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Minnesänger: Der Letzte seiner Art

Nikolai de Treskow ist Deutschlands einziger Minnesänger. Mit zarten Tönen betört er weibliche Fans und singt an gegen den Sittenverfall
In diesem Artikel
Minne trifft auf Techno

Im zarten Alter von 14 Jahren hatte Nikolai von Treskow bei den Mädchen kaum Erfolg. Sein Bruder spannte dem schmalen Rothaarigen stets die Jungfern aus. Dann aber bekam Nikolai eine Harfe geschenkt, schlug unter einem abgeschiedenen Pflaumenbaum die Saiten an - "und die Mädchen kamen". Da erahnte der Sproß preußischen Landadels seine besondere Macht: "Ich bin kein Traummann, aber ich verzaubere Frauen mit der Kraft meiner Stimme." Eine Erkenntnis, die fortan sein Leben bestimmen sollte: Nikolai von Treskow, geboren anno 1968, wurde Minnesänger.

Im Dienst der "heren frouwe"

Seine Vorbilder freilich waren längst verblichen - der poetische Liebesdienst war ein Metier des 12. und 13. Jahrhunderts. Die höfischen Entertainer beschworen das Bild vom edlen Ritter und der lieblichen Dame, umwarben die "hehren frouwen" und propagierten die "fin' amor". "Meine Kollegen im Mittelalter waren mehr als nur Musiker und Dichter", meint von Treskow. "Sie waren Botschafter der Liebe und der Höflichkeit. In ihre Fußstapfen wollte ich treten." Schon die Voraussetzungen stimmten: Auch der wohlgeborene Sänger Nikolai war bei Beginn seiner Karriere arm - wie die meisten seiner adeligen Vorläufer. Wollten die mittellosen Ritter des 13. Jahrhunderts zu Geld kommen, blieben ihnen kaum mehr als drei Wege nach oben: die Vermählung mit einer Erbin (wenig aussichtsreich), der Duellsieg über einen reichen Turniergegner, der anschließend seine Freiheit erkaufen musste (nicht ungefährlich), oder der Aufstieg zum gefragten Unterhaltungskünstler - in der Hoffnung, eines Tages eine feste Position an einem königlichen Hof zu finden.

Die Ausbildung an der Waffe kam für von Treskow nicht in Frage: Als erster seines Geschlechts diente er lieber zivil, als Sanitäter beim Roten Kreuz. Dann studierte er Alte Musik, perfektionierte sein Spiel auf Harfe, Zitter und Drehleier und machte sich mit der Liebeslyrik seiner Vorbilder vertraut. Im Tross aufs Mittelalter spezialisierter Schausteller zog der junge Troubadour anschließend über Märkte und Festspiele. Doch das Leben in der neomittelalterlichen Gemeinschaft war anfangs nicht leicht: "Die Hierarchien sind dort ausgeprägt wie vor 800 Jahren", so der Musikant, der sich eines Tages in "de" Treskow umbenannte. "Ich war für alle nur ,die singende Strumpfhose'." Denn rotbestrumpft, mit vorn hochgebogenen Schnabelschuhen, in grünem Seidenhemd und mit güldener Gürtelschnalle stellte sich der Postillon d'amour vor interessierten Damen in Positur, vor der Brust die Harfe, fixierte sie mit schmachtendem Blick und stimmte auf mittelhochdeutsch einen Song aus den "Top Ten des Mittelalters" an, zum Beispiel Walther von der Vogelweides unsterblichen Hit "Frauenlieb" ("Frauenlieb hat uns geboren, Frauenlieb bricht uns das Herz").

Minne trifft auf Techno

Und manchmal, so behauptet de Treskow steif und fest, schenkten die darob Angebeteten dem Jüngling ein holdes Lächeln - "für mich das größte Glück". Alles nur Spiel mit der Legende? "Nein, ich bin keine Kunstfigur. Mein Leben ist wirklich so." Seine Kollegen von einst jedenfalls waren geschickte Mythenproduzenten. Fast alles, was die Nachwelt von ihnen weiß, haben sie selber niedergeschrieben: poetische Darstellungen, aus denen sich die höfische Realität so wenig ableiten lässt wie unsere Gegenwart aus deutschen Schlagern. Treskow: "Minnesänger waren Meister des Scheins. Sie mussten ein ewiges Rätsel sein, um interessant zu bleiben." Denn die öffentliche Verführung diente vor allem der Show für einen kulturell darbenden Hofstaat.

Das höfische Publikum freilich war klein, und lebten die Stars jener Zeit - etwa Heinrich von Morungen oder Oswalt von Wolkenstein - im 20. Jahrhundert, sie würden ihre Fans wahrscheinlich woanders suchen: "Die kulturellen Zentren haben sich von der Burg in die moderne Metropole verlagert", so de Treskow. "Hier stehen auch die Flirttempel von heute: die Diskotheken." Um das Publikum dort mit seinen Liebesbotschaften zu erreichen, interpretiert der moderne Minnesänger mitunter die alte Musik neu - mischt Minne mit Techno, spielt Harfe zu Synthesizer-Sound. "In Taberna", ein Stück aus der mittelalterlichen Liedersammlung "Codex Buranus", schaffte es so in die Dance-Charts. Inzwischen gibt es von ihm drei CDs und in einem Berliner Radiosender den wöchentlichen "Minne-Report 2000" (Thema u. a.: "Die Balzrituale des Mitteleuropäers").

Auf die Werbung kommt es an

Gleich vier Rittervereine haben den nunmehr berühmten Sänger bisher als Mitglied an ihre Tafelrunde geladen, und mehrere Bürgermeister - die Lehnsherren von heute - buhlten schon um seine Gunst: Sie boten ihm kostenfreies Wohnen auf ihrer Burg. Treskow folgte dem Ruf ins brandenburgische Ziesar und bezog dort stilgerecht ein Gemäuer aus dem 12. Jahrhundert. Seinen Vorbildern getreu, beschloss der Troubadour, die Minne auf der Burg nicht nur zu leben, sondern auch zu unterrichten. Die Zeit dazu schien ihm reif: "Der Verfall ritterlicher Rituale hat zum Tod der Erotik geführt. Die Männer sind faul geworden - sie verstehen sich nicht mehr auf die Werbung um die Gunst einer Frau."

Um diese Verrohung zu bekämpfen, gründete der Frauenbetörer "Europas erste Minneschule". So etwas hatte es selbst im Mittelalter nicht gegeben. Da auch die Liebesknigge "Arts d'aimer" oder "Traktatus de amore" längst vergriffen sind, aktualisierte de Treskow die guten alten Sitten und verfasste ein Werk über "Die hohe Kunst der Verführung. Liebe und Lust nach den Spielregeln der mittelalterlichen Minne". Er selbst ist inzwischen vom Liebesglück verlassen - nachdem er es zwischen-zeitlich auf derart viele Burgfräulein gebracht hatte, dass man im Dorf schon munkelt, der bestrumpfte Charmeur neige dazu, Haus und Hof nicht nur mit der jeweils aktuellen Dame seines Herzen zu teilen, sondern auch mit mehreren Verflossenen zugleich (denen immerhin der Zugang zum Himmelbett verwehrt blieb).

Kein Job beim Kanzler

Das perfekte Mittelalter, schöner als die Wirklichkeit - das gibt es wohl nur in der Traumwelt des Kinos. Und so findet de Treskow in den Babelsberger Filmstudios für sein Minnespiel ein Ausweichquartier - in der Burgkulisse des deutschen Mediävisten-Melodrams "Prinz Eisenherz" (1997 gestartet, leider ein Flop), umfunktioniert in ein mittelalterliches Restaurant. Selbst Gerhard Schröder hat hier schon Hof gehalten, erzählt der Troubadour - bei einem Ritterbankett mit Frankreichs Staatsoberhaupt Jacques Chirac. Nikolai de Treskow war Maître de plaisir und sang. Doch ein Traum blieb ihm unerfüllt: In die Entourage des Kanzlers, wie einst die Troubadoure von den Mächtigen, wurde er nicht aufgenommen. Und das, "obwohl es dort noch keinen Minnesänger gibt". Nur Hofnarren.