beringbrücke besiedelt worden ist, sondern auch übers Meer - von Pionieren aus China, Australien, Polynesien und vielleicht sogar aus Europa.

Die Vorsichtigen unter den "oppositionellen" Archäologen schätzen, dass die ersten Amerikaner einige tausend Jahre früher da waren als die Clovis-Menschen. Manche Wissenschaftler wie die brasilianische Archäologin Niède Guidón spekulieren, dass in Südamerika bereits vor 30 000 bis 50 000 Jahren Menschen gelebt haben, und manche nennen sogar einen Zeitraum von 150 000 bis 200 000 Jahren. Beweise dafür haben sie nicht.

Die Gründe für diesen Meinungsumschwung tragen Namen: Monte Verde, Cactus Hill, Topper und Meadowcroft Rockshelter - Namen von Fundstellen in Nord- und Südamerika, an denen Archäologen Zeugnisse anderer Kulturen gefunden haben wollen, die älter sind als Clovis.

Der Archäologe Thomas Dillehay, Professor für Anthropologie an der University of Kentucky, behauptet seit 1987, in Monte Verde im Süden Chiles Hütten, Steinwerkzeuge und Holzmörser, Nahrungsreste wie Nüsse und Beeren und sogar einen Kinderfußabdruck gefunden zu haben, die sämtlich rund 14 500 Jahre alt seien. Dafür erntete er über viele Jahre von seinen Kollegen Hohn und Spott.

Seit 1997 sind jedoch Dillehay zufolge die meisten seiner Kritiker verstummt. Er hatte sie nach Monte Verde eingeladen, damit sie sich selber ein Bild machen konnten: Tatsächlich müssen dort vor rund 14 500 Jahren Menschen gelebt haben, die nichts mit der Clovis-Kultur zu tun hatten.

Die späte Anerkennung Dillehays und der Fundstätte in Monte Verde durch die meisten seiner früheren Kritiker hat anderen Prä-Clovis-Verfechtern Auftrieb gegeben. Cactus Hill zum Beispiel, eine Fundstätte in Virginia, gilt etlichen Wissenschaftlern jetzt ebenfalls als Prä-Clovis-Ort.

Das Archäologenpaar Joseph und Lynn McAvoy fand dort 17 000 Jahre alte Steinwerkzeuge. Auch im Meadowcroft Rockshelter im Südwesten von Pennsylvania wurden bis zu 16 800 Jahre alte Steinwerkzeuge gefunden.

Die seit ihrer Erfindung im Jahre 1947 stetig verfeinerte Radiokarbon-Methode liefert heute zwar ziemlich exakte Ergebnisse, dennoch lässt sich nicht einwandfrei sagen, ob die untersuchten Funde etwa verunreinigt gewesen sind und dadurch zu einem falschen Resultat geführt haben.

Doch jeder "makellose" Fund ist immer auch eingebettet in bestimmte Bodenschichten, kann vermischt sein mit Holzkohle, Knochenresten, Asche und Gestein aus vielen Zeiträumen. Dies alles überlässt den Wissenschaftlern fallweise einen relativ großen Spielraum für Schlüsse, Zweifel und Interpretationen.

415e275400a6130584e0f3bba7dbdc59

In einer Höhle in Nevada wurden menschliche Gebeine entdeckt, die mit

9400 Jahren so alt sind wie die des Kennewick Man. Auch dieser

"Spirit Cave Man" besaß keine mongoliden Gesichtszüge - er war also

ebenfalls nicht sibirischer Abstammung. Als seine nächsten Verwandten

gelten die Ainu, die Ureinwohner Japans, und die Menschen auf der Osterinsel

So fällt denn die Antwort schwer auf die Frage: Woher sind diese Menschen gekommen? Und auf welchen Wegen? Wie haben sie gelebt? Wovon haben sie sich ernährt? Wie haben sie ihre Toten bestattet? Warum findet man so selten Knochen?

Weil aber die neuen Daten von einigen Wissenschaftlern anerkannt oder zumindest für bedeutsam gehalten werden, wankt das Clovis-Dogma.

Es sprießen Alternativ-Thesen, die sich auf einige Grundannahmen reduzieren lassen. Und alle haben die Vermutung gemeinsam, dass die ersten Amerikaner übers Meer gekommen sind:

  • Nach der Sibirien-These näherten sich die frühen Seefahrer über den nördlichen Pazifik der amerikanischen Westküste und kämpften sich nach Süden vor.
  • Der Polynesien-These gemäß besiedelten sie vom Südpazifik her die Küsten Südamerikas - und zwar entweder ebenfalls über den Nordpazifik oder, wie einige meinen, quer über den Stillen Ozean im Süden.
  • Der Europa-These zufolge fuhren sie über den Atlantik an der weit in den Süden reichenden Polarkappe entlang und landeten an der Ostküste Nordamerikas.
  • Oder: Sie wanderten von Frankreich aus nordostwärts durch Russland und Sibirien und kamen aus dieser Richtung an.

Zusammen mit der alten Beringstraßen-These, nach der sämtliche Ureinwohner Amerikas sibirische Vorfahren haben, ergibt das vier Grundannahmen, von denen möglicherweise nur eine stimmt. Nicht auszuschließen ist aber auch, dass zwei davon stimmen oder drei - oder alle vier.

Dieses chaotische Konglomerat von Spekulationen krankt indes an zwei Problemen: Es gibt kaum Knochenrelikte jener Immigranten, geschweige ganze Skelette - und keine glaubhafte Spur von einem Boot oder Floß.

Den Anhängern der Multikulti-Besiedlung gilt Luzia, ein 13 500 Jahre altes Skelett aus Brasilien, als einer der wichtigsten Funde. Interessant ist nicht so sehr sein Alter, sondern die Form des Schädels. Die passt nämlich zu keiner der rund 1000 Indianergruppen Amerikas.

Der Schädel sei nicht mongolid wie die der Indianer, sondern gleiche denen mancher Südostasiaten und früher Australier, sagt der Anthropologe Walter Neves von der Universität von São Paulo.

23beee98f48df62035298039f6dea5a0

Für die Besiedlung Amerikas gibt es vier Grundhypothesen:

- die Beringstraßen-These, nach der Amerika ausschließlich über eine

Landbrücke zwischen Sibirien und Alaska besiedelt worden ist:

- die Sibirien-These, nach der frühe Seefahrer von Sibirien über den

Nordpazifik die amerikanische Küste erreicht haben;

- die Polynesien-These, nach der südpazifische Seefahrer den Stillen

Ozean überquert haben und im Norden oder auch im Süden Amerikas

gelandet sind;

- die Europa-These, nach der frühe Bewohner der Alten Welt über

den Atlantik oder über Russland und Sibirien nach Amerika

vorgedrungen sind

5138cae5be32106e1e7240dc3a15cc0a

Vor 17 000 Jahren versperrten Gletscher den

Landweg nach Amerika. Erst rund 3000 Jahre

später war das Klima so warm, dass sich im

heutigen Kanada zwischen den Eismassen ein

gangbares Tal aufgetan hatte, der

»Mackenzie-Korridor«. Den durchwanderten

sibirische Nomaden vor 13 350 Jahren aif ihrem

Weg nach Amerika. Doch sind in Amerika auch

menschliche Relikte gefunden worden, die

mindestens 17 000 Jahre alt sind (rote Punkte).

Also müssen frühe Pioniere auch andere Wege

als zwischen den Gletschern gefunden haben

Neves hatte die Computerdaten von Luzias Schädel an die englische Universität Manchester geschickt. Dort hat der Gerichtsmediziner Richard Neave Luzias Gesicht anhand der Daten rekonstruiert und ist zu dem Ergebnis gekommen: nicht-mongolid, eher negroid, besonders Nase und Kiefer.

Also aus Afrika? Nein, eher aus Australien, Südasien oder Südostasien. Luzia könnte von einer kleinen Nomadengruppe abstammen, die schon vor 15 000 Jahren über den Pazifik in der Neuen Welt ankam, vermutet der Brasilianer. Er hält es sogar für wahrscheinlicher, dass sie zu einer südostasiatischen Gruppe gehört hat, deren einer Teil Australien besiedelte (Aborigines), während ein anderer an den asiatischen Küsten nach Norden entlanggefahren, über die Beringsee nach Nordamerika und von dort nach Süden gelangt ist.

Doch nicht nur Australier, Polynesier und Asiaten haben vor den Clovis-Menschen Amerika besiedelt: sondern auch Europäer. Das zumindest vermutet Dennis Stanford, Leiter der Anthropologieabteilung am Nation Museum of Natural History in Washington D.C. Wären die Clovis-Menschen aus Sibirien gekommen, dann hätte man dort von ihnen hinterlassene Werkzeuge oder wenigstens Vorläufer davon finden müssen.

Denn die Clovis-Technik sei ziemlich einzigartig in der Welt. Allerdings gebe es da Ausnahmen, zum Beispiel die Steingeräte des Solutréen, hergestellt von Menschen, die vor 16 500 bis 22 000 Jahren im heutigen Frankreich, Portugal und Spanien gelebt haben. Deren Technik der Steinbearbeitung sei zwar älter als die der Clovis-Menschen, aber sehr ähnlich.

Auch der Archäologe Michael Collins hat Produkte der Clovis- mit denen der Solutréen-Kultur verglichen. Die verblüffende Ähnlichkeit zwischen den Clovis- und den Solutréen-Speerspitzen könnte in der Tat dafür sprechen, dass Europäer, wie später dann die Wikinger, über den Atlantik nach Amerika gekommen seien.

Diese Annahme deckt sich mit den Vermutungen Stanfords, der eine Passage der Solutréen-Menschen über den Atlantik ebenfalls für möglich hält. (Doch keine These ohne Antithese: Kürzlich hat der Anthropologe Lawrence Guy Straus von der University of New Mexico große Bedenken angemeldet. Schließlich endete die Solutréen-Tradition einige tausend Jahre, bevor die Clovis-Kultur in Nordamerika zu datieren ist.)

Mit dem Boot über den Atlantik - ist das überhaupt vorstellbar? William Fitzhugh, Direktor des Zentrums für arktische Studien an Washingtons Smithsonian Institution meint: Vielleicht haben die "Solutreaner" gar keine Fahrzeuge gebraucht. Der Nordatlantik war damals von Norwegen bis Neufundland zugefroren. Von Frankreich nach England zu kommen dürfte auch für Steinzeitmenschen kein Problem gewesen sein. Von dort hätten sie nach Schottland gelangen können, und dann sei es nicht mehr weit gewesen nach Island.

Von dort aus hätten sie dann - immer an der Eiskante des Atlantik entlang - im Prinzip zu Fuß übers Eis nach Grönland, Neufundland und Nova Scotia gehen können.

1996 erhielt die Europäer-These kurzfristig weiteres Gewicht: durch den Fund des so genannten Kennewick Man.

Wann lebte und vor allem, wann starb dieser rund 1,75 Meter große Mann im Alter zwischen 45 und? Die Antwort lieferte die Radiokarbon-Datierung anhand des fünften linken Mittelhandknochens: vor 9460 Jahren.

Daraufhin sah sich der Gerichtsmediziner und Anthropologe James Chatters den Schädel des Kennewick Man genauer an und klassifizierte ihn als "kaukasoid-ähnlich". Dieser Begriff meint eine Schädelform, die in Europa verbreitet ist - aber auch in Südostasien und bei den Ainu, Japans Ureinwohnern.

Kamen die Ahnen des Kennewick Man also aus Fernost?

Auch Linguisten stützen die Multi-Immigranten-Hypothese von der Besiedelung Amerikas. Johanna Nichols von der University of California in Berkeley etwa hat von Alaska bis Feuerland 143 indianische Sprachgruppen gezählt, die sich so stark voneinander unterscheiden wie beispielsweise das Französische vom Japanischen.

Wenn sich zwei Sprachen aus einer einzigen entwickeln und zu einem solch großen Unterschied führen, dann seien, schätzt Johanna Nichols, allein für diesen Prozess mindestens 6000 Jahre nötig. Und für die Herausbildung jener 143 Sprachen aus einer einzigen veranschlagt sie sogar 60 000 Jahre.

Diese Zeit von 60 000 Jahren könne aber halbiert werden, wenn man mehrere Einwanderungswellen mit unterschiedlichen Sprachen annehme. Das bedeutet: Die ersten Einwanderer sind vor etwa 30 000 Jahren in die Neue Welt gekommen - was sich mit der Vermutung von Genetikern deckt, die zum einen eine genetische Übereinstimmung zwischen den Ureinwohnern Sibiriens und der Mehrheit der nordamerikanischen Indianer entdeckten; zum anderen DNS-Gemeinsamkeiten zwischen Europäern und einer Hand voll Indianerstämme des Nordens. Dass es Einwanderungswellen gegeben hat, läßt sich am Grad der "genetischen Durchmischung" der jeweiligen Völker ableiten.

Die Linguistin Johanna Nichols geht mit ihren Thesen noch weiter: Da sie die größte Sprachenvielfalt an der Pazifikküste ausgemacht hat, vermutet sie, dass die meisten Menschen Amerika entlang des westlichen Küstenstreifens erreicht haben. Nach ihren jüngsten Forschungen sind allerdings die Vorfahren der Völker östlich der Rockies vor mehr als 22 000 Jahren ins Land gekommen - also schon vor dem Gletscher-Maximum der jüngsten Eiszeit; ihre Nachbarn im Westen folgten erst 10 000 Jahre später.

Was immer Anthropologen, Archäologen, Genetiker und Sprachforscher in Zukunft noch aus dem amerikanischen Boden ans Tageslicht befördern werden ? eines steht fest: Dass der Kontinent schon in der Steinzeit war, was es später erneut werden sollte: ein "melting pot", ein Schmelztiegel der Völker.