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Nachkriegszeit: Alltag in Trümmern

Die Hamburger Polizei sucht 1946 einen Mörder. Inspektor Stave ermittelt in einer Gesellschaft, die ums pure Überleben kämpft. Legal und illegal. Ein Bericht aus dem Jahr 1 nach Hitler
In diesem Artikel
Grausiger Fund
Zehntausende sind ohne Unterschlupf
Auf den Frauen ruht die größte Last
Mord und Totschlag
Florierende Schattenwirtschaft

Grausiger Fund

Die Mörder wussten nichts von Ebbe und Flut. Sonst hätten sie ihr Opfer nicht so dilettantisch versteckt. Um 7.25 Uhr wird am 28. März 1946 im Herrengrabenfleet, mitten in der Hamburger Innenstadt, die Leiche einer Frau entdeckt: zwischen 40 und 50 Jahre alt, gefesselt und erdrosselt mit einem Leinengurt der US Army. Festgebunden an ein Trümmerstück, das fast halb so groß ist wie sie.

Mindestens zwei Täter

Es kann kein einzelner Täter gewesen sein. Denn der Block, an den die Tote gefesselt ist, wiegt rund zwei Zentner. Das Opfer wurde bei Flut in den Fleet geworfen. Nun, bei Ebbe, liegt die Tote mit dem Gesicht nach unten auf dem schlammigen Grund. Keine Papiere, kein Schmuck, kein Mantel, nicht einmal Schuhe. "Mord an einer unbekannten Frau", vermerkt Polizeiinspektor Stave von der Kripo im Protokoll.

Hamburg ergibt sich kampflos Der Zweite Weltkrieg endete für Hamburg am 3. Mai 1945 um 18.25 Uhr, als britische Soldaten das Rathaus besetzten. Ihre Panzer und Lastwagen waren kampflos in die zweitgrößte Stadt des Deutschen Reiches eingerückt. Drei Tage nach Hitlers Selbstmord wollte kaum jemand mehr gegen die Alliierten kämpfen.

Hamburg ergibt sich kampflos

Der Zweite Weltkrieg endete für Hamburg am 3. Mai 1945 um 18.25 Uhr, als britische Soldaten das Rathaus besetzten. Ihre Panzer und Lastwagen waren kampflos in die zweitgrößte Stadt des Deutschen Reiches eingerückt. Drei Tage nach Hitlers Selbstmord wollte kaum jemand mehr gegen die Alliierten kämpfen.

Die Verwaltung bleibt deutsch

Doch obwohl nun britische Offiziere die Macht in der Stadt haben, regieren sich die Hamburger weitgehend selber. Post, Strom-, Gas- und Kohlenversorgung, Eisen- und Straßenbahnen, die Lebensmittelverwaltung, das Wohnungsamt behalten deutsche Leiter. Selbst die Schutz- und die Kriminalpolizei. Statt des NS-Bürgermeisters setzen die Briten den Kaufmann Rudolf Petersen ein.

Das Resultat des "Feuersturms"

Alliierte Bomber haben 213 Angriffe gegen Hamburg geflogen. Am verheerendsten war der "Feuersturm" vom Juli 1943: In einer einzigen Woche versanken große Teile der Metropole im Schutt. 1,68 Millionen Einwohner hatte Hamburg 1938. Fast eine Million sind nun ausgebombt, Hunderttausende haben die Stadt verlassen. Über 250 000 Wohnungen sind zerstört. Dazu die Gebäude von 3500 Gewerbebetrieben und Kontoren. Sowie 277 Schulen, 24 Krankenhäuser und 58 Kirchen. Im Hafen liegen 540 Wracks.

Zu Fuß zum Tatort

Rund 50 000 Hamburger sind im Bombenhagel gestorben, 66 000 an der Front oder im KZ. Hunderttausende sind geflohen oder aufs Land evakuiert worden. 1945 hausen noch etwa eine Million Menschen in der verwüsteten Stadt. Genaue Zahlen kennt niemand. Aber was besagen Zahlen schon? Polizeiinspektor Stave und seine Kollegen müssen zu Fuß zum Einsatzort. Benzin für Dienstfahrten ist streng rationiert.

Eine Welt in Trümmern

Bei ihrem Marsch passieren sie Ziegelschutt, Betonplatten, Kabelgewirr, verbogenen Stahlträger, verkohltes Holz und Tapetenfetzen. Sechs, acht, zehn, 16 Menschen sind in den Parterrewohnungen und Kellern ausgebombter Mietshäuser untergekrochen. Andere haben sich in Ruinen Verschläge gebaut.

Zehntausende sind ohne Unterschlupf

Doch Zehntausenden bieten die Ruinen nicht genug Platz. Sie müssen in Behelfsheimen unterkommen, zum Beispiel in Bunkern: Ausgebombte, heimgekehrte Kriegsgefangene, Flüchtlinge aus dem Osten. Ende November 1945 befürchtet die britische Militärverwaltung Massenerfrierungen. Sie importiert die ersten von 2200 "Nissen huts" nach Hamburg.

Ein Wellblech-Dach überm Kopf

"Nissenhütten" sind Baracken, die der britische Offizier Peter Nissen entworfen hat: Sie ähneln großen, der Länge nach halbierten Wellblechtonnen, die auf den Boden gelegt worden sind. Mit Fenster und Türen an der Stirnseite, einem Ofenrohr nach oben und einem Boden aus Beton oder Holz.

Mancher erfriert im Schlaf

Zwischenwände, separierte Bäder, Küchen gibt es nicht. Die kleinen Öfen in der Mitte sind nur mit Holz und nicht mit Kohle zu befeuern. Im Winter sinkt die Temperatur innen unter Null Grad. Manchmal tragen die Menschen morgens einen Mitbewohner heraus, der nachts auf seiner Liege erfroren ist. Wenn die unbekannte Tote, deren Mörder Inspektor Stave sucht, irgendwo in den Ruinen gelebt hat oder in den Bunkern: Wer sollte sie kennen?

Villen werden zu Casinos

Wenn die Polizisten ihre Streifen westlich der Alster ausdehnen, betreten sie eine ganz andere Welt. Manche der Villenviertel an Alster und Elbe sehen aus, als hätte der Zweite Weltkrieg nie stattgefunden. Denn die Bombenangriffe sollten vor allem die Industriearbeiter demoralisieren - und umbringen.

Doch den etwa 20 000 Wohlhabenden nördlich und westlich der Außenalster nützt ihr Kriegsglück nichts: Die Briten requirieren ihre Villen als Quartiere, Clubs und Casinos.

Ampeln funktionieren als erstes

Die Eigentümer dürfen ihre Häuser jahrelang nicht nutzen. Durch die Ruinengebirge rumpeln Lastwagen und Jeeps der Briten. Zumindest dort, wo die Straßen von Trümmern befreit worden sind. Einige Schupos regeln den Verkehr. Am Ausgang der Mönckebergstraße und am Stephansplatz wird diese Arbeit schon seit Ende Mai 1945 wieder von Ampeln erledigt.

Niemand darf weiter fahren als 80 Kilometer

Selten nur sitzen Deutsche am Steuer von Lastwagen und Autos. Jeder hat ein Fahrtenbuch zu führen: Alle Touren, deren Ziel mehr als 80 Kilometer vom Heimatort entfernt ist, müssen von der Militärverwaltung erlaubt werden. Denn Benzin ist knapp. Von Samstag, 18 Uhr, bis Montag, 6 Uhr, sind Deutschen alle Fahrten untersagt. Es gibt nur wenige Ausnahmegenehmigungen. Etwa für Ärzte im Einsatz und für die Polizei.

Aus Trümmern entstehen neue Häuser

43 Millionen Kubikmeter Trümmer bedecken die Stadt. Allein in den ersten zwei Nachkriegsjahren werden in Hamburg 182 Millionen Ziegelsteine für die Wiederverwertung gesammelt. Bei Kriegsende waren noch 285 851 Wohnungen benutzbar; 17 Monate später sind es rund 2850 mehr - obwohl kaum neues Baumaterial geliefert worden ist.

Auf den Frauen ruht die größte Last

Es sind fast immer die Frauen, die in den düsteren, kalten Wohnungen, mit rationiertem Strom und wenig Brennmaterial, auf lächerlich kleinen Kochstellen mit erbärmlichen Rationen die Familien am Leben erhalten. Der Ehemann ist oft gefallen, vermisst oder invalide. Frauen, die noch nebenbei arbeiten, etwa in einer Behörde, schuften 18 Stunden täglich. In den Krankenhäusern werden Babys geboren, die ausgezehrt sind wie Greise. Die Säuglingssterblichkeit erhöht sich um das Dreifache.

Hunger macht erfinderisch

Rezepte der Not machen die Runde. Etwa für "falsche Bratwürste": einen Kopf Weißkohl weich kochen und mit einem halben Kilogramm gekochter Kartoffeln durch den Fleischwolf drehen. Eine Tasse geriebenes Brot dazugeben (was einfach ist, denn wegen des hohen Maismehlgehalts zerfällt das Brot oft schon auf dem Rückweg vom Bäcker). Die Masse zu langen Laiben kneten und in der Pfanne mit wenig Fett anbraten - fertig.

Auf den Ruinen wächst der Tabak Andere trocknen Eicheln im Ofen, zerstoßen und rösten sie und würzen damit den faden Kaffeeersatz. Die Blätter von Ahorn, Brombeere, Eiche oder Kirsche geben "Tabakersatz" ab. Wem das nicht schmeckt, der legt sich zwischen den Ruinen eigene kleine Tabakpflanzungen an (aus den Samen lässt sich auch ein Speiseöl pressen).

Mit der Bahn auf "Hamsterfahrt"

Kriegsinvalide, alte Männer, Kinder gehen durch die Villenalleen und durchstöbern die Mülltonnen. Weniger entwürdigend, dafür aber gefährlich sind die "Hamsterfahrten" - im Behördendeutsch "Erzeuger-Verbraucher-Verkehr". Schon 20 Tage nach Kriegsende fährt der erste Güterzug von Hamburg aus ins Ruhrgebiet. Bald dürfen Reisende auch in leeren Güterwagen mitfahren. Im September 1945 führt die Reichsbahn "Stehwagen" ein: alte Personenwaggons, aus denen alle Sitze und Trennwände herausgerissen worden sind.

Im Visier der Polizei

Wo früher höchstens 80 Passagiere Platz gefunden haben, zwängen sich jetzt 250 zusammen. Hauptsache: raus aus Hamburg - dorthin, wo Bauern Obst, Gemüse, Kartoffeln anbauen. Die Hamsterfahrten sind illegal, denn hierbei werden Lebensmittel gehandelt, die der Zwangsbewirtschaftung unterliegen.

Die deutsche Polizei organisiert immer wieder Razzien. Bereits im Juni 1945 sperrt sie alle Elbbrücken - und beschlagnahmt 2800 Zentner Kartoffeln. Auf dem Hauptbahnhof werden binnen einer Stunde 36 Menschen mit insgesamt 744 Kilogramm Kartoffeln erwischt.

"Hurra, wir leben wenigstens noch"

Um den Mangel etwas zu lindern (im Juli 1946 liegen 1189 Patienten mit Hungerödemen in den Krankenhäusern), öffnet die Stadtverwaltung Grünflächen für die Landwirtschaft. Doch daneben blühen auch Rosensträucher, die noch 1944 gepflanzt worden sind. Und die Hamburger kommen, um sie zu bewundern. Ob in Planten un Blomen, am Elbufer bei Blankenese oder in Hagenbecks Tierpark - welche Freiheit, ohne Angst vor einem Bombenangriff zu flanieren!

Nachts meidet jeder die Straßen

Abends beeilen sich die Männer und Frauen, nach Hause zu kommen. Zum einen gilt noch immer die Ausgangssperre während der Nacht. Zum anderen sind Hamburgs Straßen düstere Schluchten. Wer es nicht bis Mitternacht heimschafft und einer Polizeistreife in die Hände fällt, landet vor dem Schnellrichter. Routine.

Mord und Totschlag

Routine sind auch Morde und Diebstähle - die "Kriminalität des Elends", wie ein Jurist es nennt. 629 Raubüberfälle, 21 696 schwere sowie 61 033 einfache Diebstähle wird die Kriminalstatistik allein für das Jahr 1946 ausweisen. Und 29 Morde. 700 Mitarbeiter hat die Kripo. Ihre Zentrale liegt am Karl-Muck-Platz und nutzt moderne Labors, denn die Ausrüstung des Berliner Reichskriminalpolizeiamtes ist nach dem Krieg teilweise nach Hamburg geschafft worden.

Die Tote vom Fleet wird identifiziert

Doch es ist nicht die Technik, die Polizeiinspektor Stave auf die entscheidende Spur im Mordfall vom Herrengrabenfleet führt. Die Umstände, unter denen dies geschieht, lassen sich aus den Polizeiakten nicht mehr rekonstruieren. Doch so viel ist klar: Am 10. April 1946 identifiziert eine ältere Dame aus Behringstedt bei Rendsburg die "unbekannte Frau" als ihre Tochter Sophie Maager, verheiratet, geboren am 24. Oktober 1900 in Berlin-Pankow.

Ein Verdächtiger taucht auf

Nach Kriegsende ist Sophie Maager aus der Sowjetzone nach Hamburg gekommen und in der Welt der Ruinen und Behelfsheime untergetaucht. Tags darauf, am 11. April 1946, geschieht etwas Merkwürdiges: Ein Mann namens Karl Wilhelm meldet sich bei der Kripo und sagt aus, er sei von Sophie Maagers Mutter über den Mord informiert worden. Er habe Sophie Maager gekannt und ihr eine Stelle in einem Fuhrunternehmen versprochen, das er bald gründen wolle.

Endlich eine heiße Spur?

Stave und seine Männer wundern sich, weshalb sich jemand ungefragt bei ihnen meldet. Sie forschen nach. Karl Wilhelm, 31 Jahre alt, aus Wattenscheid, war während des Krieges in amerikanischer Gefangenschaft. Danach ist er nach Hamburg gekommen und wohnt jetzt im Hotel "Würzburger Hof" in der Brennerstraße 21.

Karl Wilhelm kann gehen. Und Polizeiinspektor Stave dehnt seine Ermittlungen aus in die Halbwelt der Schwarzmarkt-Schieber am Hansaplatz.

Hier gibt es alles, was das Herz begehrt

Schwarzmarkt ist der Markt des Mangels. Hier wird illegal angeboten, was die Militärverwaltung rationiert, was nicht mehr importiert oder nicht ausreichend produziert wird.

Ein Elektrostecker kostet 6 Reichsmark, eine Rolle Garn 18 RM. Für 22,50 Mark ist ein Wehrmachtsbesteck, rostfrei, vierteilig, zu haben, für 20 Mark ein drei Pfund schweres Brot, für 60 Mark ein Pfund Fleisch, für 80 ein Pfund Zucker und für 250 ein Pfund Butter. Ein Arbeiter verdient im Durchschnitt 42,21 Reichsmark brutto. Pro Woche.

Zigaretten sind die beste Währung

Selbst wer seine Ersparnisse durch die Bombennächte gerettet hat, ist bei diesen Preisen bald arm. Schlimmer noch: Wer eine reguläre Arbeit hat, bekommt durch den Schwarzmarkt täglich vorgeführt, dass sie nichts mehr wert ist. Der Schwarzmarkt ist deshalb vor allem ein Tauschmarkt; Leitwährung ist die "Ami-Zigarette", die für sieben Mark das Stück gehandelt wird.

Nicht alles ist Gold, was glänzt

"Tausche Herrenrad gegen Klavier - Radio gegen 220-Volt-Heizofen - Zahnprothesen gegen Kochplatte". Aber Vorsicht: Vielleicht steckt in der Stange "Lucky Strike" nur Sägemehl. Vielleicht schwappt in der Flasche "Doppelkümmel" für 500 Reichsmark Methylalkohol, abgezapft aus einem lecken Kesselwagen der Bahn und so giftig, dass dessen Genuss das Augenlicht oder gar das Leben kostet.

Florierende Schattenwirtschaft

Im Verlauf des Jahres 1946 wird die Hamburger Polizei über 1000 Tonnen Lebensmittel beschlagnahmen, dazu 172 Kilogramm Süßstoff, mehr als 187 000 Zigaretten, fast 32 000 Liter Wein, 4828 Ampullen Rauschgift, 40 Millionen Einheiten Penicillin, 5623 Meter Stoff sowie 26 Autos, 28 Rinder und 25 Pferde.

Gegen Schieberei ist die Polizei machtlos 5000 uniformierte Polizisten, außerdem Einheiten der britischen Militärpolizei, jagen die Händler und Schieber. Seit 1. Januar 1946 hat die Bekämpfung des Schwarzmarktes höchste Priorität. Vergebens.

Allein von dem Obst und Gemüse, das in den Sperrbezirken vor der Stadt angebaut und vermeintlich gut kontrolliert wird, gelangt mindestens ein Viertel auf den Schwarzen Markt, vielleicht sogar die Hälfte.

Die Brüder Wilhelm kommen in Haft

Karl Wilhelm ist auf dem Schwarzmarkt als Händler bekannt, ebenso sein sieben Jahre jüngerer Bruder Franz, der seit wenigen Wochen in Hamburg lebt. Am 17. April 1946 werden die Gebrüder Wilhelm verhaftet. Sie leugnen. Doch Stave lässt nicht locker. Ein Zimmermädchen im "Würzburger Hof" kann sich erinnern, den amerikanischen Militärgürtel in Karl Wilhelms Raum gesehen zu haben.

Am Ende: ein Geständnis

Ein Schwarzhändler verpfeift Karls Bruder: Der habe kurz nach dem Mord ein Paar Damenschuhe losgeschlagen. Die Schuhe der Sophie Maager, vermutet Stave. Nach vierwöchiger Untersuchungshaft gestehen die Brüder alles. Karl Wilhelm hat Sophie Maager mit dem Versprechen auf ein möbliertes Zimmer am Tatabend gegen 19.30 Uhr auf das zuvor ausgespähte Trümmergrundstück gelockt. Dort hat er sie erwürgt und dann gemeinsam mit seinem Bruder in das Fleet geworfen. Das Motiv: Sophie Maager soll 5000 Mark Schulden nicht zurückgezahlt haben. Schwarzmarktgeschäfte.

Ein Opfer der Zeitläufte

Am 19. Februar 1947 wird Karl Wilhelm von der Strafkammer II in Hamburg zum Tode verurteilt, sein Bruder als Mittäter zu zehn Jahren Zuchthaus.

Karl Wilhelm ist zum Zeitpunkt der Tat 31 Jahre alt. "Normalität" hatte er in seinem Leben nie erfahren: Geboren kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges, als Kleinkind hat er den "Steckrübenwinter" 1916/17 erlebt, in dem entsetzlich gehungert wurde.

Die Dreißigjährigen kannten keine Normalität

Dann: November-Revolution und Kapp-Putsch, Hyperinflation, Weltwirtschaftskrise und das Chaos der Weimarer Republik. Schließlich die "Machtergreifung" Adolf Hitlers, Militarisierung, ein neuer Weltkrieg und Kriegsgefangenschaft. Ähnliche Erfahrungen haben die gesamte Generation der damals Dreißigjährigen geprägt.

Lebenslänglich statt Todesstrafe

Zwei Jahrzehnte später wird die Studentenbewegung die Spießigkeit der Adenauerzeit verachten und dabei übersehen, dass die zur Perfektion getriebene bürgerliche Normalität jener Zeit die Utopie der Väter war - das ebenso schmerzlich vermisste wie ersehnte Ideal.

In der Revisionsverhandlung 1948 wird das Todesurteil gegen Karl Wilhelm in lebenslänglich umgewandelt.