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Wilhelm II.: Als Kaiser der Letzte

Er liebte die pathetische Pose - und dafür liebte ihn das Volk. In Wahrheit war Wilhelm II. ein trauriger Fall: zeitlebens getrieben von den Erwartungen anderer und ein Opfer seiner eigenen Selbstüberschätzung. (Der folgende Text ist gegenüber der Heftfassung stark gekürzt.)
In diesem Artikel
Rastlos reist der Kaiser umher
"Freudlos die Jugendzeit"
Ab jetzt hört alles auf den Kaiser
Deutschland wird zum Außenseiter
Gespielte Kriegsbegeisterung

Rastlos reist der Kaiser umher

Auf die Stimmung Seiner Majestät ist kein Verlass. Montags fordert der Kaiser die Welt in die Schranken - dienstags verkriecht er sich vor ihr ins Bett. Heute legt er sich für die Arbeiter ins Zeug - morgen droht er, sie zusammenschießen zu lassen. Bald fuchtelt er mit dem Säbel gegen den allgegenwärtigen Feind - bald ist er "Friedenskaiser". "Ein typischer Fall periodischen Gestörtseins", diagnostiziert der Psychiater Emil Kraepelin. Kraepelin ist eine Koryphäe, ein führender Seelenarzt seiner Zeit. Das "circuläre Irresein", bei dem manische und depressive Phasen sich abwechseln, hat er als Erster benannt. Bald teilen auch Zunftgenossen in München und in der Schweiz den Verdacht: Wilhelm II., Deutscher Kaiser und König von Preußen, hat eine "maniaco-depressive Psychose".

Rastlos reist der Kaiser umher

Nicht mal die Hälfte des Jahres hält es den Monarchen in Berlin oder der Potsdamer Residenz. 51 Stationen umfasst sein Reiseplan für das Jahr 1889, nicht gerechnet die jährliche "Nordlandreise" auf der Yacht "Hohenzollern" in die norwegischen Fjorde, wo er altgediente Militärs unter Rippenstößen an Deck vorturnen lässt und ihnen die Hosenträger durchschneidet. Mit seiner schamhaften Frau Auguste Victoria, die den Namen "Paris" nicht aussprechen kann, ohne zu erröten, zeugt er sechs Prinzen beinahe im Jahrestakt, schließlich noch eine Prinzessin dazu.

"Schwarzseher dulde ich nicht!" Ohne Unterlass hält Wilhelm Paraden ab, Feste, Besichtigungen, unterschreibt fast täglich mehr als 100 Ernennungsurkunden für Offiziere und Beamte, isst wegen seiner Behinderungen am linken Arm mit einer seitlich zum Messer geschliffenen Gabel, um Zeit zu sparen.

"Es ist immer was los", staunt man im Auswärtigen Amt, "und nichts geschieht." Und über alldem herrscht die Pflicht zur guten Laune: Wo Wilhelm auftritt, hat "Kaiserwetter" zu sein. "Majestät brauchen Sonne", heißt die Maxime, und das gilt auch für die Stimmung: "Schwarzseher dulde ich nicht!"

Drill von Kindheit an

Das Reich gehorcht und strahlt. Es strahlt vor Sehnsucht nach Befehlen, nach Maßstäben, nach Hierarchie. An Deutschlands Schulen stehen die Kinder auf Kommando auf, marschieren und richten die Augen geradeaus. Der Kaiser ist ein Fantast, der als Kind gern Märchen hörte und als Erwachsener daran glaubt. Er hat von Geburt her oft Schmerzen im linken Ohr, dazu Gleichgewichtsstörungen und diesen verwünschten lahmen linken Arm, der 15 Zentimeter kürzer ist als der rechte. Und auch er steckt wie ganz Deutschland seit seiner frühen Kindheit in der Zwangsjacke soldatischen Drills.

Der verfluchte linke Arm

Schon mit sechs Jahren hat "Fritzchen", wie der kleine Wilhelm genannt wurde, das Exerzieren gelernt. Am am zehnten Geburtstag ist er, wie jeder Preußenprinz, Leutnant geworden. Drei Monate später paradiert er zum ersten Mal vor seinem Großvater - "ein unvergesslicher Tag". Der Stolz mag die Qualen seiner Kindheit für einen Moment gelindert haben; die Operationen, die "Fixierungs-Gestelle", die Kopf- und Armstreckmaschinen, mit denen sein missratener Körper in leidliche Form gebracht wurde, die Fesselung des rechten Arms, um den linken zur Aktivität zu ermuntern, die "animalischen Bäder" der lahmen Extremität im Blut frisch geschlachteter Hasen.

"Freudlos die Jugendzeit"

Mit sieben ist der kleine Wilhelm in die Obhut des calvinistischen Erziehers Georg Hinzpeter gelangt, der ihm trockenes Brot zum Frühstück verabreichte und dann zwölf Stunden Caesar und peloponnesische Kriegszüge. Der den behinderten Prinzen, blind gegen dessen Tränen, wieder und wieder aufs Pferd zwang, ohne Zaumzeug und Sattel, um ihn zur kaiserlichen Pose abzurichten. "Freudlos wie das Wesen dieses pedantischen und herben Mannes", erinnert sich später der Kaiser, so "freudlos die Jugendzeit". Die Eltern haben nicht viel getan, sie ihm zu versüßen.

Eine schwere Geburt

Der Vater, Kronprinz Friedrich, mit Mitte 50 noch immer im Schatten Wilhelms I., hat seine Unzufriedenheit am Sohn ausgelassen, hat ihn missachtet, ihn vor Zeugen "unreif" geschimpft und "urteilslos". Wilhelms Mutter Victoria, Tochter der britischen Königin, war bei seiner schweren Geburt 18 Jahre alt und von Schmerzen zerrissen. Der Arzt förderte einen Säugling zutage, der "im hohen Grade scheintot" war. Den unbrauchbaren Arm hat sie dem Sohn zeitlebens übel genommen. "Sie entzog dem Kind ihre Liebe wegen seines Gebrechens", befindet später Sigmund Freud. "Als aus dem Kinde ein großmächtiger Mann geworden war, bewies dieser durch seine Handlungen unzweideutig, dass er der Mutter nie verziehen hatte."

Bismarck als politischer Zuchtmeister Beim 1. Garderegiment in Potsdam fand der Prinz jene "Familie", die "ich bis dahin hatte entbehren müssen". Er lernte Haltung, Härte - und jenen Hass gegen England, den nicht nur seine Frau teilte, die in den geistigen Grenzen des schleswig-holsteinischen Landadels aufgewachsen war, sondern mehr und mehr auch das politische Preußen. Reichskanzler Otto von Bismarck nahm ihn unter seine Fittiche. 1888 stirbt sein Großvater Wilhelm I. mit fast 91 Jahren, bald darauf auch sein Vater: Friedrich III. hat, den Krebs im Kehlkopf, nur 99 Tage regiert. Jetzt besteigt der 29-jährige Sohn den Thron.

Er will ein gerechter Kaiser sein

In einem allumarmenden Überschwang will Wilhelm die alte Zeit überwinden mit ihren Verfassungskonflikten, Kulturkämpfen, Sozialistenverfolgungen. Will ein zerrissenes Reich einen, in dem 25 Bundesstaaten auf ihre Interessen pochen, Katholiken und Protestanten einander beargwöhnen, Besitzende gegen Besitzlose stehen, die Junker im Osten gegen die Schlotbarone im Westen, der gewählte Reichstag gegen den Bundesrat mit den Vertretern der regierenden Fürsten. Sein höchster Untertan aber, der "Eiserne Kanzler" Otto von Bismarck, 44 Jahre älter als Wilhelm, ist ein Mann der Konfrontation.

Der eiserne Kanzler wird gefeuert

Genossen, findet er, kann man nicht "totreformieren", sondern nur "totschießen". Er will seine "Kanzlerdiktatur" fortsetzen, den Kaiser in Vormundschaft nehmen, wie es ihm bei Wilhelm I. oft gelungen ist.

Als der Reichstag Bismarcks "Sozialistengesetz" von 1878, das sozialdemokratische Vereine und Propaganda verbietet und die Ausweisung von SPD-Anhängern erlaubt, nicht mehr verlängern will, erwägt der Kanzler den Staatsstreich und bekommt das letzte Gefecht mit seinem Monarchen. Am 20. März 1890 entlässt der Kaiser den Kanzler. Dann kommandiert er: "Volldampf voraus!" Voraus heißt: im Kreis.

Ab jetzt hört alles auf den Kaiser

Das "Kaiserliche Jahr" mit seinen immer wiederkehrenden Paroleausgaben und Defiliercours, seinen Geburtstagen, Krönungs- und Ordensfesten, seinen Militärparaden und Herbstmanövern, Wiesbadener Festspielen und Kieler Wochen, seinen Nordland- und Mittelmeerreisen, Ball- und Jagdsaisons hat in seiner geheiligten, rituellen Abfolge magische Züge. Eine Macht neben sich will Wilhelm II. nach Bismarcks Abgang nicht mehr dulden. Zwar lässt ihm die Verfassung nur begrenzten Spielraum im politischen Tagesgeschäft: Er ernennt und entlässt die Reichsbeamten, auch den Kanzler, verkündet die Reichsgesetze und überwacht deren Ausführung und entscheidet über Krieg und Frieden. Trotzdem will er jetzt mehr: Er will sein "persönliches Regiment".

Die Industrie fordert Weltmärkte

Unter dem jungen Kaiser will Deutschland Weltgeltung - lieber heute als morgen. Hatte noch Bismarck das Reich für "saturiert" erklärt, meldet sich jetzt der imperiale Hunger. Zwar ist, auch dank Bismarcks Zurückhaltung, beim Verteilen der Kolonien für Deutschland nur gerade mal ein Stückchen Südsee abgefallen, dazu Kamerun, Togo, Deutsch-Ostafrika, Deutsch-Südwest. Dafür drängen jetzt Stinnes, Krupp, Siemens und AEG gewaltig auf die Weltmärkte, kurbeln die Exporte an - und rufen nach dem Imperium.

Deutschland wird eine koloniale Kleinmacht

Hastig klaubt das Reich die letzten kolonialen Krümel auf: Kiautschou in China, in der Südsee die Karolinen, Palau und die Marianen, den Großteil Samoas. Die Kolonien sind Zuschussgeschäfte, die gerade den Bedarf an Hanf und Phosphat decken und Deutschland 1912 etwa 104 Millionen Mark Handelsvolumen einbringen, dafür aber 87 Millionen Mark Verwaltungs- und Infrastrukturkosten im Jahr - sowie das Misstrauen Großbritanniens, Russlands und der USA. Wie ein Kreuzritter zieht Wilhelm 1898 in selbst entworfener Tropenuniform in Jerusalem ein, tappst mitten durch die politischen Vorgärten Großbritanniens und Russlands, um eine evangelische Kirche einzuweihen.

Mal Freund, mal Feind

Immer wieder schwankt Wilhelm zwischen der Liebe zum hochgemuten England, den seligen Jugenderinnerungen an Schloss Windsor, wo "ich als kleiner Junge oft gespielt" und "infolge des vielen Puddingessens mich kolossal übergeben habe" - und dem Hass auf die englische Mutter, auf das "perfide Albion", dessen Medizinern er vorwirft, nicht nur seine Geburt verpfuscht, sondern durch falsche Diagnosen auch den Tod Friedrichs III. beschleunigt zu haben: "Ein englischer Doktor tötete meinen Vater und ein ebensolcher verkrüppelte meinen Arm!" Er will Frieden halten mit Oma Victoria, Onkel Edward, Vetter George - aber er hat seinen Stolz. Vorschläge zur Aufgabe der Flottenaufrüstung weist er als "Unverschämtheit" zurück.

Die Sehnsucht nach Ruhm

Das Wort "Angst", sagt er, komme im Wörterbuch des deutschen Offiziers nicht vor - und das Gefühl schlägt er tot. Er schimpft auch auf die "faulen, lügenhaften Russen", bereit, "mit dem Ordensschwert in der nervigen Faust" auf sie einzuhauen. Und gegen Frankreich: "Ich glaube", sinnt er vor einer Statue des römischen Diktators in Neapel, "dass ich die Mission habe, Gallien zu zerschlagen wie Julius Caesar." Es ist nicht nackte Brutalität, die aus den kaiserlichen Tiraden spricht. Es ist ein Rittertraum, die edle Welt des Parzival, des Ideals seiner Jugend. Der Traum einer unbefriedigten Generation, der Söhne der Sieger von 1866 und 1870, welche die Schlachten ihrer Väter nicht mehr schlagen können und die innere Leere füllen.

Deutschland wird zum Außenseiter

Sobald Wilhelm die Rüstung für einen Moment ablegt, verhöhnen ihn die Meinungsmacher als "Wilhelm den Friedlichen" Das Militär, das als Folge der Einigungskriege von 1864, 1866 und 1871 zum Leitbild des jungen Reichs aufgestiegen ist, hat nicht nur an Masse zugelegt - von 1875 bis 1914 verdoppelt das Heer seine Mannschaftsstärke fast -, sondern auch an Einfluss. Im April 1904, drei Jahre nach dem Scheitern der letzten deutsch-englischen Koalitionsgespräche, schließen Großbritannien und Frankreich eine "Entente Cordiale", ein "herzliches Einvernehmen" über die Zukunft ihrer Kolonien. Großbritannien bekommt freie Hand in Ägypten, Frankreich in Marokko. Im Auswärtigen Amt zu Berlin herrscht "tiefe Niedergeschlagenheit": Man sieht sich umzingelt.

Das Volk verlangt einen kriegerischen Kaiser

Nur noch die morsche, gleichfalls isolierte Donaumonarchie Österreich-Ungarn scheint es an Deutschlands Seite auszuhalten. 1908 druckt der Londoner "Daily Telegraph" ein Gespräch mit dem Kaiser. Die Briten lesen nicht gern, dass Wilhelm behauptet, nur dank seiner guten Ratschläge habe Großbritannien 1902 den Burenkrieg gewonnen. Und seine Untertanen lesen nicht gern, dass er beteuert, er halte zu Großbritannien - im Gegensatz zur Mehrheit der Deutschen. Ein Weichling, heißt es an Stammtischen, ein Halbengländer, der sich beim Feind lieb Kind macht, statt ihm das Schwert zu zeigen!

Wilhelms innere Emigration

Vergebens redet sich Wilhelm heraus, sein Kanzler habe versäumt, den Text vor Abdruck zu prüfen. Er versinkt in "einer großen Depression", wie seine Entourage bemerkt, verkriecht sich im Bett, isst allein, will niemanden sehen. In Potsdam findet ihn der Kronprinz "gealtert" im Bett vor, "verlassen" und "zusammengebrochen". Wilhelm verstummt. Je schärfer der Chauvinismus jetzt aus dem Reichstag schrillt, umso leiser wird der Monarch. Die Militärs, die ihn in Berlin umgeben, nutzen die Schwäche, ziehen die Zügel straff: Wilhelms "persönliches Regiment" ist vorbei.

Unheil braut sich zusammen

Vom Tod des österreichischen Thronfolgers und seiner Frau in Sarajevo durch die Kugeln des bosnisch-serbischen Studenten Gavrilo Princip erfährt er am 28. Juni 1914 auf der Kieler Woche. Er schwankt zwischen Friedenssehnsucht und Verlangen nach Sühne. Auf seiner Nordlandfahrt steht er dann an der Reling und starrt auf das Meer. Die Flotte, die ihm den Respekt der Welt bringen sollte, hat nur deren Hass erzeugt. "Die Hämmer, die auf den Werften von Kiel und Wilhelmshaven erklangen", wird Winston Churchill sagen, "schmiedeten die Koalition, der Deutschland erlag" - und die rund 14 Millionen, die durch Gas und Feuer, Hunger und Vertreibung im Ersten Weltkrieg sterben werden.

Die letzte Versuch, den Frieden zu retten

Von dem Ultimatum, das Wien den Serben am 23. Juli stellt, erfährt Wilhelm zwei Tage später - und von der Bereitschaft Russlands, den slawischen Brüdern bei einem Angriff zu Hilfe zu kommen. Bleich und verstört, von neuem am Boden, kehrt er am 27. Juli zurück nach Berlin. Zar Nikolaus und Wilhelm wechseln Depeschen. "Unsere lange währende Freundschaft muss mit Gottes Hilfe dazu führen, dass ein Blutbad verhindert wird", kabelt der Kaiser. Doch "Willys" letztes Telegramm vom 1. August kann "Nicky" nur noch mit der Anmerkung versehen: "Empfangen nach der Kriegserklärung."

Gespielte Kriegsbegeisterung

Vom Balkon des Berliner Schlosses aus sieht Wilhelm sein Volk wieder. "Ich kenne keine Parteien mehr", sagt er vor dem Reichstag, "ich kenne nur noch Deutsche." Die Abgeordneten jubeln ihm zu wie noch nie, doch der Kaiser fällt in ein Loch. "Mein Amt ist aus", raunt er, und Exkanzler Bülow starrt in sein "bleiches, erschrockenes", ja, "verstörtes Antlitz". In den Städten steigert sich derweil das Bürgertum in den Rausch. Täglich fluten 50 000 Kriegsgedichte in die Redaktionen, Männer stürmen die Rekrutierungsbüros, Soldaten tragen Blumen im Gewehrlauf. Als das Kriegsglück sich wendet, fordert das Volk Wilhelms Abschied; auch seine Entourage rät ihm zu.

Der Kaiser als Bauernopfer

Er sträubt sich, geht "langsam zugrunde", spielt verbissen Skat. Seit Ende Oktober 1918 meutert ausgerechnet seine geliebte Flotte. Am 9. November schickt sein letzter Reichskanzler Max von Baden die Nachricht von Wilhelms Abdankung in die Welt. Der Monarch weiß von nichts. "Verrat!", ruft er, füllt Telegrammformulare aus, wirft sie in den Papierkorb. Dann sitzt er starr in seinem Lehnstuhl am Kamin, raucht schweigend eine Zigarette nach der anderen und brütet über der Flucht.

Finale im niederländischen Exil

Erst im holländischen Exil, im teuer renovierten Schloss Doorn, holt ihn die Manie wieder ein. Wie besessen fällt er die Bäume im Park und sägt sie in Stücke; am 12. November 1919 erlegt er den zwölftausendsten Stamm. Auf dem Holzplatz bricht er im März 1941 ohnmächtig zusammen und erholt sich nicht mehr. Am 4. Juni stirbt er, 82 Jahre alt. Noch einmal zieht man ihn um. Aufgebahrt wird er in Generalsuniform; beim Begräbnis ist "Kaiserwetter".