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Geschichte: Wasser, marsch zurück!

Neue Forschungsergebnisse lassen vermuten: Historischer Schauplatz der biblischen Sintflut war doch nicht das Schwarze Meer.

Es hatte so überzeugend geklungen. Grundlage für die in der Bibel geschilderte Geschichte einer Flutkatastrophe, vor der sich Noah und seine Familie nebst zahlreicher Tierpaare nur durch den Bau einer Arche retten konnten, sei eine reale, historisch belegbare Überschwemmung weiter Gebiete Kleinasiens gewesen. Dies hatten die Amerikaner William Ryan und Walter Pitman 1997 und 1999 in ihrer "Sintflut-Hypothese" behauptet. Ihre Theorie droht nun von einer Gegenthese des Geologen Ali Aksu von der University of Newfoundland hinweggeschwemmt zu werden.

William Ryan und Walter Pitman hatten postuliert, am Ende der letzten Eiszeit, also vor etwa 14 000 Jahren, hätten die schmelzenden Gletscher das Wasser der Weltmeere ansteigen lassen – so hoch, dass vor rund 7500 Jahren das Mittelmeer den Damm am Bosporus durchbrochen und sich in einem gewaltigen Schwall in das damals 130 Meter tiefer liegende Schwarze Meer ergossen hätte. 40 Kubikkilometer Wasser pro Tag – 200-mal mehr als in derselben Zeit die Niagara-Fälle hinunterstürzen – sollen das Schwarze Meer pro Tag um rund 15 Zentimeter aufgefüllt haben. Die steinzeitlichen Bauern, welche die fruchtbare Region besiedelt hätten, seien zur Flucht gezwungen gewesen und hätten sich in alle Himmelsrichtungen zerstreut. Einige sollen den Ackerbau nach Europa gebracht, andere die Sage von der Sintflut verbreitet haben.

Nein, meinen Aksu und seine Kollegen nach intensiver Spurensuche. Zum einen würden Pollen in Bohrkernen nahelegen, dass Ackerbau und Waldrodung rund um das Schwarze Meer erst vor 4000 Jahren begannen – 3500 Jahre nach der postulierten Sintflut. Zum anderen sei das Wasser zur fraglichen Zeit genau wie heute in umgekehrter Richtung geflossen – also vom Schwarzen Meer ins Marmara- und Mittelmeer –; und definitiv langsamer als in dem zitierten Katastrophenszenario.

So fanden die Forscher im Marmara-Meer am südlichen Ausgang des Bosporus einen Sedimentkegel, wie er an der Mündung eines Flusses entsteht. Die Ablagerungen bildeten sich nach ihrer Ansicht, als die Schmelzwasser der großen europäischen Flüsse wie Donau, Don, Dnjepr und Dnjestr das Schwarze Meer aufgefüllt hatten und vor 10 000 Jahren ins damals 20 Meter tiefer gelegene Marmara-Meer abgelaufen waren. Altersbestimmungen der Sedimente ergaben, dass der Schwemmkegel innerhalb von 1000 Jahren aufgebaut wurde – also kein Anlass zur übereilten Flucht aus dem Gebiet bestanden haben kann.

Als schließlich auch der Spiegel der Weltmeere angestiegen war, habe sich am Boden des Kanals ein Unterstrom aus salzigem und damit schwererem Wasser in die Gegenrichtung ausgebildet und das Schwarze Meer allmählich von unten her mit Salzwasser aufgefüllt. Dies sei der Grund gewesen, weshalb vor etwa 7500 Jahren Salzwasser-Schnecken und -Muscheln im Schwarzen Meer siedeln konnten.

Gerade die Existenz dieser vorher dort nicht belegten Mollusken hatten Ryan und Pitman als Beleg für die Flut-Katastrophe angesehen