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Geschichte in Bildern

Deutschland 1945-1955 Editorial

Lesen Sie hier das Editorial des Chefredakteurs Michael Schaper zu GEOEPOCHE PANORAMA "Trümmerzeit und Wiederaufbau"
Editorial

Ein Foto, das die Geschichte der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges erzählt

Liebe Leserin, lieber Leser

Ein junger Mann sitzt erschöpft auf einer Mauer, im Hintergrund sind Ruinen zu erkennen. Er stützt seinen Kopf auf einen Pappkoffer, in dem er offenbar seine Habseligkeiten verstaut hat. Vielleicht ist er nur müde, vielleicht weint er. Von dem amerikanischen Fotografen Tony Vaccaro, der dieses Bild am 6. März 1946 in Frankfurt aufgenommen hat, erfahren wir, dass es sich um einen ehemaligen deutschen Soldaten handelt, der aus der Kriegsgefangenschaft zu seinen Eltern heimgekehrt ist, deren Haus aber ausgebombt vorfindet, die Familie verschwunden. Dieses Foto - oben zu sehen - erzählt in höchster Verdichtung die Geschichte der Deutschen am Ende des Zweiten Weltkrieges: Das von ihnen 1939 entfesselte Inferno ist auf sie zurückgefallen, ihr Land ist zu einem großen Teil zerstört, von fremden Mächten besetzt, die Menschen sind entehrt, geschlagen, verzweifelt. Ein Volk am Boden.

Von jenem historischen Moment wie von der Zeit danach handelt das vorliegende Heft. In 175 Fotos erzählen wir vom Ende eines Regimes (und von der Verstrickung vieler Deutscher in dessen Verbrechen), erinnern aber auch an die beeindruckende Wiederaufbauleistung einer ganzen Generation. Eine Leistung, die nicht nur darin bestand, die Trümmer wegzuräumen und anschließend auf den Leerflächen wieder Häuser, Wohnungen, Fabriken, ja halbe Städte zu errichten, sondern vor allem in dem politischen Neustart, der zumindest im Westen zur Gründung des freiheitlichsten und demokratischsten Staates führte, den es je auf deutschem Boden gegeben hat.

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Michael Schaper, Chefredakteur von GEOEPOCHE

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Im Dezember 2013 erschienen: die Geschichte der Sowjetzone und der Deutschen Demokratischen Republik

Über die Entwicklung im Osten Deutschlands berichten wir hier nur in Ansätzen. Die Redaktion hat sich zu dieser Einschränkung entschlossen, weil wir vor zwei Monaten ein GEOEPOCHE-Heft über die Geschichte der DDR veröffentlicht haben. Häufige Doppelungen in Text und Bild wären daher nicht zu vermeiden gewesen. In den drei Textessays dieses Heftes zeichnen wir die Entwicklung in Westdeutschland genau nach – und stellen dabei auch einige weitverbreitete Mythen über jene Zeit infrage. So weiß man heute, dass 1945 zwar viele Städte und große Teile der Infrastruktur zerstört waren, viele Fabriken den Krieg aber vergleichsweise unversehrt überstanden hatten; Wirtschaftshistoriker schätzen sogar, dass der Wert aller Produktionsanlagen in den drei Westzonen höher war als vor dem Krieg. Es gab also schon früh Kapazitäten für eine ökonomische Gesundung des Landes. Auch das berühmte "Wirtschaftswunder" ist nicht allein auf den - schon bald zur Legende überhöhten - Fleiß der Deutschen zurückzuführen, sondern unter anderem auch darauf, dass die US-Wirtschaft ab Sommer 1950 für einen neuen Krieg mobilisiert wurde, den in Korea, und die Bundesrepublik nun das einzige Land der westlichen Welt war, das über große, nicht genutzte Produktionskapazitäten verfügte. Das aber ändert nichts an dem Respekt, den man dem politischen, ökonomischen und gesellschaftlichen Wiederaufbau jener Jahre zollen muss.

Herzlich, Ihr Michael Schaper

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