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Winter auf den Lofoten - um 880 Ein Fest für Odin

Den Sommer über fahren viele Wikinger mit Schiffen auf Raubzüge – auch von den Lofoten aus, einem Archipel nördlich des Polarkreises. Ehe sich die Winternacht herabsenkt und die Sonne wochenlang nicht aufgeht, kehren sie zurück in ihre Heimat, um auf den Inseln die kalte Jahreszeit zu verbringen. Dort lädt ein lokaler Häuptling – der Herr von Borg – eines Abends seine Gefolgsleute ein, um mit ihnen zu feiern: zu Ehren der Ahnen und der Götter
Wikingerschiff

Gut 60 Männer finden auf den größten Kriegsschiffen Platz, mit denen die Nordmänner bis zu 280 Kilometer am Tag zurücklegen. Bei gesetztem Segel hilft die Mannschaft, die Schräglage des Fahrzeugs mit ihrem Gewicht auszugleichen, während der Steuermann das Ruder an der rechten Heckseite führt

Am Anfang war eine große Leere. Nichts trennte die eisigen Weiten Niflheims von Muspelheim, der Welt des Feuers. Irgendwann aber in dunkler Vorzeit ergoss sich ein Fluss in dieses Nichts und gefror. Und dort, wo Hitze und Kälte einander berührten, ward aus dem schmelzenden Eis Ymir, der Ahnherr der Frostriesen.Schließlich erhob sich eine Kuh aus den schmelzenden Massen. Sie leckte am Eis und brachte eine menschenähnliche Gestalt zum Vorschein, deren Sohn später mit einer Riesin den ersten und mächtigsten aller Götter zeugte: Odin, der mit seinen Brüdern Ymir tötete. Aus dem Fleisch des Riesen formte Odin die Erde, aus seinem Blut die Meere, aus seinen Knochen die Berge, aus seinen Haaren die Wälder, aus seinem Schädel den Himmel und aus seinem Hirn die Wolken.

Dann erschufen die Götter aus zwei Baumstämmen das erste Menschenpaar. Bald bevölkerte eine Vielzahl von Wesen die Welt: Menschen, Riesen, Zwerge, Elfen, in Fesseln liegende Ungeheuer sowie das kriegerische Göttergeschlecht der Asen, die in der Vorzeit Kämpfe mit den Vanen ausgetragen hatten, den Göttern des Reichtums und der Fruchtbarkeit. All diese Wesen fanden ihre Heimstatt unter der Krone des Baumes Yggdrasil, einer ewig grünen Esche, die den Kosmos durchrankt. An ihrem Fuß wachen seither die Nornen, weibliche Gottheiten, über das Schicksal allen Lebens. In der Mitte des Weltenbaumes, in Midgard, wohnen die Menschen. Eine flammende Regenbogenbrücke verbindet Midgard mit Asgard, der Welt der Götter: Dort bewohnt jeder Gott eine eigene Festung.

Die prächtigste gehört Odin, dem Gott der Weisheit und Magie, des Krieges und der Toten. Von seinem Stammsitz Walhall aus kann der Göttervater die ganze Welt überblicken. Um so viel wie möglich von ihr zu erfahren, lässt er täglich Raben ausfliegen, die ihm von den Ereignissen in Midgard berichten. Dank seines geheimen Wissens sieht er voraus, dass finstere Mächte die Welt eines Tages in den Untergang stürzen werden.

Um sich für diesen letzten Kampf zu rüsten, schickt Odin bewaffnete Helferinnen, die Walküren, über die Schlachtfelder Midgards, damit sie alle heldenhaft gefallenen Kämpfer in seine Burg bringen. Hier in Walhall leben die Krieger bis zum Weltenende weiter, messen sich tagsüber in Zweikämpfen und feiern abends an Odins Tafel ein immerwährendes Gelage mit Met und gebratenem Fleisch, Wortgefechten und Gesang. Das Fest in Walhall ist die Hoffnung all jener, die den Tod Jahr für Jahr auf Kriegszügen herausfordern. Und es ist das Ideal eines jeden skandinavischen Fürsten und Häuptlings, der seine Krieger zu Gelagen ruft – auch auf den Lofoten, einer Inselkette, die 200 Kilometer nördlich des Polarkreises aus dem Meer vor der Küste Norwegens ragt.

Jeden Winter, wenn die Zeit der großen Fahrten vorüber ist, wenn die Sonne wochenlang nicht aufgeht und die bunten Schleier des Polarlichts am Himmel tanzen, hellgrün, bläulich, violett wie die Feuer und Fackeln von Asgard, lädt der Häuptling von Borg – der auf Vestvagoy, der zweitgrößten Insel des Archipels residiert – zu einem rauschenden Fest auf seinen Hof. Die Gäste kommen vom Meer herauf, ihre Körper in wärmende Fellmäntel gehüllt. Viele von ihnen sind am Morgen mit Booten von ihren Höfen an der Küste aufgebrochen und an einer vorgelagerten Insel vorbei in die eisfreie Bucht im Westen von Vestvagoy gerudert, haben dort ihre Boote an Land gezogen. Andere kommen wohl auf Skiern herbeigefahren oder zu Pferd geritten, manch einer mag einen Schlitten angeschirrt haben.

Ein halbes Jahr hat das Abendland nun Ruhe vor den RAUBZÜGEN der Wikinger

Ein Tag im Dezember, ein Jahr am Ende des 9. Jahrhunderts. Gelächter, Stimmengewirr, der flackernde Schein von Fackeln. Dutzende Menschen stapfen einen Hügel hinauf, der sich im Rücken der Bucht erhebt. Eisige Luft aus Osten hat Schnee gebracht, der Weg ist beschwerlich. Vor Wochen schon ist die Sonne glutrot zum letzten Mal über dem Horizont aufgetaucht, seither liegen die Lofoten auch am Tag im Dämmer. Dunkel zeichnet sich auf dem Kamm ein Haus ab: Borg – „die Festung“, der Sitz eines mächtigen Häuptlings. Wie ein kieloben liegendes Schiff wirkt das fensterlose Gebäude mit seinem geschwungenen Dach, gegen das sich die 120 anderen Gehöfte der Insel bescheiden ausnehmen: Mit 83 Metern ist es dreimal länger als ein gewöhnliches Bauernhaus. Das Meer vor den Lofoten, das voller Fische ist und niemals zufriert, hat den Herrn von Borg reich gemacht. Zudem wachsen in den Senken zwischen den Felsen und auf den Hügeln an der Küste Gras und Heidekraut – hier können fast das ganze Jahr über seine Schafe und Ziegen weiden.

Wohl schon seit mehr als 400 Jahren herrscht die Familie von dieser Bucht aus über das Umland: Der Häuptling von Borg gebietet über eine Schar bewaffneter Gefolgsleute, die jederzeit bereit stehen, für ihn auf Raubfahrt zu gehen, Walrösser zu jagen oder Tribut von den Samen einzutreiben, den nomadisch lebenden Ureinwohnern auf dem norwegischen Festland. Vielleicht sind die Männer in diesem Sommer von Borg bis nach Kaupang im Süden Norwegens gesegelt, haben in der Handelsstadt Felle, Stockfisch, Häute und Geweihe gegen arabisches Silber, gegen mundgeblasene Glasperlen und Geschirr aus dem Reich der Franken eingetauscht. Gut möglich, dass sie über die Nordsee noch bis zu den Britischen Inseln gefahren sind, um dort zu plündern und Beute heimwärts zu schleppen. Im Herbst haben die Männer die Schiffe schließlich in Bootshäusern unten an der Bucht verstaut, haben die Ernte eingebracht und alles Vieh geschlachtet, das sie nicht durch den Winter füttern wollen; gormanud, „Blutmonat“, nennen die Einheimischen diese ersten Wochen der kalten Jahreszeit.

Gut ein halbes Jahr lang hat nun das Abendland Ruhe vor den Nordmännern – Monate, in denen die Menschen außerhalb Skandinaviens nicht ängstlich nach Drachenschiffen ausschauen müssen. Während der Winter Europas Norden umfangen hält, während sich Schnee über das Land legt und die Buchten der Ostsee zufrieren, bestellen die Wikinger Haus und Hof, reparieren Werkzeuge und Waffen, schnitzen aus Holz und Elchgeweih Löffel und Kellen, fertigen Schüsseln und Webgewichte aus Speckstein, verbringen Zeit mit ihren Familien. Und mehrmals in diesem Halbjahr feiern sie Feste, bei denen sie ihre Götter um Fruchtbarkeit, gute Ernten und Erfolg bei den Raubzügen und Handelsfahrten der nächsten Saison bitten. Tieropfer sollen dann die Gottheiten geneigt machen, Seherinnen sagen den Menschen die Zukunft voraus. Das wichtigste Großereignis im Winter, so lassen es manche Quellen vermuten, ist das Julfest, mit dem die Nordmänner die Sonnenwende begehen.

Zwei Wikingerschiffe im Hefen

Zwei Wikingerschiffe im Hafen. Das schlanke, schnelle Langschiff (vorn) wird für Raub- und Kriegszüge genutzt, mit der Knorr (hinten), einem massiven Lastensegler, transportieren Händler ihre Waren

Zu diesem Fest hat der Herr von Borg mächtige Verbündete von anderen Inseln, aber auch Gefolgsleute und Bauern aus der Umgebung eingeladen. Vor dem Haus trägt ein hölzernes Gestell Schädel und Haut eines Pferdes: Der Häuptling hat es kurz zuvor den Göttern geopfert. Nun lässt er vor den Gästen noch ein Rind töten. Mit dem Blut des Tieres, in einem Gefäß aufgefangen, werden die Pfosten an der Tür und im Inneren des Hauses bestrichen. Die Nordmenschen haben für solche Rituale keine eigens bestellten Priester: Ihre Herren übernehmen die Aufgabe, die Götter wohlgesonnen zu stimmen. Auch Tempel bauen sie nur selten, meistens dienen ihnen die Hallen der Mächtigen als heilige Orte.

Der Schnee vor dem Häuptlingshaus ist rot, es riecht nach Blut. Durch eine reich verzierte Holztür gelangen die Gäste in einen Empfangsraum. Die reichsten unter ihnen haben vermutlich großzügige Geschenke für den Häuptling dabei, vielleicht ein kostbares Trinkgefäß aus Glas, ein prächtiges Zaumzeug oder sogar ein edles Pferd. Eine Dienerin reicht jedem Neuankömmling eine Schale mit Wasser und ein Tuch, damit er sich erfrischt. Dann betreten die Gäste die Halle des Hauses: einen lang gestreckten, hohen Raum ohne Fenster, in dem die Familie sonst isst und arbeitet, wo Garn aus Wolle gesponnen wird, wo Webstühle stehen, auf denen Tuche für Kleidung und Segel entstehen.

Für das Fest hat der Häuptling die Halle räumen und Tische und einige Bänke aufstellen lassen. Teppiche bedecken die Wände aus Holzplanken, die von außen mit Erde und Grassoden geschützt sind gegen die Kälte. Mit Seehund- oder Waltran gefüllte Lampen werfen flackerndes Licht; in der Mitte des Raumes lodert ein Herdfeuer. Nur langsam zieht der Rauch durch Ritzen im schindelbedeckten Dach und Öffnungen über den Giebeln ab, die Luft ist warm und stickig. Es riecht nach feuchter Wolle, nach Mist und tierischen Ausdünstungen, denn nur ein Raum trennt die Halle vom Stall. Und es duftet nach Geschmortem: Seit Stunden schon gart, bedeckt von glühend heißen Steinen und Grassoden, in einer weiteren Feuergrube an der südwestlichen Seite der Halle das Fleisch des geopferten Pferdes.

Um den Gästen zu imponieren, lässt der Häuptling KOSTBARKEITEN in die Festhalle bringen

Der Häuptling thront auf einem Sitz gegenüber dem Eingang; ein stattlicher Mann, gewandet in eine bunt eingefärbte Wolltunika, über der Schulter ein mit Pelzbesatz verzierter Umhang, den eine Nadel aus Silber zusammenhält. Die kostbaren Kleider des Hofherrn zeugen von seiner hohen Stellung – die Häuptlinge von Borg entstammen vermutlich der Sippe der mächtigen Jarle (Fürsten) von Lade, und die führen ihre Herkunft auf eine heilige Ehe zwischen dem Göttervater Odin und einer Riesin zurück.

Unter den Pfosten, die den Thron des Häuptlings tragen, sind Goldfolien vergraben, auf denen das Antlitz der göttlichen Vorfahren eingeprägt ist: ein religiöser Zauber, der Macht und Reichtum von Borg bewahren soll. Um seinen Gästen zu imponieren, hat der Hausherr zudem Schätze in die Halle bringen lassen, die alltags sicher gut verschlossen sind: rheinische Trinkgefäße mit filigranen Goldverzierungen, kobaltblaue Glasschalen aus England sowie einen Zeigestab mit vergoldeter Spitze – erbeutet von britischen Mönchen, die solche Geräte zum Lesen der Heiligen Schrift nutzen.

Die Feier in der Halle beginnt mit dem Trankopfer. Der Häuptling erhebt sich und gießt berauschenden Met – ein aus Honig und Wasser vergorenes Getränk – in ein goldverziertes Glas. Dann bringt er einen Spruch aus, auf die Ahnen, auf seine Gäste und besonders auf die höheren Mächte. „Heil Euch, Götter und Göttinnen, Heil Dir, freigebige Erde, gebt uns, Ihr Glorreichen, Wort und Weisheit und heilende Hände, solange wir leben“, lautet ein solcher Vers, der aus späterer Zeit überliefert ist. Einen Teil des Mets bietet der Häuptling den Göttern dar, indem er ihn auf die Erde gießt; den Rest leert er in einem Zug. Musikanten spielen mit Leiern und Flöten auf, Lieder zu Ehren der höchsten Götter des nordischen Pantheons erklingen.

Neben dem Göttervater Odin verehren die Wikinger vor allem dessen Sohn Thor, den Beschützer der Menschen und Götter, der mit seinem Hammer Mjölnir Riesen und Ungeheuer bekämpft. Odin und Thor zur Seite stehen Freyr, der Hüter des Reichtums und des Friedens, sowie dessen Schwester Freyja, der die Menschen Schönheit und Liebe verdanken. Nach dem Trankopfer lässt der Herr von Borg ein üppiges Mahl auftragen. Der Rang eines Häuptlings bemisst sich auch daran, wie viele Menschen er bewirten kann, und die Vorratskammern des Hofes sind reich gefüllt. Die Bewohner haben das im Blutmonat geschlachtete Vieh zerlegt und das Fleisch getrocknet, Butter geschlagen und für den Winter in Molke eingelegt; im Dachgebälk hängen getrocknete Seevögel und Schinken. Einige der geschlachteten Tiere wurden luftdicht eingepackt und in Erde vergraben. Auf diese Weise fermentierten die Kadaver und wurden, unter anderem durch das Salz in Blut und Eingeweiden, auf Jahre haltbar.

Diener tragen Schüsseln herein, gefüllt mit in der Pfanne gebackenem Fladenbrot. Über dem Feuer, wo sonst morgens die Grütze für das Frühstück kocht, dampft eine Suppe oder ein Eintopf. Vor allem aber freuen sich die Gäste auf den Verzehr der geopferten Tiere. Zwar sind sie nicht ausgehungert nach Borg gekommen – das verstieße gegen die guten Sitten. Dennoch beobachten wohl viele gierig, wie die Bediensteten nun das gegarte Pferd zerlegen: Denn so viel Fleisch bekommen einfache Bauern nur selten zu essen. Mit Messern, die sie am Gürtel tragen, zerteilen die Männer das mit Salz, Petersilie, Knoblauch, Majoran, Thymian, Engelwurz gewürzte Fleisch; dann nehmen sie es sich mit den Fingern. Rinderhörner, gefüllt mit Gerstenbier und Met, machen die Runde. Das gemeinsame Trinken ist Höhepunkt jedes Wikingerfestes. Wer das frisch gefüllte Gefäß erhält, kippt seinen Inhalt sofort hinunter – denn wer zögert, wird als unmännlich verspottet und muss zur Strafe ein zweites Horn leeren. Einzig Alte und Kranke dürfen den Alkohol ablehnen.

Ein Skalde, ein fahrender Dichter, der in der komplizierten Poesie der Nordmänner bewandert ist und gegen Bezahlung Preislieder auf mächtige Männer verfasst, trägt ein Gedicht auf den Häuptling vor. Nur geübte Zuhörer verstehen die aus verschachtelten Metaphern bestehenden Verse, die den Mut und die Taten des Hofherrn rühmen. Der nutzt die Gelegenheit, seine Getreuen zu beschenken. Denn ein solches Fest dient immer auch dazu, alte Freundschaften zu pflegen, neue Allianzen zu schmieden. Und nichts hält die Gefolgschaft eines Häuptlings zuverlässiger zusammen, nichts sichert ihm besser die Verbundenheit anderer hoher Herren als ein Präsent: Edle erhalten wohl Schwerter, Schmuck, der aus arabischem Silber geschmiedet wurde, oder vielleicht ein Stück Land; weniger hoch stehenden Gästen schenkt der Häuptling Teile von Silberringen.

Haus des Herrn von Borg

Auf einem Hügelkamm gebaut, überragt das Haus des Herrn von Borg alles in seinem Umkreis. Mit 83 Meter Länge ist es dreimal so groß wie ein gewöhnlicher Bauernhof – eine Demonstration der Häuptlingsmacht

Irgendwann ist das Pferd verzehrt. Erhitzt vom Essen, von der Glut und vom Alkohol, reden die Gäste nun lauter, unablässig lässt der Häuptling nachschenken. Einer der Männer steht auf und ruft einem anderen Gast eine bissige Beleidigung zu. Gespannt verfolgen die anderen, wie sich eine senna entspinnt: ein Wortgefecht nach festen Regeln, bei dem zwei Gegner versuchen, sich gegenseitig mit Schmähungen und Drohungen zu überbieten. Es zählen die Beleidigungen selbst, etwa die Behauptung, der Angegriffene übe Geschlechtsverkehr mit Tieren aus, aber auch, wie geistreich die Kontrahenten sie parieren. Andere Besucher messen sich in einem förmlichen Austausch von Prahlereien, brüsten sich mit ihren Heldentaten und Abenteuern.

Gleichgültig aber, in welcher Disziplin die Männer antreten – keinesfalls dürfen sie sich dabei anmerken lassen, wie viel Alkohol sie getrunken haben. Viele Gäste schwanken wohl irgendwann im Laufe des Abends zur Tür, zu einer Abfallgrube vor dem Haus: Sich zu erbrechen gehört so selbstverständlich zu jedem Fest, dass die Wikinger es in ihren Sagas verewigen. So berichtet etwa die „Egil-Saga“ von einem Gast, der sich aus Ärger über das Verhalten des Hausherrn zielgenau in dessen Gesicht übergab – und in solchen Mengen, dass der so Gedemütigte beinahe an dem Erbrochenen erstickte. Das große Gelage in der Halle ist den Männern vorbehalten.

Doch auch die Frauen und Kinder von Borg feiern an diesem Abend: Sie haben den Disen geopfert, jenen weiblichen Gottheiten, die für Wohlstand und Glück sorgen, und sich anschließend in den Schlafraum der Häuptlingsfamilie zurückgezogen, um sich dort die Zeit zu vertreiben. Ein überaus beliebtes Brettspiel ist hnefatafl, bei dem jeder Spieler eine Streitmacht von Figuren befehligt und versucht, den König des Gegners in eine Ecke zu treiben. Kinder spielen mit Kreiseln, kleinen Schiffen und Figuren, kämpfen mit Holzschwertern.

Früh lernt der Nachwuchs, sich mit der Waffe zu verteidigen. Bereits mit zwölf Jahren gilt ein Sohn als Mann und darf mit dem Drachenschiff ausfahren. Gut möglich, dass auch der Spross eines Verbündeten im Raum ist: Unter den Wikingern ist es üblich, einen Sohn im Haus eines anderen Mannes aufziehen zu lassen.

Weibliche Säuglinge hingegen werden nicht selten ausgesetzt – ebenso wie schwächliche Knaben. Aber ist ein Mädchen erst einmal verheiratet, hat es mehr Rechte und Macht als die meisten seiner Zeitgenossinnen im Rest Europas. Zwar wählen die Eltern die Männer für ihre Töchter aus, doch kann sich eine Frau unkompliziert wieder scheiden lassen: Eine Erklärung vor Zeugen reicht vermutlich, um den persönlichen Besitz und die Mitgift zurückzuerhalten. Eine frei geborene Wikingerfrau hütet die Schatztruhe und die Vorratskammer der Familie, als Zeichen ihrer Hausgewalt trägt sie einen Schlüssel am Gürtel.

Im Sommer, wenn viele Männer raubend und mordend durch Europa ziehen, zur Jagd oder in eine Handelsstadt aufbrechen, kümmern sich die Gattinnen zudem um den Hof, teilen die Arbeit zu, befehligen die Sklaven. Den Frauen wird auch die Fähigkeit zugesprochen, Krankheit und Übel abzuwehren: Mütter geben an ihre Töchter das Wissen über die Wirkung von Heilkräutern weiter und lehren sie magische Sprüche, die etwa Geburtsschmerzen lindern sollen.

Dennoch wird kaum jemand älter als 40 Jahre, die meisten Menschen sterben deutlich jünger. Viele Säuglinge erliegen schon im ersten Winter Infektionskrankheiten. Die meisten Menschen werden ohne großen Aufwand zu Grabe getragen. Einflussreiche Männer aber erhalten ein prunkvolles Begräbnis: Die Angehörigen legen dem Toten prächtige Gewänder an und betten ihn mit seinem Schwert auf einen Scheiterhaufen. Oft werden zusammen mit dem Leichnam auch reiche Gaben verbrannt: Waffen, Gläser, Schmuck, Werkzeuge, ein Wagen oder ein Reitpferd. Sie sollen die Reise ins Jenseits und das Leben dort erleichtern.

Wenig ist bekannt darüber, wie sich die Wikinger diese Welt vorstellen. Vermutlich glauben sie an die Existenz mehrerer Totenreiche: zum einen an Walhall, das Paradies der Krieger, zum anderen an hel – ein tristes Reich, in das all jene eingehen, die nicht heldenhaft im Kampf gefallen sind. Erdhügel und Steinsetzungen in Schiffsform markieren viele Begräbnisstätten, in manchen Fällen werden die Toten mitsamt ihren Fahrzeugen bestattet oder verbrannt – eine alte Sitte im Norden, wo die Menschen schon immer auf Boote angewiesen waren. Auch in Borg erheben sich etliche Grabhügel: Die Ahnen des Hausherrn sind rund um den Hof bestattet. Die Anwesenheit der Vorfahren soll das Prestige des Häuptlings erhöhen und seinen Anspruch auf den Besitz des Landes bekräftigen.

Das Julfest in der Halle von Borg währt mehrere Tage. Nachts, wenn der Schlaf die betrunkenen Männer überwältigt, legen sie sich, in Decken und Felle gehüllt, auf hölzerne Podeste, die entlang der Wände verlaufen. Doch schließlich verabschieden sich auch die letzten Besucher – es schickt sich nicht, die Gastfreundschaft eines Mannes über Gebühr auszunutzen. Wie die anderen Bewohner der Lofoten bereiten sich die Leute von Borg nun auf die wichtigste Zeit des Winterhalbjahres vor: die Ankunft des Kabeljaus. Ende Januar, wenn die Sonne wieder für wenige Stunden über dem Horizont auftaucht, ziehen die Fischschwärme aus der arktischen Barentssee zum Laichen in den Vestfjord – jenen Meeresarm, der die Lofoten vom Festland trennt. Aus Steinen und Ton fertigen die Wikinger nun Senkgewichte für Köderleinen, in der Schmiede nahe dem Langhaus entstehen Angelhaken.

Irgendwann im 10. Jahrhundert geht die WELT VON BORG für immer unter

Vorbei an schneebedeckten Hängen gleiten die Fischer aus ihrer Bucht hinaus in die See. Sie stemmen sich in die Ruder, arbeiten gegen Wellen und Wind. Obwohl sie wasserdichte Kleidung aus Seehundfell tragen, ist die Kabeljaujagd eine körperliche Qual. Doch die Arbeit lohnt sich: Binnen kurzer Zeit füllen sich die Boote mit den schlanken, bis zu anderthalb Meter langen Fischen. Daheim nehmen die Frauen die Dorsche aus, die gekochten Lebern servieren sie abends mit Krähenbeeren. Die aufgeklappten Fischleiber werden in den folgenden Monaten auf Gestellen getrocknet: Stockfisch von den Lofoten ist auf den Märkten in Kaupang, Haithabu und Birka begehrt, der Häuptling kann ihn gegen Getreide tauschen, gegen Waffen, Schmuck, Geschirr.

Einen Teil des Fangs wird der Herrscher von Borg für den eigenen Haushalt zurückhalten, denn die härteste Zeit des Jahres folgt noch. Morsug, „Marksauger“, nennen die Wikinger die letzten Wochen des Winters, wenn die Lebensmittelvorräte allmählich knapp werden und der Hunger an den Kräften vieler Bewohner des Nordens zehrt. Der Häuptling von Borg aber versorgt sein Gefolge wohl auch in diesen Wochen gut. Und doch werden die Menschen das Frühjahr herbeisehnen, wenn der letzte Schnee auf den Weiden schmilzt und der Rote Steinbrech zu blühen beginnt, wenn Sumpfdotterblumen das Land gelb färben und die Seevögelzum Brüten auf die Insel kommen. Dann lädt der Häuptling wieder zu einem Fest – um den Beginn des Frühlings zu feiern und den Göttern erneut Opfer darzubringen.

Wie überall in Skandinavien pflügen die Menschen auf den Lofoten nun ihre Felder, treiben das Vieh auf die Sommerweiden, warten junge Männer ungeduldig darauf, dass die Schiffe aus den Bootshäusern geholt werden. Und dass der Häuptling verkündet, wohin die Reise in diesem Sommer gehen wird. Eines Tages aber, so die Sage, wird kein Frühling mehr kommen. Drei Jahre lang wird Winter herrschen in Midgard.

So beginnt das Ende, wie es der Göttervater Odin vorausgesehen hat. Beginnt ragnarök, das „Schicksal der Götter“. Ungeheuer reißen sich von ihren Fesseln los, Wölfe verschlingen die Sonne und den Mond, die Midgard-Schlange peitscht das Meer auf. Schneestürme, entwurzelte Bäume und ein letztes Kräftemessen zwischen der Ordnung und dem Chaos, ein Kampf, in dem sich Götter und Riesen gegenseitig vernichten, die Krieger aus Walhall fallen. Schließlich geht die Erde in Feuer auf. Einzig einige Söhne und Enkel Odins überstehen dieses Inferno – sowie ein Mann und eine Frau, die sich in den Zweigen des Weltenbaums Yggdrasil verborgen halten. Mit ihnen wird ein neues Zeitalter beginnen, wird die Erde neu erstehen.

Auch die Welt von Borg geht irgendwann in der zweiten Hälfte des 10. Jahrhunderts für immer unter. Kein Bericht erzählt von den genauen Umständen dieses Niedergangs, doch deutet vieles darauf hin, dass ein starker Fürst vom norwegischen Festland die Macht des Häuptlings gewaltsam bricht und dessen Haus zerstört. Die Schergen des Rivalen, so lässt sich vermuten, beschlagnahmen auch das Land der Sippe, treiben das Vieh fort. Die kobaltblauen Schüsseln, die kostbaren Gläser zerschellen.

Und dann fällt auch das Langhaus, in dem die Wikinger und ihre Vorfahren an dieser Bucht der Lofoten über Jahrhunderte gearbeitet, gefeiert, gelebt haben: Pfosten um Pfosten ziehen die Eroberer aus der Erde. Bis von dem einstigen Reichtum des Häuptlings von Borg nur noch ein paar Scherben übrig bleiben.