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Die Geschichte der Kunst

Neues Magazin Editorial

Lesen Sie das Editorial des Chefredakteurs Michael Schaper zum aktuellen Magazin GEO EPOCHE EDITION "Dürer und der Aufstieg der deutschen Kunst 1400-1600"

Liebe Leserin, lieber Leser

Das hat kein Künstler vor ihm gewagt: sich auf einem Selbstporträt wie Jesus zu inszenieren – in der klassischen Ansicht von vorn, in der Maler seit Generationen schon den Sohn Gottes zeigen; mit der langmähnigen Lockenfrisur und dem Bart, die Christus nach damaliger Vorstellung gehabt haben soll; und dem unverwandten Blick, der den Betrachter direkt anspricht und eine Reaktion herauszufordern scheint, so wie es in vielen Darstellungen der Passionsgeschichte der Fall ist.

Im Jahre 1509 porträtiert sich Albrecht Dürer in ebendieser Weise. Und sein Bild zeugt von jenem Selbstbewusstsein, das den Nürnberger schon von jung auf geprägt hat und das ihn im Verlauf seiner gut 45 Jahre als Maler dazu ermuntern wird, sich in etlichen Kunstgattungen auszuprobieren und immer wieder das Neue, Ungesehene zu suchen und das Experiment zu wagen.

Und ja: Dieses überbordende Selbstvertrauen ist nur allzu berechtigt. Denn Dürer, 1471 geboren, wird um 1500 zum größten deutschen Künstler, der in seinem Einfallsreichtum den bedeutenden italienischen Malern durchaus ebenbürtig ist. Nur wenige andere Meister jener Zeit sind so vielseitig wie Dürer, der auch als Grafiker, Zeichner und Kunsttheoretiker Herausragendes erschafft sowie, als wäre das noch nicht genug, zudem noch Architekt ist, Schriftsteller und Musiker.

Dürer vereint die Lehren der italienischen Renaissance – die Zentralperspektive, die Tiefe des Raums, die anatomisch korrekten menschlichen Körper – mit den Errungenschaften der Malerei nördlich der Alpen, etwa der Lebensnähe der Porträts und der Präzision in der Darstellung bestimmter Details, so der Federn eines toten Vogels oder der Oberfläche eines Pelzmantels.

Editorial

Vor allem aber: Dürer sieht sich als Künstler, nicht als Handwerker, wie fast jeder seiner Kollegen - und tritt dementsprechend auf. Er signiert seine Bilder mit seinem Monogramm, dem wohl ersten Markenzeichen der Kunstgeschichte. Er ist als Verleger seiner Druckgrafiken.

Er kleidet sich wie ein Edelmann und bewegt sich in den Kreisen der humanistisch gebildeten Intellektuellen, die sich damals anschicken, das Bild des Menschen zu revolutionieren. Immer wieder malt er sich selbst - mal geschönt wie auf dem Porträt von 1509 oder einem zweiten, in dem er sich wie ein Dandy kleidet, mal blickt er schonungslos kalt auf seinen dürren Körper, wie in einem gezeichneten Selbstbildnis, das ihn hüllenlos zeigt, im ersten Selbstporträt eines nackten Künstlers.

Er sorgt auch für seinen Nachruhm: verfasst eine Chronik seiner Familie, führt Tagebuch, das später veröffentlicht wird, animiert befreundete Künstler dazu, Porträts von ihm zu fertigen. Und er prägt nicht nur eine Epoche – die "Dürer-Zeit", in der zahlreiche Verehrer, Epigonen und Fälscher versuchen, ihm nachzueifern -, sondern beeinflusst darüber hinaus so berühmte Kollegen wie Tizian, Caravaggio, El Greco, Rembrandt und sogar Picasso.

Kurz: Wir stellen Ihnen in diesem Heft einen der (wenn nicht den) einflussreichsten deutschen Maler aller Zeiten vor sowie die Werke seiner Vorläufer, Zeitgenossen und Nachfolger und erzählen Ihnen, wie es war, als die deutsche Kunst das Mittelalter hinter sich ließ.

Ganz im Geist der Renaissance orientierte sich Dürer an den Meistern der Antike, etwa in dem Versuch, die Natur so präzise wie möglich nachzuempfinden; vor allem aber in dem Bewusstsein, als Mensch und Maler etwas ganz Besonderes zu sein.

Und so kann man das Selbstporträt von 1509 - in dem seine rechte Hand sowie die so intensiv dreinschauenden Augen die wichtigsten Bildelemente sind - auch als eine Verneigung vor sich und allen seinen Kollegen sehen: Denn was braucht ein Künstler mehr als einen präzisen Blick (der einen klugen Geist verrät) und eine ruhige Hand, um Großes zu erschaffen?

Herzlich Ihr

Michael Schaper

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