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Die Geschichte der Kunst

Kunstgeschichte Vorschau: Art déco und Jugendstil

In seiner nächsten Ausgabe stellt GEO EPOCHE EDITION eine Zeit vor, in der die Künstler ihre Mitmenschen durch Schönheit vor dem Grau der industrialisierten Welt retten wollten. Das Heft erscheint am 19. Oktober 2016

Als Gustav Klimt 1908 die neue Kunst Österreichs präsentieren will, sucht er dafür nicht etwa ein Museum – er lässt eine ganze Stadt bauen. Binnen Wochen entstehen im Zentrum Wiens Dutzende Holzgebäude: ein 6500 Quadratmeter großes Areal mit Gartenanlagen, Innenhöfen, einem Kaffeehaus, einem Theater und einem Friedhof.

Klimt und einige Mitstreiter richten sich gegen den traditio­nellen, elitären Kunstbetrieb. Sie wollen nicht Ausstellungsräume für ein ausgesuchtes Publikum bestücken, sondern mit ihren Arbeiten alle Facetten des Lebens durchdringen. Sie sind Verfechter einer neuen Richtung, des Jugendstils, und verstehen ihr Schaffen als gesellschaftliche Mission. Mit ungewöhnlichen Kreationen wollen sie den modernen Menschen vom Einerlei der industriellen Massenware befreien, den Großstädtern ihre Individualität zurückgeben, ihren Alltag erträglicher machen durch schöpferische Raffinesse.

Vorschau: Art déco und Jugendstil

Teilweise mit Blattgold überzogen ist das »Bildnis der Adele Bloch-Bauer«, das der Österreicher Gustav Klimt 1907 malt. Vor dem glänzenden, fast abstrakten Hintergrund hebt sich das Gesicht der Porträtierten - einer Wiener Intellektuellen - besonders deutlich ab. Die weibliche Sinnlichkeit ist eines von Klimts großen Themen: Immer wieder setzt der Jugendstil-Künstler schöne Frauen mit schillernden Kompositionen in Szene

Und so zeigen Maler, Bildhauer und Handwerker auf der knapp sechs Monate andauernden „Kunstschau Wien“ den Besuchern nicht nur Klimts fein ziselierte, goldüberzogene Gemälde, sondern auch Vasen, Schalen, Stühle, Uhren und Bonbonnieren - und alle Exponate gestaltet in einer neuartigen Eleganz, die Material und Form miteinander verschmelzen lässt. Sogar ein Musterhaus gibt es, komplett eingerichtet mit neu entworfenen Gebrauchsge genständen, von der Toilettengarnitur bis zum Kinderspielzeug.

Diese Lust am Gesamtkunstwerk gewinnt schon seit Jahren überall in Europa an Wucht. In Großbritannien (wo die Indus­ trialisierung öde Steinwüsten geschaffen hat) entwerfen die Anhänger des Arts and Crafts Movement Teestuben, in denen das Zusammenspiel von Architektur, Möbelstücken und sogar Zuckerdosen auf den Gast wirken soll. In Frankreich werden durch die Vertreter des Art nouveau selbst Metro-Eingänge zum Kunstwerk, und Pioniere wie Henri de Toulouse Lautrec erklären das Werbeplakat zur neuen Malerei. Und in Spanien begründen Architekten wie Antonio Gaudí den katalanischen Modernisme, treiben die Idee einer von der Natur inspirierten Formensprache mit oft wahnwitzigen Einfällen weiter als je zuvor.

Sie alle wollen durch Kunst eine bessere Welt schaffen - und prägen damit Generationen von Kollegen. Denn auch die ihnen nachfolgenden Vertreter des Art déco, der in den 1920er Jahren in Europa und den USA aufkommt, unterwerfen jedes Möbelstück, jedes Gebäude - ja selbst Bleistiftanspitzer - ihrem Willen zur ästhetischen Inszenierung. Ihre Kunst ist zwar weniger fließend als viele Werke des Jugendstils und stärker an klaren, geometrischen Formen orientiert. Doch das Grundprinzip bleibt gleich: die gestalterische Durchdringung aller Lebensbereiche.

In seiner nächsten Ausgabe stellt GEO EPOCHE EDITION eine Zeit vor, in der die Künstler ihre Mitmenschen durch Schönheit vor dem Grau der industrialisierten Welt retten wollten. Die Ausgabe erscheint am 19. Oktober 2016