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Die Geschichte der Kunst

Antike Editorial

Lesen Sie hier das Editorial des Chefredakteurs Michael Schaper zu GEOEPOCHE EDITION "Die Kunst der Antike"

Liebe Leserin, lieber Leser

vor vielen Jahren hielt Melina Mercouri, die griechische Schauspielerin und damalige Kulturministerin, auf einer internationalen Konferenz eine Rede. Sie wandte sich auf Englisch an ihr Publikum und erklärte zu Beginn ihrer Ansprache: "Bitte vergeben Sie mir, aber ich muss zunächst ein paar Worte auf Griechisch sagen."

Sie machte eine rhetorische Pause und fuhr dann langsam fort: "Demokratie. Politik. Mathematik. Theater. . ."

Diese Anekdote erwähnt der britische Altertumsforscher Simon Goldhill in einem Buch über den Einfluss der Antike auf das heutige Leben und fügt hinzu: "Wenn wir von der Kultur der westlichen Welt reden, reden wir vom alten Griechenland."

Nicht nur die Grundlagen unseres politischen Alltags stammen aus der Zeit vor 2500 Jahren, Wissenschaft und Philosophie sind ebenfalls damals entstanden – und natürlich beziehen sich auch die schönen Künste immer wieder darauf.

Das neuzeitliche Theater beruft sich auf antike Ideale, Romane und Gedichte haben dort Vorbilder, ebenso Malerei, Architektur und Bildhauerei; und selbst dort, wo es wohl nur wenige vermuten, wirkt das griechische Altertum noch nach, etwa in der heute so weit verbreiteten Leidenschaft, seinen Körper zu stählen.

Denn was sind die wohlgeformten Bauchpartien der antiken Männerstatuen anderes als perfekte Sixpacks?

Editorial

Michael Schaper, Chefredakteur von GEOEPOCHEEdition

In der neuen Ausgabe präsentieren wir Ihnen etliche bedeutende Werke der griechischen Antike, gefertigt von Meistern in Athen, Olympia oder Pergamon, und verfolgen nach, wie diese Kunst auch dann noch ihre Wirkung entfaltete, als die griechischen Stadtstaaten vom 2. Jahrhundert v. Chr. an ihre Eigenständigkeit verloren, unterworfen vom Imperium Romanum.

Denn so stark die Krieger aus der Tiberstadt auf dem Schlachtfeld auch waren, so wenig entwickelt waren anfangs ihre künstlerischen Fertigkeiten. Daher ließen sie sich geradezu blenden von der Pracht der griechischen Welt: den säulengetragenen Tempeln, marmornen Standbildern, farbsatten Gemälden, aufwendigen Mosaiken. Sie stahlen viele Werke kurzerhand, erwarben andere, lockten griechische Meister nach Rom, ehrten die Ästhetik der Unterworfenen, kopierten sie und entwickelten sie schließlich weiter.

Auch für das Menschenbild der Hellenen begeisterten sie sich bald.

Denn der Mensch – genauer: der freie Mann – war den Griechen das Maß aller Dinge. Er galt ihnen (anders als vielen anderen Kulturen) als eigenständiges Subjekt, verantwortlich für sein Handeln, stets im Wettkampf mit anderen, zur Not bereit, sich sogar mit den Göttern anzulegen. Und derart selbstbestimmt, dass er etwas völlig Neues wagen konnte, die Herrschaft des Volkes – die Demokratie.

All das zeigte sich auch in der Kunst. Die Genies aus Hellas feierten den Menschen, bildeten ihn so realitätsnah ab wie nie zuvor, spürten seiner Persönlichkeit nach, zeigten ihn beim Sport, im Kampf, im Triumph, aber auch gebrochen, ja selbst im Sterben.

Kurz: Sie entdeckten das Individuum. Über Jahrhunderte prägte dieses griechische Ideal nun auch die Bildwelt der Römer, wendete sich die militärische Niederlage der Hellenen in einen kulturellen Sieg. Und so künden noch heute unzählige Großbauten, Statuen, Reliefs und Fresken des Imperium Romanum vom Einfluss der einstmals Besiegten.

Mit dem Untergang des Römischen Reichs gerieten die Errungenschaften der antiken Meister für fast ein Jahrtausend in Vergessenheit. Die vom Christentum geprägte Kunst des Mittelalters, die sich nun ausbildete, war beherrscht von statischen, oft ungelenk wirkenden Darstellungen Jesu und der Mutter Gottes, der immer gleichen Märtyrer und Heiligen; es war eine Ästhetik des Glaubens, in der es vor allem um die Verherrlichung Gottes ging und kaum je um den realen Menschen und dessen Kraft.

Das änderte sich erst in der Renaissance, als Kunstschaffende die Werke aus dem griechischen und römischen Altertum als Vorbilder wiederentdeckten und dabei etwas völlig Neues erfanden.

Seither haben sich Maler, Bildhauer und Architekten immer wieder mit dem antiken Erbe auseinandergesetzt, etwa im 18. Jahrhundert, als der Klassizismus aufkam, im Neoklassizismus des ausgehenden 19. Jahrhunderts, in der Postmoderne des 20. Jahrhunderts. Bis heute beschäftigen sich Künstler mit Hellas und Rom, wie kürzlich der Pop-Kitschier Jeff Koons, der sich in einer viel beachteten Ausstellung mit seinen jahrtausendealten Vorläufern verglich (und dabei nach dem Urteil mancher Experten nicht gerade gut abschnitt).

Wie das alles einst begann, davon erzählt diese Ausgabe.

Und wenn ich ein Werk hervorheben müsste, dann wäre es das kleine Gemälde links neben diesem Text, ein um 170 n. Chr. entstandenes Porträt einer jungen Frau, ergreifend schön in seiner Anmut und Lebensnähe, der Blick offen, klar, direkt und zugleich unfassbar.

Ein Bild, das von einem ganzen Leben erzählt.

Ihr

Michael Schaper

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