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Spurensuche im Bärengrab

Eine über Jahre in aller Verschwiegenheit erforschte, in einem Steinbruch in Hessen entdeckte Tropfstein-Höhle erweist sich als Knochenkammer und Klimaarchiv der letzten Eiszeit in Deutschland

Für jenen zweiten Advent im Dezember 1993 stand eigentlich nur die abendliche Weihnachtsfeier der "Speläologischen Arbeitsgemeinschaft Hessen" auf dem Programm. Doch vier der Hobby-Höhlenforscher hatten sich schon vormittags in Breitscheid am Westerwald getroffen, um eine "routinemäßige Suchtour" nach "neuen" Höhlen in der winterlichen Landschaft Mittelhessens zu unternehmen.Einer der jungen Männer, die schließlich den Medenbacher Steinbruch erreichten, war Ulrich Franz aus Köln. Er kannte den Steinbruch gut, darum war er "total überrascht, als wir an einer Wandstufe sechs Meter über uns ein Loch entdeckten". Andererseits: Wie viele solcher kleinen Löcher hatte Franz bei Kletterausflügen in ganz Europa schon gesehen ohne daß sich dahinter Höhlen verborgen hätten! Und tatsächlich, auch dieses erwies sich nach einiger Wühlarbeit als taube Nuß.

Da die Männer aber schon einmal in Maulwurfsanzügen steckten, nahmen sie sich am selben Nachmittag eine Zehn-Zentimeter-Öffnung vor, die der Speläologen-Kollege Thomas Hülsmann in der Nähe entdeckt hatte.Treffer! Schon bald war zu erkennen, daß sich hinter diesem winzigen Schlund ein Raum von beträchtlicher Größe weitete; im Schein der Taschenlampe ließ sich sogar eine kleine Tropfsteinsäule ausmachen! Nach einer Stunde Arbeit mit Meißel und Brechstange war es dann soweit: Mit den Füßen voran quetschte sich Hülsmann in die schräg abfallende Spalte, suchte nach Halt unter den Stiefeln, fand ihn, zog den Oberkörper nach und stand in Höhlen-Neuland.

Immer weiter kletterte Hülsmann in den Raum hinein, dessen Deckenhöhe zwischen ein und zwei Metern schwankte. Er erkannte, daß die steinerne Säule mit einigen hängenden Tropfsteinzapfen eine Art Pforte bildete eine Formation aus Sinter, also von Wasser abgeschiedenem Gestein. Hinter diesem Portal senkte sich ein Gang tiefer in das Kalksteinmassiv hinein. Ihm folgend gelangte der Entdecker schließlich in einer Halle an einen kleinen Höhlensee. Das Geröll hinter dem See, berichtete er später, "war von schneeweißen, gelben und teilweise fast durchsichtigen Sinterkrusten überlaufen; die Hallendecke befand sich hier mehrere Meter über Kopfhöhe. Nach vielen Jahren der Suche endlich der Erfolg!"

Was Hülsmann, Franz und ihre Kameraden an diesem und den folgenden Wintertagen entdeckten und erkundeten, ist ein für Deutschland außergewöhnliches Höhlensystem. Zu ihm gehört außer dem Hallen- und Gangkomplex der "Adventhöhle" eine tieferliegende, stellenweise lehmgefüllte Galerie mit tunnelförmigen Dimensionen. Sie reicht bis zu 60 Meter unter Eingangsniveau. Beide Abschnitte verbindet ein senkrechter natürlicher Schacht. Die Gesamtlänge des bislang bekannten Komplexes liegt bei etwa 3500 Metern bei weitem das größte Höhlensystem in Hessen, eines der größten in Deutschland. Gleichwohl ist seine Existenz über den Raum Breitscheid hinaus kaum bekannt. Von den Speläologen im Einvernehmen mit dem Steinbruchbesitzer lange Zeit diskret erkundet und vermessen, wird das System inzwischen von einer Wissenschaftler-Gruppe erforscht und dokumentiert, denn längst hat sich herausgestellt, daß die Gänge nicht nur reich an Tropfsteinen, sondern auch an fossilen Knochen sind. Regelrechte Totengemeinschaften verschiedener Wirbeltierarten, sogenannte Taphozönosen, bedecken weite Teile des Höhlenbodens unverändert und ungestört seit mindestens 12000 Jahren.

"In Mitteleuropa gibt es so etwas äußerst selten", schwärmt Thomas Kaiser, Paläontologe am Zoologischen Institut der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald. Darum hat er eine Methode ersonnen, das Höhleninventar berührungsfrei zu untersuchen: Von einem schmalen Pfad aus hat Kaiser wesentliche Teile des Grottensystems mit einer Photogrammetrie-Kamera abgelichtet und die Einzelbilder am Computer zu einem räumlichen Rundum-Panorama verrechnet.In diesem kann der Forscher die Fossilfelder virtuell überfliegen, von verschiedenen Seiten besehen, interessante Stellen heranzoomen und auf diese Weise die gegenseitigen Abstände und die räumliche Orientierung der einzelnen Teile dokumentieren. So läßt sich auch eine gezielte und darum schonendere reale Inspektion der Höhle vorbereiten. Wie wichtig vorsichtiges Gehen ist, erweist sich bei einem Ortstermin mit Kaiser und seiner Kollegin Christina Seiffert vom Forschungsinstitut Senckenberg (Frankfurt) schon wenige Meter hinter dem mittlerweile durch ein Stahltor gesicherten Eingang zur Adventhöhle. Dünne, mit dem Sickerwasser aus der Decke wachsende Kalkstengel von in Deutschland seltener reinweißer Farbe begleiten den gewundenen Weg; manche sind innen hohl und so fein wie die Nudelsorte Makkaroni und tatsächlich heißen die bisweilen meterlangen Sinterröhrchen in der Sprache der Höhlenforscher auch so.

Nur zu leicht bricht hier etwas ab, was in Jahrtausenden entstanden ist. Auch aus dem Boden ragen, mancherorts einem Nagelbrett gleich, grazile Sinternadeln oder auch massive, durch einen Lehmüberzug braun gefärbte Zapfen einer älteren Tropfsteingeneration, die irgendwann einmal vom Grundwasser überflutet worden ist.Nachdem man sich dicht unter der Höhlendecke durch eine horizontale Fuge gezwängt hat, geht es am Seil gesichert über eine Sinterkaskade sechs Meter in die Tiefe.Hier unten wird die Vielfalt der Formen und Farben noch überwältigender. Im Licht der Helmlampen glitzern seerosenförmige Kalkblüten in glasklaren, von Kristallrasen eingefaßten Wasserbecken, schaumig funkelnde Berge, eisblanke Sinterflächen und an den Decken mal weiß, mal bernsteinfarben changierende Tropfstein-Vorhänge.Unübersehbar die vielen, oft von einer glänzenden Sinterglasur überzogenen Knochen. "Die allermeisten stammen von Bären, die während der letzten Eiszeit das Höhlensystem als Überwinterungsplatz aufsuchten", sagt Kaiser. Im Umkreis von nur drei Metern identifiziert er das knüppeldicke Schaftstück eines Oberschenkelknochens, einen Oberarmknochen mit unterem Gelenkende, den "Atlas", also den ersten Halswirbel, einen Teil des Hinterhaupts und vieles mehr.

"Höhlenbären sind paläontologisch gut untersucht" , sagt Thomas Kaiser. Für ihn hat es daher wenig Sinn, die vielen tausend etwa 30000 Jahre alten Knochen zu bergen oder gar nach weiteren zu graben. Was Kaiser und Seiffert hingegen besonders interessiert, ist die Lage der Fossilien in der Höhle, sind die Schleifspuren, Verrundungen und Bruchkanten an ihnen. Was hat all die Skelette so durcheinandergestreut? Welche Bewegungen gab es im Inneren des Breitscheider Kalkmassivs? Wo und warum wurden ältere, knochenführende Sedimente umgeschichtet? Das Höhlensystem ist in den vielen Millionen Jahren seiner Entstehung immer wieder von Grundwasser überflutet worden. Im Laufe der Zeit sank der Grundwasserspiegel jedoch mehrmals vergleichsweise rasch ab, was nach Kaisers Analysen zu der Bildung von mindestens vier Stockwerken im Kalkgestein führte das älteste naturgemäß zuoberst. In die trockengefallenen Höhlenabschnitte drang von Zeit zu Zeit Oberflächenwasser ein und bildete Ströme, in denen Knochen in Wirbeln und an Hindernissen festgehalten und dabei rundgeschliffen wurden, wie Kiesel in einem Bach.Wie es aber zu der Vielzahl ungerundeter Bruchkanten an bereits fossilisierten Knochen gekommen ist, läßt sich durch Wassertransport nicht erklären. Können Erdbeben die Ursache gewesen sein? Kaiser weist auf Indizien längs des Weges: hier ein Knochen, der in einen anderen hineingedrückt worden ist, dort ein zertrümmerter Bärenschädel. Dessen Bruchstücke sind längst übersintert, was bedeutet, daß der Schädel genau an diesem Ort vor langer Zeit zerstört worden sein muß. Aber wodurch? Durch einen von der Höhlendecke herabgestürzten Felsbrocken? Aber wo liegt der dann?

Auch die Brüche an den massiven, stehenden Sinterzapfen ziehen Kaisers und Seifferts Aufmerksamkeit auf sich. Einer ist zum Beispiel nur vier Zentimeter hoch, ebenso dick und nach der Fraktur wieder zusammengewachsen: Unwahrscheinlich, so Kaiser, ?daß ein Erdbeben Beschleunigungen herbeiführen kann, die für Risse an solch dicken und kurzen Zapfen nötig sind. Fazit: Tropfgestein und fossile Knochen müssen durch etwas anderes zu Bruch gegangen sein. Die beiden Wissenschaftler vermuten: Es war der Druck von Eis, das sich aus der Höhle schob und von der Decke brach. Diese Hypothese zu belegen, ist eines der Ziele der akkuraten 3D-Erfassung des Höhleninventars. Und das hat mehr als nur lokale Bedeutung: Denn wann und wo in Mitteleuropa während der letzten Eiszeit (genauer: am Ende der Würm-Kaltzeit) der Boden dauerhaft gefroren war und also auch in Höhlen Temperaturen unter dem Gefrierpunkt herrschten, ist noch längst nicht geklärt. Die zerstörten Tropfsteine könnten hier als Zeitmarken dienen: Denn ihr Alter läßt sich radiometrisch bestimmen und früher kann das Eis, das die Tropfsteine zerstörte, nicht aufgetreten sein.

"Für die Eisbildung in Höhlen", sagt Kaiser, "kommt es allerdings nicht nur auf Kälte an, sondern auch darauf, daß genügend Feuchte in der Luft ist." War das Breitscheider Höhlensystem tatsächlich vereist, muß die Temperatur an der Erdoberfläche bereits wieder im Steigen begriffen und die Luft feuchter gewesen sein. Was nicht zuletzt bedeutete: Auch die Lebensgrundlage des eiszeitlichen Menschen verbesserte sich.Die Höhle in Breitscheid ist somit ein wichtiger Mosaikstein für unser Bild vom Leben im eiszeitlichen Europa. Erst wenn wirklich alle relevanten Flächen des Höhlenbodens dokumentiert sind, wollen Kaiser und Kollegen mit kleinen Kernbohrungen an ausgewählten Tropfsteinen beginnen. In jedem Fall plädieren sie dafür, das Höhlensystem für die Forschung zu erhalten.