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Trauma: Das Schweigen der Opfer

Warum tun sich die Deutschen so schwer, ihre eigenen Kriegserlebnisse angemessen zu bewältigen? GEO-Autor Hans-Ulrich Treichel, Jahrgang 1942, über die Gefühlslage der Kriegsgeneration
In diesem Artikel
"Das lässt sich kaum schildern"
Die Diskussion findet statt - in der Literatur

Es war in den frühen Morgenstunden und zumeist noch dunkel, wenn im Rundfunk die Suchmeldungen des Deutschen Roten Kreuzes verlesen wurden. Ich habe die Stimme des Sprechers als Kind sehr oft hören müssen, über viele Jahre hinweg, und ich bilde mir ein, sie noch immer im Ohr zu haben: "Heute hören Sie Namen von Kindern, die im Krieg verschollen sind und von ihren Eltern oder Angehörigen noch immer gesucht werden: Gesucht wird...". Und dann folgten Lebensgeschichten von Kindern, die während der Flucht aus dem Osten verloren gegangen waren und nun von ihren Angehörigen gesucht wurden. Ich muss allerdings gestehen, dass mich die morgendlichen Suchmeldungen damals nicht sonderlich interessierten. Auch über den Osten und alles, was mit Flucht und Vertreibung zusammenhing, wollte ich im Grunde nichts wissen. Weder als Kind und Jugendlicher, und auch als Student nicht. Zumal ich mich, obwohl ich ein paar Jahre zu jung war, um ein echter Achtundsechziger zu sein, den rebellierenden Studenten doch recht nahe fühlte und wie diese gegen die Elterngeneration einen Generalverdacht hegte und darum hinter allem, was mit Flucht, Vertreibung und dem so genannten Osten zusammenhing, vor allem revanchistische Interessen von ewig unbelehrbaren Politikern und Verbandsfunktionären vermutete.

Das Schweigen in der eigenen Familie

Dabei hätte ich mich für nichts brennender interessieren müssen als für die morgendlichen Suchmeldungen, vor allem dann, wenn es um verlorene Kinder ging. Schließlich waren auch meine Eltern Vertriebene, und auch sie hatten auf der Flucht einen Sohn verloren: meinen ältesten Bruder Günter. Und wer weiß, ob nicht auch die Suchmeldung meiner Eltern eines Morgens über den Äther gegangen ist. Wenn es so war, dann haben sie es mir allerdings verschwiegen. Denn obwohl ich Dutzende, wenn nicht sogar Hunderte von Suchmeldungen während der Nachkriegsjahrzehnte im Radio gehört habe (immerhin sendete der Suchdienst von Dezember 1945 an bis in die späten neunziger Jahre) - diese eine, meinen Bruder betreffende, war nicht darunter. Und ich hätte sie wohl auch nicht hören dürfen, denn die Eltern haben mir den Verlust meines ältesten Bruders jahrzehntelang verschwiegen und ihn, dessen einziges und in den Westen herübergerettetes Babyfoto ganz vorn im Familienalbum klebte, stattdessen für tot erklärt: Verhungert sei er; auf der Flucht vor dem Russen verhungert.

Auf der Flucht verloren

Erst in den neunziger Jahren habe ich im Nachlass meiner Eltern mehrere Dokumente gefunden, aus denen hervorging, dass der damals 16 Monate alte Günter nicht verhungert, sondern im Januar 1945 verloren gegangen ist. Aus denselben Dokumenten erfuhr ich ebenfalls, dass die Eltern Ende der fünfziger Jahre erneut die Suche nach dem Kind aufgenommen hatten und von meinem Vater hierzu folgende Erklärung vor dem zuständigen Stadtoberinspektor und Amtsvormund meiner westfälischen Heimatgemeinde zu Protokoll gegeben worden war. "Ich stamme aus Ostpreußen und übernahm während des Krieges als Schwerbeschädigter die Bewirtschaftung eines landwirtschaftlichen Hofes in Rakowiec. Dort lernte ich meine Ehefrau, die Erschienene zu 2, kennen. Wir heirateten 1942. Aus unserer Ehe ging das genannte Kind Günter Treichel, geb. 24. 9. 1943, hervor. Beim Heranrücken der Roten Armee im Januar 1945 mussten wir unseren Hof verlassen und schlossen uns mit anderen Deutschen zu einem Treck zusammen. Wir hatten die Flucht jedoch erst so spät antreten können, dass wir von der vorrückenden Armee praktisch überrollt wurden. Die Situationen, in die wir dann kamen, lassen sich im einzelnen kaum schildern. Unser Leben war wiederholt bedroht, nur mit Mühe und Not entrannen wir dem Tod durch Erschießen. Aus einer solchen Situation heraus waren wir dann gezwungen, unter Zurücklassung unserer gesamten Habe und unseres Kindes, das auf einem Pferdewagen verblieb, zu flüchten, um uns vor dem Erschossenwerden zu retten ..."

"Das lässt sich kaum schildern"

So weit die Aussage meines Vaters vor den Behörden. Die Suche nach Günter, die dann eingeleitet wurde, blieb jedoch erfolglos. Wohl fand sich ein Findelkind, das "Findelkind 2307", von dem die Eltern glaubten, dass es ihres sei. Doch konnte der Nachweis einer leiblichen Verwandtschaft trotz zahlreicher erbbiologischer und anthropologischer Gutachten nicht erbracht werden. Günter blieb verschwunden, bis heute, und es wäre vielleicht an der Zeit, eine weitere Suche nach ihm aufzunehmen. Denn der Suchdienst arbeitet noch immer. Noch immer gehen dort jedes Jahr 1000 bis 4000 neue Anfragen nach Vermissten jener Jahre ein. Es gibt in der Aussage meines Vaters eine Schlüsselstelle, die meines Erachtens weit über den Einzelfall hinausweist. Die Stelle lautet: "Die Situationen, in die wir dann kamen, lassen sich im einzelnen kaum schildern." Damit ist ausgesprochen, was wohl das Dilemma einer ganzen Generation war: dass man vom Krieg und vom erlittenen - und gegebenenfalls auch verursachten - Schrecken möglicherweise pauschal, aber "im einzelnen" kaum zu erzählen vermochte. Und in der Tat weiß ich bis heute nicht, was genau meinen Eltern an jenem Januartag 1945 zugestoßen ist, dass sie sich gezwungen sahen, ihr Kind im Stich zu lassen. Sicher ist: Sie waren vom Tod bedroht. Und wahrscheinlich ist es zu einer Vergewaltigung gekommen.

Trauma und Sprachlosigkeit

Die Unfähigkeit, das Erlebte und Erlittene zu schildern und mitzuteilen, haben meine Eltern ihr ganzes Leben lang nicht überwunden. Und diese Unfähigkeit verdankt sich ohne Zweifel dem, was die Psychologie eine traumatische Erfahrung nennt und welche in der Psychotraumatologie definiert wird als ein "vitales Diskrepanz-Erlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt".

Sie haben viel geschwiegen und noch mehr gearbeitet, es zu Wohlstand, einem eigenen Haus und einem schwarzen Opel Kapitän gebracht - und sie haben, ohne es zu wissen, ihren Teil zu dem beigetragen, was seit einigen Jahren unter den Stichworten Tabuisierung und Verleugnung der Opfererfahrungen der Deutschen verstärkt diskutiert wird.

Ein Tabu?

Zu den Auslösern dieser Diskussion hat der lange in England lebende und lehrende Schriftsteller Winfried Georg Sebald gehört, der in einer Vorlesung über "Luftkrieg und Literatur" vor allem der deutschen Nachkriegsliteratur, aber auch der Geschichtsschreibung den Vorwurf gemacht hat, dass es bisher nicht gelungen sei, "die Schrecken des Luftkriegs durch historische oder literarische Darstellungen ins öffentliche Bewusstsein zu heben", dass eine angemessene Auseinandersetzung mit der Erfahrung der Bombardierung deutscher Städte versäumt worden sei. Bald fanden sich Stimmen, die gleiches auch für den Umgang mit Flucht und Vertreibung geltend machten. So hieß es beispielsweise im Jahr 1999 in der "Zeit": "Die Erinnerung an Flucht und Vertreibung unterliegt hierzulande einer Art Tabu, ähnlich den Bombennächten der vierziger Jahre." Und nicht zuletzt erneuerte jüngst das Erscheinen von Günter Grass' Novelle "Im Krebsgang", die sich der Torpedierung und dem Untergang des Flüchtlingsschiffes "Wilhelm Gustloff" widmet, die These von der - dank Grass nun endlich literarisch überwundenen - Tabuisierung der Vertreibung und deren Opfer.

Die Diskussion findet statt - in der Literatur

Die These sollte nicht unwidersprochen bleiben - und dies von verschiedenster Seite und mit gewichtigen Argumenten: Schließlich gab es seit 1945 sehr wohl zahlreiche Autoren, die sich dem Thema Flucht und Vertreibung zugewandt haben. Was die Bombardierungen angeht, so hat Sebald schon auf einige Titel hingewiesen und seiner Argumentation damit auch ein wenig den Boden entzogen. Hans Erich Nossacks "Der Untergang" (1976), der von der Zerstörung Hamburgs erzählt, wäre da zu nennen sowie Heinrich Bölls nachgelassener Roman "Der Engel schwieg" (1992) oder Gerd Ledigs rasch vergessener und dank Sebalds Hinweis wiederentdeckter Roman "Vergeltung" (1956), aber auch Alexander Kluge mit seinem "Luftangriff auf Halberstadt am 8. April 1945". Wer recherchiert, wird darüber hinaus auf wei-tere Texte stoßen, was auch für das Thema Flucht und Vertreibung gilt. Genannt seien nur die Namen Siegfried Lenz, Arno Surminski, Heinz Piontek, Horst Bienek, Arno Schmidt oder auch Günter Grass, den Ferdinand Helbig, Autor einer der wenigen größeren Studien über Literatur und Vertreibung, einen "Vertreibungsautor wider Willen" nennt.

Täter und Opfer

Wer der Tabuisierungsthese endgültig den Garaus machen möchte, der kann zudem auf eines der wichtigsten sozialwissenschaftlichen Großforschungsprojekte der fünfziger Jahre verweisen, aus dem die bis heute singuläre 5000-seitige und vom Bundesministerium für Vertriebene herausgegebene "Dokumentation der Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa" hervorgegangen ist. Von all den Heimatabenden, Landsmannschafts- und Vertriebenentreffen mit den entsprechenden Sonntagsreden, Volkstanzgruppen und "Dreigeteilt - niemals!"-Aufrufen der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre nicht zu reden. Flucht und Vertreibung - ein Tabu? Niemals! möchte man angesichts der Materialfülle einwenden. Natürlich stellt sich die Frage, ob in all diesen Texten "angemessen" von den jeweiligen Schreckenserfahrungen erzählt worden ist, sofern eine solche Angemessenheit überhaupt denkbar ist. Und wir wissen auch, dass es der unter anderen von dem Historiker Theodor Schieder verantworteten Dokumentation des Vertriebenenministeriums nicht nur darum ging, Ausschreitungen gegen die deutsche Bevölkerung anhand persönlicher Berichte zu dokumentieren und zugleich "eine der größten Katastrophen in der Entwicklung des deutschen Volkes" (Schieder) sowie "die größte Völkerwanderung aller Zeiten als einen der wichtigsten Abschnitte der Weltgeschichte sachlich und umfassend" zu würdigen, wie es in den Richtlinien des Staatskommissars für das Flüchtlingswesen in Württemberg-Baden zur Dokumentation heißt. Die Dokumentation sollte auch politischen Nutzen bringen und einen Beitrag dazu leisten, die Schuld der Deutschen zu relativieren und zu verringern, der deutschen Tätergeschichte eine Opfergeschichte an die Seite zu stellen.

Die Suche nach der angemessenen Sprache

Von politischer Instrumentalisierung der Vertreibungsthematik kann also mit Recht geredet werden, von einer umfassenden Tabuisierung sicher nicht. Vielleicht muss aber von etwas anderem geredet werden: Denn so sehr die Fakten gegen die Tabuisierungsthese sprechen, so sehr spricht doch die persönliche Erfahrung dafür. Wenn ich den Mikrokosmos meiner privaten und familiären Erfahrung dem Makrokosmos des gesellschaftlichen (sozialwissenschaftlichen, statistischen, institutionellen und politischen) Diskurses über Flucht und Vertreibung entgegensetze, dann muss ich feststellen, dass dieser Diskurs den Innenraum des Privaten ganz offensichtlich nicht erreicht hat. Es ist sehr gut möglich, dass im Schaufenster der örtlichen Buchhandlung auch einmal die Taschenbuchausgabe der "Dokumentation der Vertreibung" auslag. Das Wort "Vergewaltigung" aber ist im Familienkreis während eines Zeitraums von 40 Jahren kein einziges Mal gefallen.

Und es ist ebenfalls sehr gut möglich, dass in der Leihbücherei meiner westfälischen Heimatstadt irgendwann Bücher mit Titeln wie "Schicksal Vertreibung", "Letzte Tage in Schlesien", "Namen, die keiner mehr nennt" oder auch der Bericht des Bundesarchivs vom 28. Mai 1974 über "Vertreibung und Vertreibungsverbrechen 1945-1948" zur Ausleihe bereitgehalten wurden. Meine Eltern hätten sie ganz gewiss nicht ausgeliehen. Und dies nicht etwa, weil sie etwas gegen Bücher hatten. Ihr erstes Geschäft nach dem Krieg war eine Leihbücherei. Es war wohl eher die instinktive Gewissheit, dass über die erlittenen Schrecken und über die Erfahrung, einen 16 Monate alten Sohn zurückgelassen zu haben, eben doch nicht angemessen gesprochen werden kann. Und dies zumal dann, wenn man historisch auf der Schuldseite steht.

Allein mit der Schuld

Es scheint, als hätte es darum auch keinen Ort gegeben für die eigene Leiderfahrung. Weder einen historischen noch einen intimen. Nicht einmal eine "Privatisierung" der Leiderfahrung, welche die Sozialwissenschaft für einen Teil der Kriegsgeneration diagnostiziert hat, war den Eltern möglich. Selbst vor den eigenen Kindern musste das, was gewesen ist, schamhaft verborgen werden, und ich befürchte, dass sogar noch die Ehe-leute ihr eigenes Leid und ihre jeweiligen traumatischen Erfahrungen voreinander verbargen. Ich selbst habe dieses Erbe, diesen Erstarrungszustand gegenüber der Vergangenheit, für lange Zeit angenommen. Es schien mir beinahe selbstverständlich zu sein, wohl Trauer, Bedrückung, Schuld und Scham zu verspüren, aber dies wie eine Romanfigur Kafkas als voraussetzungslos hinzunehmen: Denn "die Schuld ist immer zweifellos", wie es in Kafkas Erzählung "In der Strafkolonie" heißt. Erst seit einigen Jahren sehe ich mich in der Lage, nach den Voraussetzungen zu fragen und mich für die Historie zu interessieren. Und erst seit einiger Zeit weiß ich, wie sehr es mich freuen würde, meinem Bruder Günter gegenüberzutreten. Heute, fast 60 Jahre danach.