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Die Geschichte der Kunst

Leseprobe: Das Wunder am Wasser

Keine Stadt ist wohlhabender, keine innovativer, keine freier. Als Mittelpunkt eines globalen Handelsnetzes steigt Amsterdam im 17. Jahrhundert auf zur Weltmetropole, zum strahlenden Umschlagplatz von Waren und Ideen, Kapital und Kunst. Doch vielen Zeitgenossen ist sie vor allem eines – ein gewaltiges Rätsel

Ist sie endlich da, erheben sich ihre Segel endlich über den Horizont? Jeden Sommer die gleiche bange, glimmende Frage in den Köpfen der Hafenarbeiter und Großkaufleute, der Börsenmakler und Kneipiers, der Tuchspinner und Huren – ganz Amsterdam kreist um diese Aufregung: Wann läuft die retourvloot ein, die Flotte der rückkehrenden Handelsschiffe aus dem fernen Asien? Wann erhält die Stadt ihren nächsten Reichtumsschub?

Schiffstrompeten und Salutschüsse kündigen den Verband schließlich an, meist zwei Handvoll Schiffe, die tief und ächzend im Wasser liegen, beladen mit ausgezehrten, elenden Seeleuten, aber vor allem: mit Asiens Schätzen, mit Amsterdams Macht.

Der Monsun hat die Rückkehrerflotte aus Ostindien hergeweht, länger als sieben Monate ist sie unterwegs gewesen, von Batavia, dem heutigen Jakarta, bis an die Amstel, dem Fluss, der Amsterdam seinen Namen gibt. Nun löschen Tagelöhner in langer Plackerei die Fracht und ermitteln auf der stadteigenen Waage gleich neben dem Rathaus, was die "Vereenigde Oostindische Compagnie" wieder herbeigeschafft hat.

326.733 Pfund Pfeffer aus Malakka, 297.446 Pfund Nelken, 292.623 Pfund Salpeter, 141.278 Pfund Indigo, 483.082 Pfund rotes Sappanholz, 219.027 Stücke blauen Ming-Porzellans aus China, 52 Kisten Porzellan aus Japan und Korea, 75 Vasen mit Konfekt – meist gewürztem Ingwer –, 660 Pfund japanisches Kupfer, 241 Stücke feiner japanischer Lackwaren, 3989 schwere Rohdiamanten, 93 Kisten mit Perlen und Rubinen, 603 Ballen persische Seide, 1155 Pfund Rohseide aus China, 199 800 Pfund unraffinierten ceylonesischen Zucker: Diese Ausbeute meldet eine Amsterdamer Zeitung im Juni 1634, eine durchaus typische Menge.

Und alle sind erleichtert, wenn die Flotte früh eintrifft: Dann können Amsterdams Kaufleute die Waren in aller Ruhe versteigern und sie erst in der eigenen Stadt und später über ganz Europa verteilen, bevor der Winter die Geschäfte einfriert.

Wie ein Zuckerstoß schießt die Ware durch die Handelsadern des Kontinents, und niemand sonst kann diesen Rausch bescheren, denn die Ostindische Kompanie mit Hauptsitz in Amsterdam hält das niederländische Monopol auf den Asienhandel. Und besäuft sich an Renditen von 300, manchmal 400 Prozent pro Schiffsladung.

Und das ist ja nur eine Quelle des Wohlstands. Aus Spanien kommt das Silber, aus Skandinavien landen Schiffe voller Holz und Kupfer an, vom Mittelmeer stammt die Wolle, aus Polen das Getreide, aus der Arktis Fett und Tran der Wale, aus den nordamerikanischen Kolonien der Tabak und von Archangelsk in Nordrussland die Felle. Alles fließt hierher, nach Amsterdam, in die reichste, innovativste, freieste Stadt des 17. Jahrhunderts – die ein völliges Rätsel für die meisten Zeitgenossen ist.

Leseprobe: Das Wunder am Wasser

Der größte Hafen der Erde treibt das Wachstum voran: Tausende Schiffe können in Amsterdam ankern. Dessen Fläche wird von Kanälen durchzogen, die die Bewohner angelegt haben, um den Untergrund der in Sumpf- und Marschland errichteten Stadt zu entwässern ("Amsterdam aus der Vogelperspektive", Jan Micker, etwa 1652, Ausschnitt)

Denn wie geht das: so reich zu sein, wenn man doch eigentlich nichts hat? Besucher können die Stadt, diese "weltberühmte Herrlichkeit", wie ein deutscher Bewunderer schreibt, nur als Serie von Paradoxien fassen: Sie hat kein Holz, aber die schnellsten Schiffe der Welt; es gibt keine Weinberge, aber den besten Wein; sie treibt keine Landwirtschaft, aber die Menschen sind wohlgenährt; das Land ist nichts als Torf und salzige Marsch, aber die fleißigen Holländer verwandeln es in Gold; und überhaupt dürfte es doch gar keine Stadt geben, wo vor Kurzem größtenteils Wasser war! "Man nennt Amsterdam ein Weltwunder", schreibt ein französischer Autor, und viele wiederholen das Wort so beschwörend wie hilflos: Wunder.

Wie wäre auch sonst der unvergleichliche Aufschwung zu erklären?

Vom späten 16. Jahrhundert an wächst Amsterdam innerhalb weniger Jahrzehnte von geringer Bedeutung zum Zentrum des Welthandels empor. Die Stadt verdreifacht ihre Fläche, versechsfacht ihre Bewohnerzahl auf 200.000 und verzwanzigfacht ihren Reichtum. Die wohlhabendsten Kaufleute besitzen um 1580 höchstens 40.000 Gulden, um 1680 über 800.000, außerdem gibt es viel mehr solcher Ultrareichen.

Leseprobe: Das Wunder am Wasser

Amsterdam ist republikanisch, demokratisch aber ist es nicht: Die führenden Familien der Stadt vergeben die Regierungsposten unter sich. Das "Porträt des Volckert Overlander" von Cornelis van der Voort zeigt einen Bürgermeister der 1620er Jahre

Amsterdam knüpft als erste Stadt ein wahrhaft globales Handelsnetz, von Japan bis Amerika, von Australien zum Nordkap, sie praktiziert eine beispiellose Toleranz der Religionen und lässt die radikalsten Gedanken der frühen Moderne entstehen.

Die Malerei erfährt in ihr eine Blüte, die nicht von Gönnern, sondern vom Markt lebt – und dies alles, während die Stadt und das Land, die Republik der Vereinigten Niederlande, einen jahrzehntelangen Krieg um die Unabhängigkeit vom spanischen König führen, der offiziell erst 1648 endet. Um diese Zeit, Mitte des 17. Jahrhunderts, erklimmt Amsterdam seinen Zenit, den es eine Weile behaupten kann und der später als "Goldenes Zeitalter" gefeiert wird. Aber nicht nur wegen der Reichtümer, die die Stadt anhäuft.

Sondern weil sie Europa eine neue politische Idee präsentiert: dass nämlich eine Gesellschaft besser funktioniert, wenn sie den Bürgern möglichst viele Freiheiten lässt, statt sie unter die Herrschaft eines Königs oder einer einzigen Religion zu zwingen.

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE EDITION zum Thema "Das Goldene Zeitalter der Niederlande" nachlesen.