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Archäologie: Neues von Ötzi

Ein wissenschaftlicher Kongress in Österreich widmete sich im Detail der Herkunft und dem Ableben des Mannes aus dem Eis

Die Weltpresse berichtete: Der vor über 5300 Jahren im Gletschereis der Alpen konservierte Mann - heute bekannt als "Ötzi" - sei den Folgen einer Schussverletzung erlegen.

Tatsache ist: Unter Ötzis linkem Schulterblatt steckt die Spitze eines Pfeils, der von hinten eingedrungen sein muss. Und der Schuss könnte tatsächlich eine fatale Wirkung gehabt haben: "Falls ein wichtiges Blutgefäß getroffen wurde, wäre der Mann aus dem Eis schon an den Blutungen gestorben", sagt der Bozener Pathologe Eduard Egarter.

Horst Seidler vom Institut für Humanbiologie der Universität Wien bezweifelt allerdings, dass der Pfeil den Gletschermann ums Leben brachte: Unmittelbare Todesursache sei die Erschöpfung und das Erfrieren gewesen - obwohl die Schussverletzung das Ende womöglich beschleunigt habe.

Näheren Aufschluss könnte die Entfernung der Pfeilspitze aus dem linken Schulterbereich der Mumie geben. Dann erst würde man sehen, welche Gefäße beim Einschuss verletzt worden sind. Allerdings müsste man die 13,8 Kilogramm schwere Eisleiche dafür auftauen. Ein Unterfangen, von dem der Innsbrucker Mediziner Werner Platzer dringend abrät: "Jedes Auftauen kann zur Folge haben, dass die Mumie sofort und unwiederbringlich zerstört wird." Die entsprechende Risiko-Nutzen-Analyse werden Seidler und seine Kollegen in den nächsten Wochen durchführen.

Bleibt indes die Frage, wieso die 300 bis 400 Wissenschaftler, die Ötzi seit seiner Entdeckung am 19. September 1991 nach allen Regeln der Kunst analysiert und durchleuchtet hatten, die Verletzung nicht früher entdeckt haben. Seidler: "Wir alle haben diesen Pfeil übersehen." Erst der seit kurzem pensionierte Paul Gostner vom radiologischen Dienst am Regionalkrankenhaus Bozen war auf den Einschluss aufmerksam geworden, "da dieses fremde Element die Form einer Pfeilspitze hatte".

Weniger kriminalistische Fantasie benötigten die Forscher für ihre zahlreichen Untersuchungen zu Herkunft und sozialem Status des Gletschermannes. Die vorläufigen Ergebnisse einer Konferenz von internationalen Ötzi-Forschern im September 2001 in Bozen: Der Mann aus dem Eis war wohl ein hochrangiger Krieger aus dem heutigen Südtirol.

Dessen Waffen hat der Kärntner Ur- und Frühgeschichtler Paul Gleirscher mit gängigen Grabausstattungen aus der Kupferzeit verglichen. Dort kommen zwar jede Menge Dolche und Pfeilspitzen vor, doch ein Beil samt Kupferklinge, wie es Ötzi bei sich trug, taucht beispielsweise in den Gräbern von Remedello am Gardasee nur bei 15 Prozent der Krieger auf; allein ein einziges Grab aus der Zeit zwischen 3400 und 2900 v. Chr. war wie das des Mannes aus dem Eis ausgestattet.

Damit weist ihm Gleirscher eine führende Rolle in der Gesellschaft zu: "Er könnte der Anführer einer lokalen Gruppe, wenn nicht einer Kleinregion gewesen sein. Das schließt aber nicht aus, dass er auch Ziegen gehütet und Bäume gefällt hat."

Einen Hinweis, wo Ötzi und seine Gruppe vor 5300 Jahren gehaust haben, gibt James H. Dickson. Der schottische Archäobotaniker untersuchte die Moospflanzen, die am Fundort der Gletschermumie am Hauslabjoch sichergestellt worden sind. Von den bisher über 70 identifizierten Arten sticht vor allem Neckera complanata heraus. Sie wächst südlich des Hauslabjochs und kommt in gehäufter Form im unteren Vinschgau vor. Dort liegt auch der Eingang zum Schnalstal, wo Ötzi nach Ansicht von Dickson die letzten Jahre seines Lebens verbracht haben dürfte. Knochentesten zufolge ist er aber wohl nicht in der Region geboren worden.

Untersuchungen am Y-Chromosom des Eismannes lassen ferner darauf schließen, dass er aus dem Gebiet des heutigen Südtirol stammt. Ein Forscherteam des University College London und des Regionalkrankenhauses Bozen fand heraus, dass seine Gene im Wesentlichen mit jenen der heutigen Bevölkerung übereinstimmen. Ein Einheimischer war er also - der Ötzi.