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Archäologie: Fenster zur Steinzeit

In einem Dorf in Jordanien haben Archäologen die älteste Grabkammer der Welt entdeckt. Die Funde geben Einblick in das Leben der ersten sesshaften Menschen

Als an diesem Morgen über Ba'ja die Sonne aufging, begann ein denkwürdiger Grabungstag. Wind war aufgekommen und fegte durch die Ruinen der 9000 Jahre alten Siedlung im Süden Jordaniens, wo Archäologen das Leben in der frühen Jungsteinzeit (Neolithikum) ergründen. Die Arbeiten schleppten sich voran - bis plötzlich jemand rief: "Wir haben einen Schädel!"

Zwei Tage zuvor waren die Wissenschaftler an gleicher Stelle, wo einst ein Haus stand, auf Fragmente von abstrakten Wandmalereien gestoßen: rote Motive, aus denen Strahlen kommen, mit einer Art Leiter dazwischen. "Uns war zunächst nicht klar, was wir da entdeckt hatten", sagt Projektleiter Hans Georg Gebel vom Institut für Vorderasiatische Altertumskunde der Freien Universität Berlin. Als menschliche Überreste in einer Kammer vor der Wandmalerei auftauchten, war die Sensation perfekt: "Es ist das erste Mal, dass eine echte Grabkammer aus dem frühen Neolithikum freigelegt worden ist."

Ein dichtes Paket von menschlichen Knochen kam zu Tage: 12 bis 22 Zentimeter dick, weniger als einen Quadratmeter umfassend, Rippen, Arme und Beine, teilweise mit roter Farbe überzogen, sieben Schädel und ein achter in Bruchstücken. Die Forscher fanden auch Reste von Muschelketten, Knöpfe und Pailletten aus Perlmutt sowie rot bemalte Pfeilspitzen aus Feuerstein.

Ba'ja zählt zu den ältesten Dörfern der Welt. Es liegt versteckt in einem zerklüfteten Gebirge in 1150 Meter Höhe. Der Weg führt durch eine Schlucht, die sich bis auf einen Meter verengt und 70 Meter hoch ragt, und über Geröll, das sich bis zu sieben Meter hoch türmt.

Auf 15000 Quadratmeter erstreckt sich die Siedlung, 700 davon haben die Archäologen freigelegt: Schon jetzt zeichnet sich eine pueblo-artige Anlage ab, die von Felsen umschlossen ist - eine natürliche Festung.

Mindestens 400 bis 600 Menschen haben in Ba'ja gelebt, schätzt der Archäologe. Sie betrieben Ackerbau und Viehzucht, waren aber offenbar auch als Handwerker und Händler tätig: Die Forscher fanden "ungeheure" Mengen von fein geschliffenen Schmuckringen aus Sandstein.

Sie vermuten daher, dass Ba'ja ein Produktionszentrum war, und die Einwohner mit den hier hergestellten Luxusgütern bis ins 200 Kilometer entfernte Jericho handelten.

Die Ruinen sind laut Gebel fantastisch erhalten: zwei- bis dreistöckige, eng zusammenstehende Häuser mit bis zu zehn Räumen auf 75 Quadratmeter. Dach- und Deckenluken dienten als Ein- und Ausgänge. "Auf dem Dach spielte sich ein Großteil des Lebens ab", mutmaßt der Archäologe. Aber es habe wohl auch kommunale Bereiche gegeben: Die Forscher fanden jetzt erstmals zwei Wege und einen Platz mit einem torähnlichen Zugang.

Dass die Toten im Haus beerdigt wurden, führt Gebel vor allem darauf zurück, dass die Bewohner glaubten, ihnen stehe das Haus nur dann rechtmäßig zu, wenn sie einen toten Ahnen darin vorweisen könnten.

Da sie sich aber gleichzeitig vor den bösen Geistern der Ahnen fürchteten, versuchten sie das von diesen ausgehende Übel mit magischen Symbolen zu bannen, die in den Wandmalereien zu sehen sind. Auch die übergroßen, in Mauern versteckten Steinbeile und die in Böden eingelassenen, umgedrehten Steinschalen sprechen für magische Bannpraktiken.

Warum die Dörfler Ba'ja vor etwa 8500 Jahren aufgaben, ist unklar. Der Berliner Wissenschaftler vermutet den Grund in der ersten von Menschen gemachten Ökokatastrophe: Die Äcker seien durch Monokulturen ausgelaugt und die Wälder zur Herstellung von Holzkohle und durch Überweidung zerstört worden.

Gebels Erwartungen sind groß, dass Ba'ja bei der nächsten Expedition im September 2001 weitere Schätze freigeben wird. "Wir haben die einmalige Chance, ein Dorf freizulegen, das nicht durch spätere Schichten überdeckt wird - wir sind gleich im Neolithikum."