Logo GEO Epoche
Das Magazin für Geschichte

GEO Zoom: Mumien-Rezepte

Seit Jahrtausenden suchen Menschen nach Wegen, die leiblichen Überreste ihrer Toten vor dem Zerfall zu bewahren.

Für ihr Alter von 3180000 Jahren ist Lucy in gutem Zustand. Zwar haben Zeit und Mikroorganismen an ihr genagt, aber in mühsamer Kleinarbeit haben Anthropologen 40 Prozent ihres Skeletts aus dem Staub des äthiopischen Hochlands gesammelt. Der Zufall und günstige Umweltbedingungen hatten die Knochen versteinern lassen. Und so avancierte die Australopithecus afarensis-Dame nach ihrer Entdeckung 1974 zum Star unter den Urahnen des Menschen.

Erst der evolutionär gereifte Homo sapiens überließ das Schicksal seiner Toten nicht mehr dem Zufall, sondern entwickelte ausgeklügelte Konservierungstechniken – häufig aus religiösen Motiven. Die älteste bislang bekannte Mumie stammt aus Nordamerika. Am Ende der letzten Eiszeit, vor 9400 Jahren, war ein etwa 45 Jahre alter Mann in einer staubtrockenen Höhle im heutigen Nevada beigesetzt worden. Bereits vor 8000 Jahren trockneten die Chinchorro-Indianer in Südamerika die Dahingeschiedenen mithilfe der Sonne. Sie entfernten Fleisch und Organe des Leichnams und ersetzten das Gewebe durch Ton und trockene

Pflanzen.

Die Ägypter brachten die Mumifizierung früh zur Perfektion. Nur wessen Leib unversehrt erhalten blieb, glaubten die Menschen damals, könne im Jenseits wieder auferstehen. Eine Luxuskonservierung vermochten sich allerdings nur Könige und andere hochgestellte Persönlichkeiten zu leisten – wie Pharao Djoser, dessen mumifizierte Überreste fast 4700 Jahre überdauert haben.
88da5bbdd816f762f1ea47ad55b7283b

Die später noch weiter entwickelte Präparation einer Leiche beanspruchte 70 Tage: Die Balsamierer entnahmen alle Organe außer dem Herzen, desinfizierten den Körper, entwässerten ihn mit Natronsalzen, salbten ihn und bandagierten ihn schließlich mit Leinenbinden. Dank eines solchen Aufwands widerstand auch der Leichnam des Pharao Tutanchamun 3325 Jahre lang der Zersetzung – selbst ein Loch im Hinterkopf ist noch zu erkennen, möglicherweise die Folge eines tödlichen Schlags.

Auf natürliche Weise ist die Leiche des "Tollund-Manns" erhalten geblieben. Er wurde vor etwa 2200 Jahren vermutlich dem germanischen Gott Thor geopfert und im dänischen Moor versenkt. Dass der Körper überdauert hat, liegt an antibakteriell und gerbend wirkenden Säuren des Torfs.

Bei den Ibaloi auf den Philippinen begann die Mumifizierung ihrer Stammesfürsten noch vor dem letzten Atemzug: mit dem Einflößen von Salzlake. Der tote Körper wurde auf einen Stuhl gebunden, darunter ein Feuer entfacht. In der prallen Tropensonne wurde der Trockenprozess schließlich vollendet. Dann rieb der Stammesälteste die Leiche mit einer Pflanzenmixtur ein. Rund 900 Jahre alt sind die frühesten der so präparierten Mumien.

Temperaturen unter dem Gefrierpunkt, bei denen die meisten Kleinstlebewesen ihre zersetzende Tätigkeit verlangsamen oder ganz einstellen, dazu Trockenheit, konservierten vor 530 Jahren die Körper von sechs Frauen und zwei Kindern in der alten grönländischen Küstensiedlung Qilakitsoq. Den Altersrekord unter den Eismumien hält indes der ermordete Gletschermann "Ötzi", der rund zehnmal so alt ist.

Nachdem in Europa die Mumifizierung des vor 170 Jahren verstorbenen Philosophen Jeremy Bentham ästhetisch nicht überzeugte, setzten zum Beispiel die Russen nach dem Tod des Revolutionärs Lenin zunächst auf das Kühlprinzip und bahrten den Leichnam vor 78 Jahren in Moskau zwei Monate bei minus 30 Grad Celsius auf. Dann ließen sie doch eine chemische Präparation folgen, mit ständigen Nachbesserungen.

Amerikanische Firmen haben die Gefriermethoden inzwischen aus kommerziellem Interesse verfeinert. In Kalifornien ließ sich vor 35 Jahren der erste von mittlerweile weltweit etwa 60 Menschen einfrieren – 40 von ihnen hoffen darauf, ins Leben zurückzukehren, wenn die Technik dies eines Tages ermöglichen sollte. 20 wurden vorzeitig beerdigt: Die Tiefkühlfirmen gingen bankrott.