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Paläogenetik: Wie alt ist die Sprache?

Über die Fähigkeit zur komplexen symbolischen Kommunikation verfügen Menschen noch nicht sehr lange. Das wollen Leipziger Genetiker herausgefunden haben.

Das Stereotyp vom unbeholfen stammelnden Neandertaler mag der Wahrheit näher kommen als bisher gedacht – behaupten Mitarbeiter der Forschungsgruppe um den Genetiker Svante Pääbo vom Leipziger Max-Planck-Institut für Evolutionäre Anthropologie. Der Urmensch habe noch nicht über die genetischen Voraussetzungen zu komplexer Sprache verfügt.

Die Wissenschaftler hatten sich zunächst zum Ziel gesetzt, die Geschichte des so genannten FOXP2-Gens zu erforschen.

Dessen Entdeckung durch britische Genetiker hatte unlängst Aufsehen erregt, da ein Defekt in dem Gen offenbar die Ursache für eine in einer Londoner Familie seit Generationen gehäuft auftretende Sprachstörung ist. Die betroffenen Mitglieder der „KE“ genannten Familie haben - neben starken sprachmotorischen und kognitiven Problemen – ungewöhnliche Schwierigkeiten bei der Anwendung korrekter Grammatik, bei der Wortstellung und bei komplexen Satzkonstruktionen. Eine wohl ausgebildete Fähigkeit zum Spracherwerb hängt demnach von bestimmten genetischen Voraussetzungen ab.

Der Umkehrschluss der Leipziger Forscher: Wenn das FOXP2-Gen in der Vergangenheit eine andere Form hatte, sollte dies die Sprachfähigkeit der menschlichen Vorfahren und ihrer unmittelbaren Verwandten beeinträchtigt haben. Ein Hinweis dafür: Das FOXP2-Gen des Menschen weicht von der Entsprechung bei Schimpanse und Gorilla relativ stark ab - um zwei Mutationen -, während deren Variante sich nur in einem Merkmal vom FOXP2-Gen der Maus unterscheidet.

Wann der Mensch zum ersten Mal sprach, lässt sich aufgrund dieser Datenlage zwar nicht sagen. Aber die Herausbildung einer komplexen, wohl artikulierten Sprache zumindest dürfte relativ jung sein.

Eine Gen-Analyse an heute lebenden Menschen ergab, dass der kritische Schritt irgendwann vor 10000 bis 200000 Jahren vollzogen worden sein muss. Darauf deutet speziell die Untersuchung so genannter "Introns" im FOXP2-Gen hin. Ein Intron ist ein "mitreisender", für die Proteinsynthese funktionsloser Genbestandteil, aus dessen Mutationsrate sich die Geschichte eines Gens rekonstruieren lässt.

Der Neandertaler - der nach Ansicht von Pääbos Gruppe nicht in dieselbe Art wie der heutige Mensch gehört - hätte damit nicht über die Eloquenz des Homo sapiens sapiens verfügt und sich mit rudimentären Äußerungen begnügen müssen.

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GEO Nr. 05/97