Logo GEO Epoche
Das Magazin für Geschichte

Forensik: Revision im Fall Kaspar Hauser

War das berühmte, von Unbekannten ermordete Findelkind doch ein Prinz von Baden?

So viel ist unbestritten: Am Pfingstmontag 1828 tauchte plötzlich ein Jüngling in Nürnberg auf, der auf seine Mitmenschen den Eindruck machte, als sei er nicht in menschlicher Gesellschaft aufgewachsen. Sein Alter wurde auf etwa 16 Jahre geschätzt.

Doch sogleich begannen die Ungereimtheiten: In seiner Hand hielt er zwei Briefe eines "Mägdeleins" und eines "Tagelöhners", die ihn als Kind einfacher Herkunft auswiesen. Aber der "wilde" Junge, der nur über einen kleinen Wortschatz verfügte, vermochte immerhin seinen Namen zu schreiben: Kaspar Hauser. Und die mysteriösen Briefe - wie graphologische Untersuchungen erwiesen - stammten von ein und demselben Urheber.

Zum Erstaunen seines ersten Erziehers, Georg Friedrich Daumer, der vom Nürnberger Magistrat mit der Aufgabe betraut worden war, sich Kaspars anzunehmen, machte der Junge rasche Fortschritte im Erlernen von Sprache und Gebräuchen. Übermäßig feinsinnig beobachtete er seine Umwelt - und begann, sich an Details seines Vorlebens zu erinnern: an Jahre, in welchen er zeitweise bei Wasser und Brot in Sitzhaltung in Kerkerhaft gehalten wurde und ihm ein unbekannter Mann beigebracht habe, seinen Namen zu schreiben. Aber wo und weshalb?

Die Frage danach sollte sich als sehr gefährlich erweisen.

Der Appellationsgerichtspräsident Anselm Ritter von Feuerbach etwa hatte akribische kriminologische Untersuchungen zur Herkunft des Jungen angestellt und behauptet, dass Kaspar der rechtmäßige Thronfolger des Hauses Baden gewesen sei, der von einer machtgierigen Seitenlinie des Adelsgeschlechts aus dem Weg geräumt werden sollte. Der Junge sei in der Wiege gegen ein sterbendes Kind ausgetauscht worden, das dann in der Familiengruft als Prinz beigesetzt wurde.

Feuerbach starb - wie manche meinten - auf mysteriöse Weise. Und Kaspar? Er war ins fränkische Ansbach übergesiedelt und traf am 14. Dezember 1833 im Hofgarten einen Unbekannten, der ihn unter einem Vorwand dorthin gelockt hatte. Dort brachte der Fremde Kaspar mit einem Dolchstich eine 15 Zentimeter tiefe Wunde bei, an der er drei Tage später starb. Feuerbachs Verdacht gegen Mitglieder des Hauses Baden ließ sich nie ganz aus der Welt räumen - zweifelsfrei beweisen bislang aber auch nicht. Zwar hatten Kaspars genaue Beschreibungen den Weg zu Verliesen in Schloss Beuggen und Schloss Pilsach gewiesen, wo er in Kerkerhaft gesessen haben mag. Und bis heute weigert sich das Haus Baden, die Gruft zu öffnen, wo der als Säugling gestorbene Thronfolgerersatz ruhen soll.

Doch "Ruhe sanft" wurde schließlich der Prinzen-Theorie verordnet, als 1996 ein internationales Expertengremium im Auftrag des "Spiegel" bei einer Analyse der blutverschmierten Unterhose Kaspar Hausers keinerlei Indizien für eine Verwandtschaft der relevanten Gen-Abschnitte mit dem Blut der Badener Adelsfamilie fand.

"Kein Wunder", meint Rudolf Biedermann, streitbarer Vertreter der Offenbacher Initiative der Kaspar-Hauser-Forschung. Selbst wenn das Kleidungsstück authentisch sein sollte: "Es ist bekannt, dass die Kleidungs-Exponate im Ansbacher Museum früher regelmäßig gewaschen, die Blutflecken daran nachgefärbt worden sind." Diese Nachbesserungen seien dilettantisch durchgeführt worden. So decke sich der Blutfleck, der heute gezeigt wird, nicht mit früheren Abbildungen, sondern befinde sich auf der Höhe eines Mottenlochs im Gehrock - statt direkt unter dem echten Einstich.

Dass solche Zweifel durchaus berechtigt sein mögen, erwies sich nun durch den Einsatz modernster Genanalyse-Methoden am Institut für Rechtsmedizin in Münster - anhand von Proben, die vermutlich dem wirklichen Kaspar Hauser zuzuordnen sind.

Bei dem Testmaterial handelte es sich um angebliche Haarlocken Kaspars, die teils im Hause von Feuerbachs Nachfahren, teils im Museum von Ansbach aufbewahrt worden waren, ferner um Blutspuren auf der wahrscheinlich von Kaspar getragenen Oberhose und drei Proben von einer Hutkrempe im Ansbacher Museum.

Diese Beweisstücke waren früher noch nicht untersucht worden, weil die DNS speziell in Haaren rasch zersetzt wird. Bei den seit etwa zwei Jahren eingesetzten Geräten reichen indes schon kleine Restsequenzen von 100 bis 200 Basenpaaren mitochondrialer DNS (mtDNS) zur Analyse aus.

Die Aufsehen erregenden

Ergebnisse: Während die neuen Beweisstücke mit höchster Wahrscheinlichkeit von derselben Person stammen (eine einzige relevante Abweichung bei dem Blutfleck auf der Oberhose mag durch Kontamination entstanden sein), handelt es sich nicht um denselben Gencode wie dem des Blutes an der ausgestellten Unterhose, das folglich von einer anderen Person stammen muss! Immerhin sechs relevante Abweichungen wies der Mediziner nach. Und die Verwandtschaft mit dem Hause Baden? Brinkmann will sich nicht festlegen: Zwar habe ein Vergleich der neuen DNA mit dem Gencode des Blutes einer direkten Nachfahrin von Kaspars mutmaßlicher Mutter, der Badener Großherzogin und Adoptivtochter Napoleons, Stephanie de Beauharnais, eine weitgehende Übereinstimmung er- geben. Es finde sich nur ein auffälliger Basen-Unterschied ("Cytosin statt Adenin auf Position 16220", so Brinkmann), während der Beauharnais-Code in acht Kriterien von der DNS-Struktur des Blutes auf der Unterhose abweiche.

Identisch seien die Proben allerdings auch nicht. Brinkmann: "Dass Kaspar Hauser fürstlicher Abstammung war, ist gemäß den Ergebnissen sehr wohl möglich. Bewiesen ist sie dadurch jedoch immer noch nicht."

e2efd8dfa4107c0953c150691d408426
GEO Nr. 05/97