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Die Geschichte der Kunst

Das Mädchen mit dem Perlenohring

Bilder können rätselhaft sein – aber Künstler auch. Und der Niederländer Jan Vermeer gehört sicher zu den rätselhaftesten aller Maler. Lediglich Bruchstücke über sein Leben sind verbürgt: Mit 21 tritt er in Delft der Malergilde bei, er handelt mit Gemälden, führt irgendwann ein Wirtshaus am Marktplatz der Stadt.

Und auch nur wenige Bilder von ihm sind überliefert, 30 etwa – doch die sind allesamt Meisterwerke, in mitunter fotografischer Genauigkeit, voller Symbolik und Andeutung, so auch das "Mädchen mit dem Perlenohrring": Unverwandt blickt die Schöne den Betrachter über die Schulter an, ein Mädchen an der Schwelle zur erwachsenen Sinnlichkeit.

Mit einem weißen Farbtupfer im Mundwinkel verleiht Vermeer den leicht geöffneten Lippen zusätzlichen Glanz, suggeriert einen Anflug von Leidenschaft. Zugleich aber setzt er mit der Perle am Ohrgehänge den Kontrast: Sie symbolisiert Keuschheit und Reinheit. Wer die Porträtierte ist, haben Forscher bis heute nicht ergründen können. Sie wahrt ihr Geheimnis, genau wie ihr Schöpfer.

  • Abbildung: Das Mädchen mit dem Perlohring; Jan Vermeer, um 1665

Der Schrei

Nicht irgendein Schrecken hat diesen Menschen erfasst, der da mit an den Schädel gepressten Händen und weit aufgerissenen Augen schreit – sondern existenzielle Angst. Hinter ihm ein flammender Himmel aus Orange und Rot sowie eine schwarzblaue Fjordlandschaft, alles schemenhaft verzerrt, wie in einem Strudel.

Der Norweger Edvard Munch hat diesen Moment der Pein tatsächlich erlebt: Im Sommer 1891 unternimmt der 27-Jährige mit zwei Bekannten einen Abendspaziergang nahe Oslo. Als er kurz verschnauft, bemerkt er den blutroten Sonnenuntergang über sich. "Meine Freunde gingen weiter", notiert der Maler, "und ich stand da und zitterte vor Angst und spürte, wie ein unendlicher Schrei durch die Natur ging."

Zwei Jahre lang arbeitet Munch an mehreren Versionen des Gemäldes, um die gemalte Landschaft zum Spiegel seiner Empfindungen zu machen. Damit wird Munch zu einem der Wegbereiter des Expressionismus. Und der "Schrei" zu einem Sinnbild der von Furcht zerrissenen Seele des modernen Menschen.

  • Abbildung: Der Schrei; Edvard Munch, 1893

Wanderer über dem Nebelmeer

Gestützt auf seinen Spazierstock, beobachtet der Wanderer, wie Nebelschwaden unter lichtem Himmel die dunklen Berggipfel zu seinen Füßen umwehen. Sein taillierter Gehrock wirkt zu elegant für die unwirtliche Umgebung, er ist offenbar ein Städter, ein Denker. Was genau er sieht, wissen wir nicht, denn er versperrt uns mit seinem langen, schmalen Rücken die Sicht auf das Bergpanorama.

Caspar David Friedrichs um 1818 entstandenes Gemälde lebt von starken Kontrasten. Dunkel ist die Rückenfigur, hell die Umgebung. Der Mann steht mit beiden Beinen fest auf dem Felsen, doch er hat den Abgrund vor Augen. Er kommt aus der Zivilisation, blickt aber in etwas, das nicht menschengemacht ist: das ewige Licht.

Friedrich ist Romantiker, aber von den lieblichen Landschaften seiner Kollegen will er nichts wissen. Der norddeutsche Protestant möchte die Betrachter mit Widersprüchen herausfordern – und sie so Demut vor dem Göttlichen lehren.

  • Abbildung: Wanderer über dem Nebelmeer; Caspar David Friedrich, um 1818

Nighthawks

Gern wüsste man mehr über diese Menschen: Sind der Mann und die Frau, die sich zu nächtlicher Stunde am Tresen eines Diners anschweigen, ein Paar? Oder haben sie sich gerade erst kennengelernt und schon wieder das Interesse aneinander verloren? Beobachtet der weiß uniformierte Kellner die beiden, oder denkt er nur an seinen Feierabend? Und wer ist der geheimnisvolle dritte Gast, der dem Betrachter seinen Rücken zuwendet?

Mit sparsamen Mitteln entwickelt der US-Künstler Edward Hopper 1942 eine Szene, die aus einem Film der Schwarzen Serie zu stammen scheint. Das harte Neonlicht, die unbelebte Straße vor dem Restaurant, die türlose Glasfront, hinter der die Menschen wie in einem Vivarium zu sitzen scheinen: Diese wenigen Details erzeugen eine intensive Atmosphäre der großstädtischen Einsamkeit und Entfremdung – und machen "Nighthawks" zu einer tausendfach reproduzierten Ikone der amerikanischen realistischen Malerei.

  • Abbildung: Nighthawks; Edward Hopper, 1942

Selbstbildnis im Pelzrock

So hat sich noch nie ein Künstler zu präsentieren gewagt: gerade heraus, ernsthaften Blicks, mit sorgsam gelockten Haaren und fein gezwirbeltem Schnurrbart. In dem berühmtesten seiner vielen Selbstporträts zeigt sich Albrecht Dürer in Frontalansicht, die bis dahin außer einigen Herrschern nur Jesus Christus vorbehalten war. Allerdings trug Christus keinen Marderumhang. Maler und andere Handwerker tun dies um 1500 auch nicht.

Dürer aber ist nicht irgendein Künstler, er ist der Mann, der die italienische Renaissance nach Deutschland geholt hat. 1509 wird der Enddreißiger in den Großen Rat seiner Heimatstadt Nürnberg berufen. Nun darf er den pelzgefütterten Mantel anziehen. Behutsam ertastet seine Rechte auf dem Bild das Haar für Haar gestrichelte Fell. Aus Marderpelz sind auch die Pinsel der Maler.

Dürer huldigt seiner eigenen Zunft. Es ist das Gemälde, das zeigt, wer im frühen 16. Jahrhundert Epoche macht: die Künstler, in Deutschland allen voran der Kosmopolit, Humanist und Menschenbeobachter Albrecht Dürer.

  • Abbildung: Selbstbildnis im Pelzrock; Albrecht Dürer, 1509