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Griechische Philosophen: Alles durchdacht

Griechische Philosophen wollten die Welt ergründen und die Prinzipien, denen sie unterworfen ist. Männer wie Aristoteles suchten nach dem Sinn des Seins und der rechten Lebensweise. Die Fragen, die sie aufwarfen, beschäftigen Denker noch heute
In diesem Artikel
Die Vorsokratiker
Sokrates: Der Fragende
Platon: Der Idealist
Aristoteles: Der Systematiker
Diogenes: Der Anti-Autoritäre
Epikur: Der Sinnenfreund
Zenon: Der Pflichtbewusste

Die Vorsokratiker

Natürlich haben sich Menschen schon lange vor den Hellenen Gedanken gemacht - über die Natur, die sie umgebende Welt. Die Griechen aber waren die Ersten, die sie nicht mythologisch, sondern philosophisch betrachteten. Philosophen jedoch waren sie nicht in der verengten Bedeutung von heute, sondern sie interessierten sich für alle möglichen wissenschaftlichen, auch naturwissenschaftlichen Fragen.

Als erster namhafter "Liebhaber der Weisheit" in diesem Sinne gilt Thales. Der soll von etwa 625 bis 547 v. Chr. in der ionischen Hafenstadt Milet gelebt haben, ein Genie in Mathematik und Astronomie gewesen sein und das Wasser als Urprinzip alles Stofflichen postuliert haben. Vor allem feiert man ihn als Urheber der Erkenntnis, dass es in der Natur Abhängigkeiten von Größen untereinander, dass es also gleichsam Naturgesetze gibt.

Erstaunlicherweise sind viele Fragen, die Philosophen bis heute bewegen, bereits vor mehr als 2500 Jahren gestellt worden. Vor allem die Frage nach dem Sein. Für Anaximander (ca. 610-547 v. Chr.) zum Beispiel, ebenfalls aus Milet, war nicht das Wasser der Urstoff, sondern das apeiron, ein unbestimmtes, grenzenloses Substrat, aus dem sich alles in einem Widerspiel von Warm und Kalt, von Trockenem und Feuchtem ausbilde - in einem Entwicklungsprozess, in dem etwa Menschen aus Fischen entstanden seien.

Ebenso materialistisch behandelte das Thema ursprünglich auch der Denker Pythagoras (ca. 570-480 v. Chr.), der von der Insel Samos stammte. Seiner Schule zufolge bestimmen Zahlenverhältnisse die Ordnung aller Dinge und halten die Welt in Harmonie. Später aber wandelten Pythagoras und seine Jünger seine Lehre ins Esoterische - womit sie enormen, auch politischen Einfluss gewannen. Pythagoras ist typisch für die Liebe griechischer Philosophen zur Mathematik und für deren Bewunderung des Logisch-Zeitlosen.

Heraklit (ca. 540-480 v. Chr.) aus dem ionischen Ephesos war von der Harmonie-Tendenz aller Gegensätze überzeugt. Im Ausgleich der Gegensätze, im Kampf oder Krieg, entstünden alle Dinge, deren Unterschiedlichkeit und Veränderung durch die Kraft des Feuers bewirkt werde. Auch seien sie nie beständig, sondern stets in der Bewegung begriffen: panta rhei - alles fließt.

Ganz anders sah das Parmenides (ca. 515-450 v. Chr.) aus Elea - dem italienischen Velia südlich von Neapel. Für ihn veränderte sich im Prinzip überhaupt nichts. Vielmehr sei alles "Einzelseiende", so vielfältig es auch erscheine, Ausprägung eines einzigen unteilbaren Seins und alles Wahrnehmbare insofern eine subjektive Täuschung, als man nur einen Schein erkenne, nicht aber die von diesem verdeckte unwandelbare Substanz.

Demokrit wiederum, um 460 im thrakischen Abdera geboren, reduzierte den Urstoff auf unzerstörbare, sich bewegende Teilchen - auf Atome, aus denen sich im Nichts, im ansonsten leeren Raum, alle Dinge zusammenfügten. Dieses geschehe natürlichen Gesetzmäßigkeiten zufolge, jedoch zweckfrei. Sinnliche Wahrnehmung könne die Wahrheit der Dinge nicht erfassen, sei aber Ausgang jeglicher Erkenntnis.

Mit dem Athener Sokrates (ca. 469-399 v. Chr.) begann schließlich die klassische Zeit der griechischen Philosophie. Von einer durchgängigen Evolution der Konzepte bis dahin - oder auch danach - kann indes nicht die Rede sein. Sie blieben ein Angebot, aus dem sich ein jeder Denker bediente.

Sokrates: Der Fragende

"Es ist Zeit, dass wir gehen: ich, um zu sterben, und ihr, um zu leben. Wer von uns zu dem besseren Geschäft hingehe, das ist allen verborgen außer den Göttern." So beendete der 70-jährige Sokrates seinen Kommentar zu dem Todesurteil, das soeben das Gericht in Athen gegen ihn verhängt hatte.

Der Vater der philosophischen Hebammenkunst

Lediglich manches in den Frühwerken seines Schülers Platon - insbesondere in der "Apologie", der von Platon überlieferten Verteidigungsrede des Sokrates vor Gericht - lassen die Experten heute als einigermaßen authentische Wiedergabe dessen gelten, was und wie Sokrates gedacht hat. Und: Wie er Erkenntnis gesucht hat.

Denn das vor allem hat Sokrates zum Vorbild für die Nachwelt gemacht: das kluge Weiterfragen, mit dem er scheinbares Wissen entlarvte und den Diskussionspartner zur Einsicht nötigte, dass er in Wirklichkeit nichts wisse. Denn eben dies, so der Philosoph, sei die Voraussetzung für die Suche nach dem wahren Wissen, das in jedem Menschen angelegt sei. Diese "Elenktik", diese Entlarvung des Nicht-Wissens, ist gemeint, wenn von "sokratischer Methode" die Rede ist. Und "Mäeutik", Hebammenkunst, wird die gelungene Hervorbringung der Wahrheiten in einem Menschen genannt.

Was ist gut?

Um was es Sokrates aber offenbar vor allem ging, war die Erkenntnis des wahrhaft Guten. Während griechische Philosophen bis dahin als Maßstab für sittliches Verhalten eher das damit erreichte oder erreichbare persönliche Glück gelehrt und gutes Handeln als "das Böse, das man lässt" begriffen hatten, wollte Sokrates die arete, die "Bestheit", als sittliche Instanz einsetzen. Doch das Problem war, dass Sokrates dieses absolut Gute nicht definieren konnte und deshalb bekannte, dass er nichts wisse - und sogar behauptete, wenn schon er, der angeblich weiseste Mensch seiner Zeit, das Gute nicht als Voraussetzung menschlichen Handelns erkennen könne, dann vermöge das niemand.

Und es ist sehr die Frage, ob der Stadtstaat Athen (der wie jedes Gemeinwesen auf die Akzeptanz gewisser Grundwerte angewiesen war) sich bieten lassen konnte, dass der hoch angesehene Bürger Sokrates unablässig behauptete, die Maßstäbe für anständiges Verhalten seien nicht zu erkennen. Ob die Verurteilung des Philosophen als Feind des Staates also am Ende nicht sogar gerechtfertigt war.

Platon: Der Idealist

"Wenn nicht entweder die Philosophen Könige werden oder die, welche jetzt Könige heißen, echte und gründliche Philosophen, und so Macht und Philosophie im Staate zusammenfallen, so gibt es keine Erlösung vom Übel für die Staaten, ich glaube auch nicht für die Menschheit."

Dieses Fazit seiner großen, aber auch problematischen Utopie vom gerechten Staat zog Platon im 5. Buch der "Politeia". Geprägt von einem tiefen Misstrauen gegen die attische Demokratie, propagierte er ein hierarchisches Gesellschaftssystem, das mit kollektiver Erziehung, Zensur und anderen Zwängen ein gerechtes und glückliches Zusammenleben der Menschen gewährleisten solle.

Prominenter Lehrer

Neun Jahre lang ging Platon bei Sokrates in die Lehre und engagierte sich offenbar so sehr für den im Jahre 399 v. Chr. zum Tode Verurteilten, dass er vorübergehend emigrieren musste - nach Megara, zu einem früheren Kommilitonen. Später reiste er nach Ägypten, Unteritalien und an den Hof der Tyrannen von Syrakus auf Sizilien, wohin er hernach zweimal zurückkehrte. Inzwischen hatte sich Platon zu einem "echten und gründlichen Philosophen" gebildet und das Konzept seiner Ideenlehre entwickelt, worin er die Idealfigur Sokrates zum Motor seiner Erkenntnisprozesse macht.

Die Ideenlehre

Dieser Lehre zufolge existiert jedes sinnlich wahrnehmbare Ding nur durch Teilhabe an einer ewigen Idee, einer unveränderlichen Urgestalt. So ist beispielsweise jeder individuelle Mensch das Abbild der ewigen Idee Mensch. Und deshalb werden Menschen, so unterschiedlich sie auch sein mögen, gleichwohl jeweils als Erscheinung des Urbilds Mensch wahrgenommen.

Individuelle Unterschiede resultieren Platon zufolge daraus, dass Nachahmungen untergeordneter Ideen hinzukommen - etwa die der Idee "Braunäugig" oder der Idee "Blond". Damit wird einsichtig, dass es eine Hierarchie der Ideen gibt. Sie sind alle miteinander verknüpft und bilden in der Idee des Guten, der Summe aller Ideen, schließlich die transzendente - jenseitige - Einheit des Seins. Erkennbar ist diese Ideenwelt durch die stufenweise Gewinnung des Wissens um sie in der anamnesis, der in der unsterblichen Seele bewahrten Erinnerung.

Enormer Einfluss auf die Nachwelt

Die Reise des Geistes zur Idee des Guten ist aber der platonischen Ethik zufolge auch Voraussetzung für ein glückliches Leben. Um dieses glückliche Leben sowie die oberste aller Griechentugenden - Gerechtigkeit - zu erreichen, soll die Vernunft über die Willkür und das Begehren herrschen.

Die Wirkung Platons auf die philosophische Nachwelt war enorm. Nicht nur wurde in der Athener Akademie die Bildungselite des Römischen Reiches über Jahrhunderte in seiner Philosophie geschult, nicht nur beeinflusste diese direkt oder in Form des Neuplatonismus Plotins (ca. 205-270 n. Chr.) das Christentum erheblich - im 19. Jahrhundert wurde Platon auch für den deutschen Idealismus und später für die so genannte Wertphilosophie erneut hochaktuell.

Aristoteles: Der Systematiker

Gestorben ist der 384 v. Chr. im thrakischen Stageira geborene Aristoteles als Emigrant - was mit seinen engen Beziehungen zum makedonischen Herrscherhaus zusammenhing: Sein Vater war Leibarzt des Königs Amyntas III. gewesen, und dessen Erbe Philipp II. engagierte Aristoteles im Jahr 343 als Erzieher seines damals 13-jährigen Sohnes Alexander, den man später den Großen nannte. Davor hatte Aristoteles 20 Jahre lang bei Platon an dessen Athener Akademie studiert und schließlich dort auch eigene philosophische Thesen verkündet.

Spuren von Platons Lehre

Hier konzentrierte er sich auf die Dinge des Alltags. Deren zielgerichtete Entwicklung - Teleologie - werde durch Ideen als bewegende Kraft bewirkt. Die aber holte Aristoteles aus der platonischen Transzendenz auf die Erde herab und sah in ihnen die "substanziellen Formen" der Dinge, die - anders als bei Platon - in diesen selbst lägen und deren Wesen ausmachten. Kraft und Bewegung, energeia und dynamis, bilden in diesem Konzept ein sehr modern anmutendes Kontinuum. Die schöpferische Kraft der Bewegung hat indessen ihren Ausgang im Metaphysischen - im "unbewegten Beweger": in Gott als reiner Form, erstem Akt und vollkommenem Sein, als dem sich selbst denkenden Denken.

Große Nachwirkung

Vor allem durch sein Talent und seine Liebe zur Systematik wurde Aristoteles im Abendland (nach seiner Wiederentdeckung im 12. Jahrhundert vor allem dank arabischer Übersetzer und Interpreten) zum bis zur Neuzeit fast unbestrittenen Präzeptor jeglicher Wissenschaft. Denn er hatte nicht nur seine Philosophie, sondern das gesamte Erfahrungswissen seiner Zeit - ob Astronomie, Biologie, Physik, Gesteinskunde oder Poetik - nach formalen Prinzipien geordnet. Dabei hatte er sich stets auf strikt rational erklärbare logische Zusammenhänge gestützt.

Nur teilweise überholtes Wissen

Erst die neuzeitliche Wissenschaft hat zahlreiche Vorstellungen dieses in Ordnungskategorien denkenden Universalgenies obsolet gemacht, etwa, dass Körper entsprechend ihrem Gewicht unterschiedlich schnell fallen. Andere Erkenntnisse des Aristoteles hingegen erwiesen sich als zeitlos - so die universale Einsicht, dass es für jede Veränderung eine Ursache geben müsse. Oder auch die gut begründete Tatsache, die Buchhalter jeglicher Provenienz bis heute verwirrt: dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile.

Diogenes: Der Anti-Autoritäre

Platon war zwar der prominenteste, aber keineswegs einzige Verehrer des Sokrates. Zwei von ihnen fielen durch besonders freimütige Meinungen auf: Antisthenes (ca. 445-365 v. Chr.) und Diogenes von Sinope. Der eine war Vordenker, der andere Begründer einer speziellen Denkschule. Weshalb sich diese "Liebhaber der Weisheit" Kyniker nannten, ist bis heute nicht erwiesen. Womöglich wählten sie ihren Namen nach dem Gymnasion Kynosarges bei Athen, in dem sie oft aufgetreten sind. Oder aber, weil sie so bedürfnislos - und so bissig - leben wollten wie ein streunender kynos, ein Hund.

Antisthenes predigte die Rückkehr zur Natur und verdammte Religion, Regierungen sowie jeglichen Luxus, weil sie den Menschen daran hinderten, tugendhaft zu werden. Tugend aber sei keine abstrakte Qualität, sondern liege in dem, was man tue. Existent war für ihn nur das, was er mit den Sinnen wahrnehmen konnte, Begriffskonstrukte wie die Ideen seines Kollegen Platon hielt er für leeres Gerede. "Reichtum ist nicht ein materielles Gut, sondern ein Seelenzustand", soll Antisthenes gesagt haben. "Denn sonst würden einige, die viel besitzen, nicht Gefahr und Mühe auf sich nehmen, noch mehr anzuhäufen. Ich dagegen schlafe, esse und trinke, wo es mir gefällt, und ich habe das Gefühl, dass mir die ganze Welt gehört."

"Geh mir aus der Sonne"

Noch unabhängiger als Antisthenes trat in Athen dessen Schüler Diogenes auf, der ebenfalls überhaupt nichts von Konventionen hielt. Er bettelte sich das Notwendigste zusammen und pflegte, so die Überlieferung, in einem großen Fass zu wohnen (das ihm die Athener Bürgerschaft, nachdem es ihm jemand zerschlagen hatte, respektvoll ersetzte). Weil sie unfrei mache, verachtete er jegliche Lust - weshalb er in aller Öffentlichkeit masturbiert haben soll. Radikaler noch als sein Lehrer lehnte Diogenes Staat und Gesetz ab und hielt sehr auf Distanz zu den Mächtigen: Als Alexander der Große, der ihn bewundert haben soll, der Legende nach auf ihn traf und fragte, was er für ihn tun könne, antwortete der Philosoph mit arroganter Bescheidenheit: "Geh mir aus der Sonne."

Epikur: Der Sinnenfreund

Seit jeher reklamieren die Hedonisten, die Glücksjäger um jeden Preis, den Philosophen Epikur als Anwalt des individuellen Lustgewinns und somit als eigentlichen Erfinder der Spaßgesellschaft. Doch in Wahrheit ist der um 340 v. Chr. auf Samos geborene Sohn eines Lehrers der wohl am meisten missverstandene Sittentheoretiker. Andererseits: Ganz zweifellos hat Epikur die Sinne aufs höchste geschätzt, aber nicht so sehr als Instrumente der körperlichen, sondern in erster Linie der geistigen Lust - als Mittel zur Erkenntnis der Wirklichkeit. Während für Platon die sinnlichen Phänomene kein gültiges Wissen vermittelten, waren sie für Epikur die einzigen überhaupt, mit deren Hilfe das gelingt.

Freiheit von körperlichen Trieben

Gelehrt hat Epikur auch, dass nur derjenige glücklich werden kann, den körperliche Triebe nicht peinigen. Doch wollte Epikur solche Zwänge keineswegs durch deren jeweils rasche Befriedigung auslöschen, sondern dadurch, dass man sie möglichst mindert. Obwohl ihm körperliche Lust durchaus willkommen war: "Ich weiß nicht, was ich mir unter dem Guten vorstellen soll, wenn ich mir die Freuden des Gaumens und der Liebe und die Lust am Hören und Sehen wegdenke. Selbst Weisheit und Kultur müssen darauf zurückgeführt werden."

"Geschlechtsverkehr ist noch keinem gut bekommen"

Unter Lust aber verstand er vor allem die Abwesenheit von Leid und Schmerz - etwa von Hunger, den er selbst gern mit Wasser und Brot stillte. Reichtum dagegen mache Epikur zufolge ruhelos und unzufrieden. Und mit den Freuden der Liebe meinte er keineswegs Sex, denn "Geschlechtsverkehr ist noch keinem gut bekommen, und jeder kann sich glücklich preisen, dem er nicht geschadet hat". Liebe und Glück verwirklichten sich für ihn vielmehr in der Freundschaft, der "sichersten aller sozialen Freuden". Und so gründete er in Athen, wo er seit etwa 307 v. Chr. lebte und lehrte, in einem Garten eine Kommune, um darin mit seinen Anhängern in aller Bescheidenheit seinen Regeln zu folgen.

Anhänger Demokrits

Verdächtig war er ohnehin schon, weil er zwar die Existenz der Götter nicht bestritt, aber deren Einfluss im Alltag gleich null setzte. Als strikt materialistischer Anhänger der Naturlehre Demokrits war für ihn auch der Mensch ein durch und durch irdisches Wesen, an dem nichts Unsterbliches ist. Die Religion und eine damit zusammenhängende Angst vor dem Tod galten ihm als Quelle von Furcht, die wie der Schmerz einem idealen Dasein in Ausgeglichenheit und Zufriedenheit zuwider sei - und einem Leben in freundschaftlicher Gemeinschaft.

Zenon: Der Pflichtbewusste

Keine antike Denkschule hat so lange prägende Spuren im Wertekodex der Europäer hinterlassen wie die, deren Grundzüge Zenon von Kition in der stoa poikile - der "bunten", ausgemalten Säulenhalle am Athener Marktplatz - verkündete und die deshalb als Stoa bekannt geworden ist. Zenon war auf Zypern geboren, weshalb manche Forscher in seiner Weltsicht orientalische Einflüsse entdeckten. Andererseits findet sich in ihr auch das Armutsideal der Kyniker - der Kyniker Krates war einer der Lehrer des Stoikers. Zenons Schüler Chrysippos steht für eine weitere Besonderheit dieser Denkrichtung: Sie ist im Laufe der Zeit mehrfach begründet worden, sodass heute von älterer, mittlerer und jüngerer Stoa die Rede ist.

Alles ist Materie

Chrysippos lehrte einige Jahrzehnte nach Zenon, und er war es, der dessen Philosophie systematisierte. Seither gliedert sie sich in Logik, Physik - damals die Lehre vom Wesen der Dinge, vom Sein - und Ethik. Während die Logik der Stoiker der Nachwelt besonders deshalb im Gedächtnis blieb, weil sie ihr noch heute gültige Regeln verdankt, hatten die Seinslehre und Ethik der Stoiker noch weitaus größeren Einfluss auf das Denken der Nachwelt. Danach besteht alles in der Welt, auch Seele und Gott, aus Materie, allerdings aus einer von unterschiedlicher Qualität und geschieden in zwei prinzipiell unterschiedliche Seinsformen: eine aktive (nämlich den logos, die handelnde Vernunft) und eine passive (alles Übrige). Das Passive wird vom Logos bestimmt, unterliegt jedoch einem zufallsfreien, vorausbestimmten Schicksal.

Die Menschlichkeit tritt auf den Plan

Gott, die Allnatur und Weltvernunft, durchdringt die gesamte Wirklichkeit - die erste pantheistische Gottesvorstellung der europäischen Geistesgeschichte. Auf Basis dieser Weltsicht entwickelten die Stoiker eine komplexe Ethik. Ihr zufolge gebietet das universale Gesetz der Weltvernunft, dass der Mensch mit deren Manifestation, der Natur, in Harmonie zu leben habe. Diese Harmonie erreiche nur derjenige, der alle Leidenschaft, Lust und Begierde kontrolliere sowie Gerechtigkeit, Tapferkeit, Selbstbeherrschung und (zum ersten Mal in einem antiken Konzept) Menschlichkeit übe. Für einen derart freien Menschen seien Gesundheit und Besitz kaum von Bedeutung, und weder Glück noch Unglück, weder Freude noch Schmerz könnten ihn erschüttern.

Bin ich für mein Handeln verantwortlich?

Stoische Prinzipien prägten vielfach das frühe Christentum. Das größte Problem dieser Athener Denkschule - nämlich wie ihre Lehre von der Schicksalsgebundenheit aller Dinge mit der von ihr ebenfalls propagierten Freiheit des Menschen zusammenpasst - ist als Konflikt zwischen göttlicher Vorsehung und Willensfreiheit des Menschen noch immer ein unbewältigtes Thema der christlichen Theologie. Und gegenwärtig ist dies Gegenstand heftiger Diskussionen zwischen manchen Hirnforschern und Verfechtern jenes fundamentalen ethischen Prinzips, nachdem ein jeder für sein Handeln verantwortlich ist.

Zenon und seine Jünger haben sich sehr bemüht, die Menschen ein gesittetes Zusammenleben zu lehren. Auch wenn ihr Erfolg darin sicher strittig ist, so sind die sprichwörtlich stoische Ruhe und Gelassenheit (die etwa nach britischer Vorstellung einen wahren Gentleman ausmachen) noch heute ein weit verbreitetes Ideal.