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Die Geschichte der Kunst

Surrealismus Leseprobe: Man Ray

Eine verwackelte Aufnahme sowie vermutlich Mehrfachbelichtungen des Fotoabzugs etablieren ein neues Genre der Kunst: Mit dem Porträt einer reichen italienischen Erbin gelingt dem Amerikaner Man Ray 1922 eine der ersten surrealistischen Fotografien - ein Lichtbild, das hinter der sichtbaren Realität eine unheimliche Wirklichkeit zu zeigen scheint

Was braucht ein Fotograf außer Licht und einer guten Kamera? Nur so viel: ein Leintuch und einen Schrank. Mit dem Tuch lässt sich ein Fenster zu einer Atelierwand umwandeln, vor der die Modelle posieren. Der Schrank dient als Dunkelkammer.

Das Zimmer Nr. 37 im Pariser "Hôtel des Écoles", in dem der ehemalige Werbegrafiker Man Ray zu Beginn des Jahres 1922 wohnt, liebt und arbeitet, ist kaum größer als die Kabine des Schiffs, auf dem der Amerikaner einige Monate zuvor aus New York angereist ist. An der Wand hängt ein Porträt des Künstlers Marcel Duchamp, der Ray in den USA auf die französische Dada-Bewegung aufmerksam gemacht hat.

So klein ist der Raum, dass die Frau, die nun eintritt, unwillkürlich den Kopf auf die Seite legt; so wird Ray es später berichten. Das mag an ihrem aufgetürmten Haarschmuck aus schwarzer Spitze liegen, farblich abgepasst auf die dunkle Schminke rund um ihre grünen Augen. Sie stellt sich dem Künstler als Marchesa Luisa Casati vor.

Die 41-jährige Italienerin ist eine der berühmtesten Frauen Europas. Seit sie als junge Frau ein Vermögen von ihrem Vater geerbt hat, einem Mailänder Textilfabrikanten, verwirrt sie mit spektakulären Auftritten die Reichen in Rom, Venedig, London und Paris.

In ihrem Palazzo am Canal Grande hielt sie früher Affen, weiße Pfaue, Ozelote, Tiger und ein Gepardenpaar, das sie an diamantenbesetzter Leine ausführte. Ein schwarzer Diener beleuchtete den Auftritt mit einer Fackel, und jeder konnte sehen, dass die Marchesa ihren Pelzumhang auf nackter Haut trug. Bei Festen mussten sich ihre Angestellten mit Goldstaub einpudern.

Luisa Casati sieht ihr Leben als kostbares Gesamtkunstwerk. Wenn sie mit ausgestopften Schlangen auf dem Kopf zu einer Pariser Party erscheint oder sich in Gesellschaft plötzlich das Kleid vom Dekolleté bis zum Saum aufschlitzt, dann steht sie im Zentrum der Aufmerksamkeit – dort, wo sie sich besonders wohlfühlt.

Immer wieder hat sie sich von Künstlern darstellen lassen. Nur eines fehlt ihr noch: ein Fotoporträt aus dem Umfeld der Dada-Bewegung, jener Kunstrichtung, die der bürgerlichen Gesellschaft den Kampf angesagt hat. Man Ray gehört seit seiner Ankunft im Sommer 1921 zu den Pariser Dadaisten um die Literaten André Breton und Paul Éluard, die schon bald darauf eine neue Strömung der Avantgarde ausrufen werden, den Surrealismus.

Ray, der eigentlich Emmanuel Radnitzky heißt und eine Kunstschule besucht hat, mit ersten Gemälden aber erfolglos war, experimentiert in Paris mit allerlei fotografischen Techniken. Er porträtiert Freunde und Kollegen und wird dabei immer unkonventioneller. So zeigt er den Dada-Schriftsteller Tristan Tzara hoch oben auf einer Leiter, hängt ihm eine Axt über den Kopf und projiziert in der Dunkelkammer mit einer Doppelbelichtung den nackten Oberkörper einer Frau ins Bild. Und den Rücken des Malers Henri Matisse lässt er mit einem dunklen Schrank verschmelzen.

Die in der Kunstwelt stets gut informierte Luisa Casati ist die erste Prominente, die auf ihn zukommt. Ihr Porträtauftrag lässt Man Ray hoffen – endlich eine Mäzenin mit gesellschaftlichem Einfluss. Dass er nun die Wünsche seiner Kundin erfüllen muss, stört ihn nicht. Denn er erkennt die Chance, etwas völlig Neues zu wagen.

Nach dem ersten Treffen in Rays Hotel, zum Kennenlernen, bittet die Marchesa den Künstler kurze Zeit später in ihre eigene Hotelsuite. Sie empfängt den 31-Jährigen im Morgenrock und setzt sich an einen Tisch, auf dem eine prächtige Vase aus Edelsteinen steht. Man Ray installiert seine Lampen – und löst vermutlich in seiner Nervosität einen Kurzschluss aus. Er bittet sein Modell, wie er sich später erinnert, stillzuhalten, weil das schwache natürliche Licht eine weitaus längere Belichtungszeit erfordere. Gräfin Casati aber ist es nicht gewohnt, Anweisungen zu gehorchen, und bewegt sich ungeniert wie üblich. Die Bilder verwackeln.

Gut möglich, dass es so war: nur ein Missgeschick. So wird Ray es später darstellen, als die Aufnahme wegen ihrer scheinbar übernatürlichen Unschärfe längst weltberühmt ist und das Treffen als einer der Momente gilt, in denen die Fotografie neu erfunden wurde.

Höchstwahrscheinlich aber manipuliert Ray das Bild beim Entwickeln, was er später verschweigen wird – weil eine Panne viel besser als Kalkül und Kontrolle zu dem zufallsgläubigen Kreis um Breton passt. Was genau in der Dunkelkammer geschieht, lässt sich heute nicht mehr mit aller Gewissheit sagen; vermutlich belichtet Man Ray den Abzug mehrfach und lässt die Augen der Marchesa dabei jeweils leicht verrutschen.

In jedem Fall erscheint die Dargestellte nicht nur verschwommen, sondern hat nun drei Augenpaare, die sich leicht überschneiden. Mit dem Eingriff versucht Ray gar nicht erst, die Verwacklung zu korrigieren, sondern steigert sie noch.

Vielleicht ist er auf diese Idee gekommen, weil die eitle Gräfin Mittel schluckt, die ihre Pupillen vergrößern. In der Dunkelkammer verdreifacht, wirkt ihr stechender Blick noch intensiver – und merkwürdigerweise zugleich weggetreten und in sich gekehrt. Es ist, als könnte man in den Kopf der Frau schauen und würde im nächsten Moment ihre Gedankenbilder erkennen.

Das nackte Dekolleté lässt die Marchesa ungeschützt wirken – so könnte sie auch im Bad vor dem Spiegel stehen und in ihre eigenen wahnhaften Augen blicken. Später, als der Surrealismus sich durchgesetzt hat, gilt dieses Porträt als ein Beispiel für die künstlerische Suche nach dem schwer fassbaren Seelischen. Auch die Italienerin, die häufig an okkulten Sitzungen teilnimmt, erkennt in der geisterhaften Fotografie ein Abbild ihres Inneren und bestellt Dutzende Abzüge für ihre Freunde. Unergründlich und anziehend wie das hypnotische Augenpaar, so sieht sich die Marchesa selbst.

Leseprobe: Man Ray

Hypnotischer Blick

Die exzentrische Italienerin Luisa Casati, häufig Gast bei spiritistischen Sitzungen, erkennt in dem ungewöhnlichen Porträt ein Abbild ihres inneren Wesens

Den vollständigen Text können Sie in der neuen Ausgabe von GEOEPOCHE Edition "Surrealismus" nachlesen.

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