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Deutschland Die Geschichte der Umweltverschmutzung während der Industriellen Revolution

Künstlich hergestellte Farbstoffe begründen in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts den Aufstieg der deutschen Chemieindustrie an Main, Rhein und Wupper. Sie machen bunte Kleidung für jedermann erschwinglich. Stinkend und gefährlich aber sind die Abwässer, die die Betriebe ungeklärt in die Ströme leiten. Die Behörden unternehmen kaum etwas dagegen: um die junge Industrie zu schützen. Und weil Flüsse als natürliche Abflussrinnen gelten
Die Badische Anilin-und Soda Fabrik (BASF)

Die Badische Anilin-und Soda-Fabrik (BASF) in Ludwigshafen am Rhein zählt um 1880 zu den weltweit größten Chemiefirmen. Der Fluss dient ihr als Transportweg, als Quelle für Kühl- und Brauchwasser – und zur Entsorgung giftiger Substanzen

Der Main stinkt nach Verwesung. Fischkadaver treiben im Sommer 1884 den Fluss hinab. In der Gemeinde Höchst läuft ein Bote der Stadtverwaltung mit Schellen durch die Straßen und warnt Einwohner vor dem Verzehr der verendeten Tiere. Denn dem Gewässer entströmt ein starker Teergeruch; offenbar hat eine chemische Substanz die Fische vergiftet. Viele Menschen verdächtigen die Fabrik Dittler & Co, die hier Fuchsin produziert, einen roten Farbstoff. Er entsteht, wenn man Anilin, einen aus Teer gewonnenen Stoff, zusammen mit giftiger Arsensäure erhitzt. Bei dem Verfahren entsteht arsenhaltiges Abwasser, das selbst in 100-facher Verdünnung Fische tötet. Die Indizien sind eindeutig. Schließlich gibt ein Vertreter von Dittler & Co gegenüber den Behörden ein „Versehen“ zu: Ein Arbeiter habe irrtümlich eine Abwasserschleuse geöffnet. Doch das erste Massensterben im Main bleibt juristisch folgenlos. Weil die Farbenfabrik den Fischern in Höchst eine Entschädigung für entgangene Fänge zahlt, erstattet niemand Anzeige.

Im Sommer darauf schwimmen wieder tote Fische im Main, der Fluss ist dunkelrot gefärbt. Diesmal fällt der Verdacht auf die Farbenfabrik Cassella, die in Fechenheim Fuchsin erzeugt, sechs Flusskilometer oberhalb Frankfurts. Dort protestieren die Besitzer von Badeanstalten sowie die Fischereigenossenschaft beim Magistrat der Stadt gegen die Verschmutzung des Flusses. Als sich auch Militärs der Garnison Kastel, die gleich unterhalb der Mainmündung liegt, über die häufigen Verfärbungen des Wassers beschweren, schickt im Sommer 1885 der Landrat des Mainkreises ein Rundschreiben an die Gemeindevorsteher der Dörfer am Fluss. Der Bürgermeister von Eddersheim meldet „frühere Rötungen“ des Mains. Aus Hochheim wird berichtet, der Fluss schillere „bald rötlich, bald blau und zuweilen ganz schwärzlich“ und verströme einen giftigen Geruch. Aus Flörsheim heißt es, dort habe eine Frau sich in dem rötlichen Wasser gewaschen, „worauf ihre beiden Arme mit Blasen überzogen wurden. Dieselbe liegt heute noch schwer krank im Bette.“ Auch in den Zeitungen häufen sich Nachrichten über die „ekelerregende“ Verschmutzung des Mains. Im August 1885 endlich ordnet die Frankfurter Polizei an, Wasserproben zu ziehen. Und zwei Monate später fährt ein Beamter der preußischen Regierung auf den Main hinaus, um den Fluss in Augenschein zu nehmen: Kein Zweifel, unterhalb der Farbenfabriken um Frankfurt sei der Fluss auffallend „verunreinigt“, heißt es später im Bericht, die Gefahr für Mensch und Fischbestände erheblich. Doch nichts geschieht. Im Gegenteil: Einen Monat zuvor hat die Fabrik Dittler & Co die Erlaubnis erhalten, verdünnte Arsensäure mit Kalk neutralisiert in den Main einzuleiten. Einzige Auflage: Die Abwasserrohre müssen bis in die Flussmitte reichen und dürfen nur zwischen 23 und vier Uhr geöffnet sein.

Der synthetische Stoff Helvetica Grün YYO

Der synthetische Stoff Helvetia Grün YYO ahmt die Färbung eines Smaragds nach. Die Teerfarben, die deutsche Firmen von 1860 an produzieren, sind lichtbeständiger und billiger als die natürlichen

Die einzige Strafe für die Chemieindustrie am Main: 15 Mark

Schon seit Jahrzehnten nutzen chemische Betriebe Deutschlands Flüsse als Abwasserkanäle. Um 1820 beginnen Fabriken damit, Schwefelsäure zu produzieren; die Substanz ist unentbehrlich, um Papier zu bleichen, Baumwollgewebe zu veredeln und Erze zu trennen. Auch dient sie als Vorprodukt für Soda. Dieses Bleichmittel ist vielseitig einsetzbar, man braucht es beim Färben und Bedrucken von Stoffen, als Reinigungsmittel oder um Glas und Seife herzustellen. Anfallende Rückstände wie Chlorwasserstoff und Kalziumsulfid leiten die Fabrikanten ungeklärt in nahe Gewässer. Den Sodaschlamm lagern sie in mächtigen Abraumhalden, von denen übel riechende Dämpfe aufsteigen. Gifte lassen sie im Boden versickern. Auch die Bergwerksbetreiber in den Kohlerevieren spülen versalztes und schlammiges Grubenwasser in Flüsse. Aus den Kaminen von Kokereien, Eisenhütten- und Stahlwerken wirbeln Ruß und schwefliger Rauch empor, der als saurer Regen niedergeht und Obstbäume und Wälder in der Nähe verdorren lässt.

Besonders leiden die Flüsse unter der Industrialisierung. Im Rheinland haben sich viele Textilfärbereien am Ufer der Wupper angesiedelt. 1834 sind es schon 44 Betriebe. Sie benötigen viel von dem kalkarmen Wasser des Flusses, wenn sie Garne mit der zerstoßenen Wurzel der Krapp-Pflanze rot färben. Mit den Jahren leuchtet die Wupper immer häufiger im Rot des Krapp. Qualmende und stinkende Brühen aus den Betrieben belasten das Wasser. Es riecht nach Fäulnis und Säure. Der einst fischreiche Fluss stirbt allmählich. Niemand unter den Färbern scheint es zu stören – es sei denn, die eigene Produktion wird behindert, weil kein klares Wasser zu bekommen ist. Flusswasser brauchen auch die Naturbleicher an der Wupper, wenn sie ihre auf den Uferwiesen ausgelegten Garne befeuchten wollen. Sie ziehen um an den Oberlauf, wo der Fluss noch sauber ist. Anwohner begehren auf gegen die Verschmutzung, denn sie müssen mit dem Wasser aus der Wupper kochen und waschen. 1845 beschweren sich Nachbarn eines Färbereizulieferers beim Bürgermeister von Barmen: Das Wasser eines Grabens sei derart mit giftigen Säuren versetzt, dass es nicht einmal mehr zum Löschen eines Brandes geeignet sei – Menschen könnten erblinden, wenn sie es zufällig in die Augen bekämen. Doch es gibt kaum eine Handhabe gegen die Färbereien; nach der preußischen Gewerbeordnung brauchen sie keine Konzession. Und man muss ihnen die Verschmutzung des Flusses nachweisen – bei der Vielzahl der Betriebe fast unmöglich. Ohnehin zögern die Behörden, die Unternehmen zu behelligen: Zu viele Menschen finden in ihnen Arbeit. Und schon bald spülen Firmen noch viel giftigere Substanzen in die Flüsse: Denn 1856 entdeckt ein englischer Chemiker, dass sich aus Anilin, einem Bestandteil des Teers, ein violetter Farbstoff gewinnen lässt. Er tauft ihn auf den Namen „Mauvein“, nach der Malvenblüte.

Gold Orange der Firma Bayer

Was von den giftigen Abfallstoffen der Farbenproduktion, hier eine Probe Gold Orange der Firma Bayer, nicht in die Flüsse gelangt, wird im Meer verklappt

Die Geburtsstunde der modernen chemischen Industrie

Die Produktion dieser ersten künstlichen Farbe ist die Geburtsstunde der modernen chemischen Industrie. Schon bald stellen deutsche Fabriken die Teerfarbe „Fuchsin“ in großen Mengen her. Vielen erscheint es wie ein Wunder, dass sich aus stinkendem, klebrigem Steinkohleteer, wie er in Kokereien und Gasfabriken massenhaft als Abfall entsteht, leuchtende Farben zaubern lassen. In den folgenden Jahrzehnten fabrizieren die Labors Farbstoffe wie Kristallviolett, Aldehydgrün oder Anilinblau, die pflanzliche Substanzen ersetzen. Während der 1860er Jahre gründen deutsche Unternehmer etliche Firmen für das Teerfarbengeschäft. Zu ihnen gehören Bayer & Co an der Wupper (gut 30 Jahre später wird das Werk nach Leverkusen an den Rhein umziehen), die Farbwerke Höchst am Main und die Badische Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen. Sie alle siedeln sich an Flussläufen an, um sie als Transportwege zu nutzen – und weil sich Abwässer so entsorgen lassen.

Und es kommen neue Substanzen hinzu. 1869 gelingt es deutschen Chemikern, Alizarin zu synthetisieren, den roten Farbstoff der Krappwurzel. Bei dem Prozess fallen Salzsäure und Alkalisalze an. Bald entdecken Forscher künstliche Farbstoffe, die auf Verbindungen von Stickstoff und Anilin beruhen. Brillantorange oder Kongorot: Gegen Ende des Jahrhunderts sind Tausende Farbnuancen dieser „Azofarben“ erhältlich. Leuchtender und lichtbeständiger als die natürlichen Farben sind die Produkte aus den Chemieküchen: Salmrot, Smaragdgrün, Nil- und Nachtblau, Diamantschwarz. Und die künstlichen Färbemittel sind billiger. Doch je bunter das Leben, desto trüber die Flüsse. Anfangs nehmen nur die Anwohner von Teerfarbenfabriken die Verschmutzungen wahr. Andere Gerüche stechen viel stärker in die Nase: Tag für Tag leiten die anwachsenden Städte Spülwasser und Fäkalien in die Flüsse; hinzu kommen Abgänge aus Schlachtereien, Gerbereien, Öl- und Walkmühlen. Gelehrte streiten darüber, ob es nicht besser wäre, die Fäkalien auf den Feldern als Dünger zu verwenden. Doch viele glauben, dass sich durch Ausdünstungen aus dem Boden Epidemien ausbreiten könnten. Leite man die Exkremente hingegen in die Flüsse, würden schon allein aufgrund der Verdünnung „diese ekelhaften Stoffe geradezu unentdeckbar“, so ein Wissenschaftler. Am Ende des Disputs setzen sich die Anhänger der Kanalisationsmethode durch, obwohl viele Städte die Kosten für Rieselfelder und Kläranlagen scheuen. Hamburg, Berlin oder Frankfurt schwemmen ihre Fäkalien ungefiltert in die nahen Flüsse – aus denen sie zugleich ihr Trinkwasser beziehen. Langsam aber wird man sich der Gefahren bewusst. Zumal inzwischen bebekannt ist, dass Fäkalstoffe in den Flüssen oft Infektionen auslösen. Schließlich reagieren die Behörden: So verbietet Preußen 1877 allen Städten, weiter Exkremente in öffentliche Gewässer einzuleiten. Kurz darauf tagt jedoch der Deutsche Verein für öffentliche Gesundheitspflege – eine Versammlung von Gegnern des Verbots, die gleichzeitig die Interessen der Gemeinden und der Industrie stützen. Die Gewässer, argumentieren sie, seien die „natürlichen Wege zur Beseitigung allen Unrats“. Von dem Naturrecht der Einleitung werde überall auf der Welt Gebrauch gemacht.

Die Flüsse als Abwasserkanal

Der Verein setzt sich am Ende durch. Zwar bleibt die preußische Verfügung formell in Kraft, aber viele Städte erhalten wieder die Erlaubnis, Fäkalien in die Flüsse zu schwemmen. Denn groß ist das Vertrauen in die „Selbstreinigungskraft“ der Flüsse, die zusammen mit der Verdünnung durch die schiere Wassermenge allen Unrat verschwinden lasse. Und so kommt es, dass die Öffentlichkeit lange Zeit nicht über die Abwässer aus den Teerfarbenfabriken debattiert, da die Kloaken der Städte noch viel heftiger stinken. Die Besitzer der chemischen Betriebe reklamieren für sich denn auch nach dem Vorbild der Kommunen ein „Naturrecht“ auf Einleitung der Abwässer in die Flüsse. Dass viele der in der Farbenindustrie verwendeten Stoffe hochgefährlich sind, ist keineswegs unbekannt. Schon 1865 hat das preußische Handels- und Gewerbeministerium verfügt, dass arsenhaltige Rückstände „weder den Gewässern durch Gräben oder Kanäle zugeführt noch in Senkgruben gebracht“ werden dürfen. Sie sollen mit Kalk gebunden, eingedampft und dann in dichten Fässern weggeschafft werden. Doch geeignete Deponien gibt es kaum. Schiffe transportieren die „Arsenikfässer“ zur Nord- und Ostsee und versenken sie unweit der Küsten im Meer. Die Arsenikschiffe pendeln auf Rhein, Main und Wupper; sie beliefern die Farbenfabriken auch mit Arsensäure sowie Teer aus den Kokereien und Gasfabriken. Ein riskantes Geschäft. Im November 1877 läuft ein belgischer Schraubendampfer im Rhein auf Grund, beladen mit 2000 Zentnern Arsenik. Wasser dringt in die Laderäume ein. Die Polizei muss die Menschen in den flussabwärts gelegenen Ortschaften vor dem Genuss des Rheinwassers warnen, und sie beeilt sich, das in kleinen Kisten verpackte Gift zu bergen. Eine Katastrophe wird gerade noch abgewendet. Das Verschiffen der Fässer ist aber nicht nur gefährlich, sondern auch kostspielig. Deshalb leiten viele Teerfarbenfabriken heimlich Arsensäure in die Gewässer. Und die Behörden tolerieren es – zumal die niederländische Regierung inzwischen bei Reichskanzler Bismarck interveniert hat, denn die Verklappung deutschen Giftmülls schädigt die Seefischerei
vor ihrer Küste.

Als 1876 die Teerfarbenfabrik Kalle in Biebrich am Rhein offiziell beantragt, „sämtliche von der Fuchsin-Fabrikation stammenden Brühen in den Rheinstrom laufen lassen zu dürfen“, stimmt die Aufsichtsbehörde zu – gegen den Protest von Bürgern, Hoteliers, Badewirten, Fischern. Die Behörde schützt damit die „überwiegenden industriellen Interessen“, wie sie selbst schreibt. Kurz nach einer Wirtschaftskrise, die das Land 1873 erfasst hat, will die Obrigkeit eine aufstrebende Industrie nicht behindern. Bereits 1877 erzeugt das Deutsche Reich die Hälfte aller synthetischen Farben weltweit. 1882 arbeiten rund 72 000 Menschen in Chemiefirmen. Aus den Abfallprodukten gewinnen die Forscher synthetische Arzneimittel. Bald gibt es erste Impfstoffe, Antiseptika, Schmerzmittel und künstliche Hormone. Ab 1900 liefern deutsche Firmen sogar mehr als drei Viertel aller weltweit künstlich erzeugten Farbstoffe.

Pigmente der Firma Siegle

Die Firma Siegle stellt in Stuttgart am Neckar Farben und Pigmente her. Doch nicht allein die Industrie mit ihren Abwässern verdreckt die Flüsse: Viele Städte spülen ihre Fäkalien ungereinigt in jene Ströme, aus denen sie gleichzeitig ihr Trinkwasser beziehen

Erst nach 100 Jahren schützt der Staat die Gewässer

Dennoch wird bis zur Jahrhundertwende im gesamten Rhein- Main-Gebiet nur eine einzige Geldstrafe verhängt – 1888 muss ein Betriebsleiter von Dittler & Co 15 Mark Strafe zahlen. Und die Justiz schränkt den Spielraum der Behörden weiter ein: 1886 entscheidet das Reichsgericht, dass Schadenersatz für Flussverunreinigungen durch die Industrie nur dann geltend gemacht werden könne, wenn die „ortsübliche Belastung“ überschritten sei – die aber ist in den Ballungsgebieten der Chemiewerke bereits sehr hoch. Das Urteil (das später sogar, in einen Paragrafen umformuliert, ins Bürgerliche Gesetzbuch eingeht) schützt allenfalls die Bewohner von Villen- und Kurorten vor Gestank, Ruß und Lärm der Industrie. Denn als einige Jahre später ein Hausbesitzer im oberschlesischen Kohlerevier gegen den Rauch aus einem Hüttenwerk klagt, teilt ihm das Oberlandesgericht Breslau mit, die Bewohner einer Industriegegend könnten an die Luftverhältnisse nicht Ansprüche stellen, wie man sie in einem Luftkurort habe.

Den Einwand, man könne die Wohnungen nicht lüften, lassen die Richter nicht gelten: Das Öffnen der Fenster sei „in diesem Arbeiterviertel nicht üblich“. Und im Jahr 1897 definiert das Reichsgericht, ein Fluss sei „die von der Natur gegebene Abflussrinne für das vielfach mit fremden Stoffen vermischte Wasser, das zu Wirtschaftszwecken gedient hat und künstlich fortgeschafft werden muss“. Um dennoch Beschwerden zu begegnen, setzt der „Verein zur Wahrung der Interessen der chemischen Industrie Deutschlands“ eine Flusskommission ein. Der Lobbyistenverband formiert sich damit gegen den „Internationalen Verein gegen Verunreinigung der Flüsse, des Bodens und der Luft“, der seit 1877 dagegen streitet, die „Flüsse in Kloaken herabzuwürdigen“ – allerdings nicht als Umweltschutzbund, sondern als Verteidiger der öffentlichen Gesundheit. Auch Fischer am Main schließen sich zusammen, sie ziehen Wasserproben und veröffentlichen die Messergebnisse. Die frühen Umweltschützer gelten dem Gewerbeinspektor vor Ort als Querulanten und verträumte „Fischereiliebhaber“. Daher beauftragt die industrienahe Flusskommission 1889 einen Chemiker mit einer Denkschrift. Der Autor rechnet vor, dass auf einen Arbeitsplatz in der Binnenfischerei 377 in der Abwasser verursachenden Industrie kämen. Und insgesamt sei der „wirtschaftliche Wert der Industrien circa 1000-mal größer als der Wert der Binnenfischerei“. Folglich sei die Ableitung der Fabrikabwässer „notwendig und berechtigt.“ Ein anderer Gutachter vertritt später gar die These, chemische Abwässer könnten „Keime von Krankheiten“ im Flusswasser abtöten. Um 1895 produzieren Hunderte von Chemiewerken in Deutschland, sie beschäftigen 138 000 Menschen.

Und den Chemikern ist ein weiterer Durchbruch gelungen: Sie haben die Struktur des Indigoblau entschlüsselt. Die BASF bringt erstmals 1897 einen künstlichen Ersatz in den Handel. 1900 muss Deutschland noch für 20 Millionen Mark Naturindigo importieren. Fünf Jahre darauf wird der natürliche Rohstoff nicht mehr eingeführt, stattdessen beliefern einheimische Farbenfabriken nun die ganze Welt mit synthetischem Indigo im Wert von 25 Millionen Mark. Der Preis für solche Triumphe: Allein die sechs Abwasserrohre der BASFWerke in Ludwigshafen pressen Sekunde für Sekunde 870 Liter in den Rhein und verfärben ihn weithin rot. Alles Leben in der Nähe ist vernichtet, eine Masse aus Teer und Fett bedeckt die Ufer. An Rhein und Main geben immer mehr Fischer die Arbeit auf, denn die Gewässer veröden. Dabei sind inzwischen Techniken entwickelt worden, mit denen die Umwelt geschützt werden könnte. Doch sie werden kaum angewandt, weil sie vielen Firmen zu teuer sind. Vergebens fordern Gegner der Verschmutzung ein „Reichswassergesetz“, um die Flüsse zu schützen. Einen verwegenen Einfall hat 1912 der SPD-Abgeordnete Karl Liebknecht: Man solle einen gigantischen Abwasserkanal vom Main bis ans Meer graben, um die Flüsse zu entlasten, trägt er im Preußischen Landtag vor. Aus
dem Projekt wird nichts. Im gleichen Jahr berät das Parlament den ersten Entwurf für eine reichsweite Regelung. Doch mit dem Kriegsausbruch enden alle Diskussionen. 1944, im Endkampf des „Dritten Reichs“, entsteht eine neue Fassung eines Reichswassergesetzes – wird aber ebenfalls nicht verabschiedet. Erst am 1. März 1960 tritt in der Bundesrepublik das Wasserhaushaltsgesetz in Kraft: das erste Gesetz, das auf Bundesebene die Flüsse und Seen Deutschlands schützt – nachdem sie ein Jahrhundert lang kaum mehr waren als Abflussrinnen der Industrie.

Samuel F. Morse
Samuel F.B. Morse
Wie dieser Professor die Kommunikation revolutionierte
1837 stellt ein US-Professor eine Erfindung vor, die – anfangs kaum beachtet – die Kommunikation revolutioniert: den "Morseapparat"