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Geologie: Berauschte Propheten

Nun ist es raus: Ihre Weissagungen produzierten die Priester des Orakels zu Delphi im Rausch

Vor seinem Krieg gegen die Perser wollte der Lyderkönig Krösus sichergehen: Er befragte das bekannteste Orakel der Antike, das bei Delphi in Griechenland, zu seinen Erfolgsaussichten. Süße Düfte umwoben den heiligen Dreifuß, auf dem die diensthabende Seherin, die Pythia, die Frage des Königs entgegennahm.

Die mädchenhaft gekleidete Frau atmete tief durch, inhalierte die einer Erdspalte entströmenden Dämpfe und suchte in Trance den Kontakt des Gottes Apoll. Dann antwortete sie in wirren Worten, übersetzt von den Orakelpriestern: "Wenn du den Fluss Halys überschreitest, wirst du ein großes Reich zerstören." Siegessicher zog Krösus in die Schlacht - und unterlag: Er hatte sein eigenes Reich vernichtet.

Trotz solcher Fehlinterpretationen: Zahllose Schicksale vertrauten die Griechen über Jahrhunderte dem Orakel an, immer im Glauben, aus dem Mund der jeweiligen Pythia spreche ein allwissender Gott. Nach neuesten Erkenntnissen allerdings bezog die Frau ihre Inspiration aus einer sehr irdischen Quelle: Sie war schlichtweg high - von Ethylen. Aus einer Erdspalte strömte das Gas in die Kammer der Seherin, wie ein interdisziplinäres Forscherteam um den Geologen Jelle de Boer und den Archäologen John Hale von der University of Louisville in Kentucky belegen kann.

Mit der Entdeckung der Gasquelle geben die Wissenschaftler zugleich dem wichtigsten antiken Augenzeugen die Glaubwürdigkeit zurück, die ihm im 20. Jahrhundert abgesprochen worden war. Plutarch nämlich notierte während seiner Priesterschaft in Delphi, dass die Pythia ihre prophetische Kraft aus wohlduftenden, aus einem Riss in der Erde aufsteigenden Dämpfen bezog. Nachdem französische Archäologen den Apollon-Tempel 1892 freigelegt hatten, suchten sie nach einem solchen Riss - ohne Erfolg. Seitdem lautete die verbreitete Lehrmeinung: Die aufsteigenden Gase hat es im Orakel nie gegeben.

Hat es wohl, sagen de Boer und Hale. Direkt unter dem Tempel liege der Schnittpunkt zweier tektonischer Verwerfungen. Jene hätten das unterliegende Kalkgestein so porös gemacht, dass Grundwasser und Gase leicht aufsteigen konnten. An den Bruchlinien heize die Reibung das Gestein noch heute bis auf 1000 Grad Celsius auf, sodass petrochemische Bestandteile verdampfen.

Entlang einer der Frakturen fanden de Boer und Hale Quellen, mit deren Wasser die Gase einst offenbar an die Erdoberfläche gelangten. Proben des dort abgelagerten Kalktuffs enthielten Methan und Ethan, und im Wasser der einzigen noch aktiven Quelle wiesen die Wissenschaftler das flüchtige Ethylen nach: ein Kohlenwasserstoffgas, dessen süßlicher Duft genau zu Plutarchs Beschreibung der Orakeldämpfe passt, und das im frühen 20. Jahrhundert als Narkotikum verwendet wurde. In geringer Menge ruft Ethylen angenehme Euphorie hervor, doch eine Überdosis kann, wie bei einer Pythia geschehen, tödlich enden. "Es passt alles zusammen", resümiert John Hale. "Die modernen Historiker aber vertrauten den antiken Quellen so wenig, dass niemand versuchte, die Skeptiker des 20. Jahrhunderts zu widerlegen."

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Nur noch Ruinen zeugen von einem der bedeutendsten Orte der Antike, dem Orakel von Delphi