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Frühgeschichte: Wem gehört der Kennewick Man?

Verbissen ringen Anthropologen und Indianer um den berühmtesten Knochenmann der USA, den so genannten "Kennewick Man". Die einen wollen ihn erforschen, die anderen begraben

Am Nachmittag des 28. Juli 1996 fanden die Studenten Will Thomas und Dave Deacy am Ufer des Columbia River bei Kennewick im Staate Washington einen menschlichen Schädel, der die amerikanische Justiz bis heute beschäftigt. Das dazugehörige Skelett wurde erst später sichergestellt.

Nur vier Wochen später hatten Gerichtsmediziner das Sterbejahr des unbekannten Toten ermittelt: 7460 v. Chr.

Vieles weiß man heute über den so genannten "Kennewick Man". Er war 1,75 Meter groß, zwischen 45 und 50 Jahre alt und von polynesischer oder südostasiatischer Abstammung. In seiner Hüfte steckte eine Speerspitze, die ihn aber nicht getötet hatte. Festgestellt wurden zudem zahlreiche Rippenbrüche, eine Fraktur am linken Ellenbogen und eine Kopfverletzung. Viele Fragen blieben aber auch ungelöst, zum Beispiel, ob der Mann je bestattet worden ist.

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Bis heute ist die Abstammung des "Kennewick Man" nicht eindeutig geklärt

Kaum stand das Alter des Skeletts fest, forderten mehrere Indianerstämme die Herausgabe ihres angeblichen "Urahns". Sie beriefen sich dabei auf das Nagpra-Gesetz von 1990. Demnach sind alle Knochen und Beigaben aus indianischen Begräbnissen an die betroffenen Stämme zurückzugeben, damit diese sie ihren Riten entsprechend zur zweiten endgültigen Ruhe betten können.

Da der "Kennewick Man" physiogonomisch aber kein Indianer ist, wurde er durch seine Einordnung als "kaukasoid-ähnlich" für die Gegner der Herausgabe zum Europäer. Zum Beispiel für die Asatru, eine Glaubensgemeinschaft, die nordische Gottheiten wie Thor und Odin verehrt und ebenfalls Anspruch auf die Gebeine erhob.

Allerdings beschreibt die wissenschaftliche Bezeichnung "kaukasoid" nicht etwa eine Herkunft aus dem Kaukasus, sondern eine bestimmte Schädelform, die nicht nur bei Europäern, sondern auch bei Südostasiaten vorkommt.

Am 30. September 1996 wollte die Regierung den Kennewick Man zur "Rückführung" freigeben. Doch dagegen legten am 17. Oktober 1996 acht namhafte Wissenschaftler gerichtlichen Widerspruch ein - allen voran Robson Bonnichsen, Direktor des Center for the Study of the First Americans. Der Kennewick Man sei kein Indianer und von daher könne er auch an keinen Indianerstamm "zurückgegeben" werden. Tatsächlich sind aber Skelettfunde dieser Erhaltung und Datierung überaus rar und jeder einzelne für die Wissenschaft unersetzlich. Dazu kommt, dass kaum etwas zur Zeit von den Archäologen so heftig diskutiert wird, wie die Frage nach der Besiedlung Amerikas.

Zunächst hatte der Einspruch Erfolg.

Im Frühjahr 1999 bestellte die Regierung ein Team aus unabhängigen Gutachtern. Zwei Geologen nahmen nochmals die Sedimente am Fundplatz des Kennewick Man unter die Lupe, ein Lithikspezialist kümmerte sich um die Speerspitze, und zwei Anthropologen bestimmten erneut das gesamte Skelett. Ergebnis: Das Alter stimmt und die Ahnen des Kennewick Man zählen zu den Ainu, den Ureinwohnern Japans, oder Polynesiern.

Dennoch wurde der Kennewick Man am 12. Januar 2000 offiziell als "Native American" (also Indianer) anerkannt. Allerdings reicht diese Anerkennung allein nicht für eine "Rückführung" aus. Denn im Rahmen des Nagpra-Gesetzes müssen die Anspruch erhebenden Stämme auch eine Verwandtschaft mit dem entsprechenden Toten beweisen können.

Nun sollen DNS-Analysen zeigen, welcher Indianerstamm den Kennewick Man zu seinen Vorfahren zählen darf. Doch das gestaltet sich schwieriger als gedacht. Jahrtausendelang waren die Knochen einem beständigen Wechsel von Wasser und Luft ausgesetzt. Die Chancen, intakte DNS zu finden, stehen daher nicht zum Besten. Und die Zeit wird knapp, denn das Gericht hatte die Veröffentlichung der Ergebnisse für den 24. September 2000 anberaumt. Damit war der erste Termin schon um ein halbes Jahr vom Frühling in den Herbst verschoben worden, anscheinend aber nicht weit genug.

Am 31. August 2000 gab Francis P. McManamon, der leitende Archäologe des National Park Service und zuständiger Beauftragte des Innenministeriums für die DNS-Analyse am Kennewick Man, eine eidesstattliche Erklärung ab. Keines der drei Labore hätte bisher Erfolg gehabt, doch sie würden weiter nach brauchbarem Genmaterial suchen. Der Zeitplan solle dadurch nicht beeinträchtigt werden. Offensichtlich wird er das aber doch, denn bisher ist vom Kennewick Man nichts Neues zu erfahren.