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Die Geschichte der Kunst

Das Zeitalter des Dekors Ernüchtert vom grauen Einerlei des industriellen Zeitalters, wollen Künstler eine schönere Welt schaffen

Ab 1890 stellen sich europäische Künstler gegen das Einerlei der Massenprodukte. Für sie soll alles kunstvoll gestaltet sein, ob aufwendiges Gemälde oder simple Teekanne
Ernüchtert vom grauen Einerlei des industriellen Zeitalters, wollen Künstler eine schönere Welt schaffen

Eine Schöne mit Blumenkrone, umgeben von sich pittoresk rankenden Pflanzen: In der typisch ornamentalen Manier des Jugendstils präsentiert der Tscheche ALFONS MUCHA 1896 seine Vorstellung vom "Sommer"

Zwei Kunstrichtungen kommen in dem halben Jahrhundert zwischen 1890 und 1940 auf, die den Alltag der Menschen durch Schönheit verbessern wollen – und deren Epochen beide in apokalyptischen Katastrophen enden: Jugendstil und Art déco. Vor allem die Vertreter des Jugendstils sind beseelt von dem Gedanken, durch schöpferische Raffinesse eine bessere
Welt zu schaffen. Und auch die ihnen nachfolgenden Künstler und Designer des Art déco haben den Anspruch, ihre gesamte Umgebung ästhetisch zu veredeln. Sie alle wollen nicht Ausstellungen für ein ausgesuchtes Publikum bestücken, sondern mit ihren Werken alle Facetten des Lebens durchdringen, auch Alltagsgegenstände neu gestalten und so die Massen erreichen.
 

Diese Abkehr vom akademischen, elitären Kunstbetrieb beginnt um 1890. Viele Künstler haben damals das Gefühl, dass es ihren Beitrag braucht, um den Druck der modernen Gesellschaft abzumildern. Denn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts prägt die zunehmende Industrialisierung weite Teile Europas. Immer mehr Menschen ziehen vom Land in die Städte, um dort in neu errichteten Fabriken im Takt der Maschinen zu arbeiten. Die Bevölkerung von Paris verdoppelt sich binnen weniger Jahrzehnte, in Wien verdreifacht sie sich, und London zählt bereits um 1890 mehr als fünf Millionen Einwohner.

Auf den Straßen fahren die ersten Autos, elektrisches Licht verwischt den Unterschied zwischen Tag und Nacht, überall wird gebaut. Die Metropolen sind laut, überfüllt, dreckig. Und vor allem Mitglieder der gebildeten Schichten fragen sich zunehmend: Wollen wir wirklich so leben?

Aussteiger suchen als Antwort darauf die Verbundenheit mit der Natur, propagieren die Besinnung auf das Ursprüngliche. Manche gärtnern nackt, um ihre Körper wieder zu spüren, andere schließen sich auf dem Land zu Vegetarier-Kolonien zusammen, erfinden den Ausdruckstanz oder unterziehen sich in Sanatorien Luft-, Wasser oder Lichtkuren, die dem  gestressten Stadtmenschen neue Kraft geben sollen.

Auch in der Kunst regt sich Widerstand gegen den modernen Alltag. Der Ärger über das Einerlei der industriellen Massenware verbindet sich mit einem fast missionarischen Eifer, im hochwertigen Kunsthandwerk die Lösung für die drängenden Zivilisationsprobleme zu sehen: Wahrhaft schöpferische Tätigkeiten und einzigartige Kreationen, so der Gedanke, könnten die Großstädter (von denen viele ja nur die ewig gleichen, kleinteiligen Arbeitsschritte ausführten, statt etwas Eigenes zu erschaffen) mit ihrer Existenz versöhnen.

Ausgehend von England, wo die Anhänger der „Arts and Crafts“-Bewegung schon ab etwa 1880 hochwertige, fein verzierte Bücher, Lampen, Bettwäsche oder auch Senftöpfe entwerfen, breitet sich die Lust an einem neuartigen Dekor über den ganzen Kontinent aus. Mit schlanken Linien, floralen Elementen und geometrischen Mustern entwickeln immer mehr Künstler eine anmutige, leichte Formensprache, die sich von den vorherrschenden überladenen Verzierungen des Historismus abhebt.

In Frankreich machen die Vertreter des Art nouveau selbst Metro-Eingänge und Straßenschilder zu Kunstwerken. In Spanien begründen Architekten wie Antoni Gaudí den Modernisme, treiben die Idee, dass jeder Bau dem Formen- und Farbreichtum der Natur nacheifern sollte, auf die Spitze. In Österreich bezeichnen sich die Erneuerer als Secessionisten, als "Abspalter", weil sie sich vom etablierten Kunstbetrieb abwenden. Und in Deutschland gibt die 1896 gegründete Kulturzeitschrift „Jugend“ der Revolution ihren Namen: Jugendstil.

Die Bezeichnungen unterscheiden sich, doch die Bewegung ist weitgehend geeint im Glauben an die heilende Kraft der Schönheit. Ihre Vertreter lieben die weiche, geschwungene Form, inspiriert von der Schöpfung – sich filigran rankende Pflanzen werden für viele bald zum Inbegriff der neuen Ästhetik. Neben dieser spielerischen Strömung aber gibt es auch Jugendstil-Vertreter, die strengere Linien und eine reduziertere Bildsprache bevorzugen. Viele Künstler orientieren sich dabei unter anderem am japanischen Holzschnitt, der für eine klare Ästhetik steht. Und so setzen sie der aus ihrer Sicht deprimierenden Wirklichkeit keine feingliedrige Ornamentik entgegen, sondern stark vereinfachte Figuren mit deutlichen Konturen und flächiger Farbgebung.

Dieser plakative neue Stil, auffällig und sofort erkennbar, verändert auch die in jenen Jahren heranwachsende Werbewirtschaft. Die Aufträge der Kunden sind lukrativ, und so entwerfen immer mehr Jugendstilkünstler Reklameplakate für Autos, Liköre oder Zigaretten. Auf diese Weise erreichen sie die Massen, eines ihrer großen Ziele. Allerdings werden sie so auch Teil jener kommerzialisierten Industriekultur, gegen die viele von ihnen einst angetreten waren. So hat sich der Jugendstil zum Teil schon selbst überlebt, als auch er von der Urkatastrophe
des 20. Jahrhunderts getroffen wird: Im Ersten Weltkrieg zeigt der technische Fortschritt sein zerstörerisches Potenzial; der Waffengang kostet rund 15 Millionen Menschen das Leben, eine neue Dimension des Tötens.

Expressionistische Maler übersetzen das Grauen der Schlachtfelder in verstörende Bilder, nur wenige Künstler interessieren sich noch für die ornamentale Verspieltheit des Jugendstils, auch nach dem Ende des Weltenbrandes nicht, und so ist die Zeit sich pittoresk windender Blumen bald endgültig vorbei. Überhaupt scheint es nicht mehr sonderlich sinnvoll zu sein, sich der modernen Welt weiterhin entgegenzustellen. Zu offensichtlich ist inzwischen der Siegeszug der Industrie. Massenproduktion dominiert fast jede Branche, die Kommerzialisierung der Lebensbereiche schreitet schneller denn je voran.

Und so orientieren sich Künstler und Designer radikal um: War der Jugendstil noch der Versuch der Ästheten, dem Publikum eine auf Kreativität und Handwerk basierende Alternative zur Industriegesellschaft zu bieten, geben sich die Vertreter des nun in Europa und bald auch in den USA aufkommenden Art déco den neuen Umständen begeistert hin. Neben Motiven aus der Natur sowie exotischen Sujets nehmen sich viele Vertreter dieser neuen Kunstrichtung Maschinen zum Vorbild, stellen die Ikonen des Fortschritts in immer neuen Variationen dar – die Eisenbahnen, Autos und Luxusliner. Die Ästhetik der Art-déco-Künstler ist nüchterner als die der Jugendstilmaler, und Kanten ersetzen oft die organisch geschwungenen Linien.

 

 

Doch auch der Art déco will die Welt verschönern. Schon der Name – hergeleitet von einer Pariser Ausstellung mit dem Titel "Exposition internationale des Arts décoratifs et industriel modernes" aus dem Jahr 1925 – sagt es deutlich. Das Ziel ist: Dekoration. Eine besondere Bedeutung haben dabei die Farben, sie sollen der Realität einen neuen Anstrich geben. Etwa die
weichen Pastelltöne der Architektur in Miami Beach, dazu gedacht, den Amerikanern nach dem Börsencrash von 1929 den Optimismus zurückzugeben. Oder die extrem glatten  Farbflächen in den Gemälden der Malerin Tamara de Lempicka, die ihren Frauenfiguren einen fast synthetischen Glanz verleihen. Die Wirklichkeit wird stilisiert, optimiert, ohne die Grenze zum Abstrakten zu überschreiten.

Als Kunstrichtung des kommerzialisierten Zeitalters gerät der Art déco weitaus stärker noch als der Jugendstil in den Sog ökonomischer Interessen: Neben Werbeplakaten und  Reklamebildern aller Art entwerfen die Künstler und Designer des Art déco unter anderem TV-Geräte, Radios und Autos. Die ästhetische Inszenierung bleibt auch hier charakteristisches Merkmal: So kommen neben stromlinienförmigen Sportwagen nun aerodynamisch geformte Bleistiftanspitzer auf den Markt. Derart markant ist die kraftvolle Formensprache des Art déco, dass sich in den 1930er Jahren auch die totalitären Regime in Europa seiner Stilelemente bedienen, sie mitunter für Propagandaplakate oder kolossale Statuen nutzen.

Diese Instrumentalisierung ist der düstere Prolog zur abermaligen Katastrophe: 1939 beginnt NS-Deutschland den Zweiten Weltkrieg, und so wie gut zwei Jahrzehnte zuvor schon ein Waffengang zum Ende des Jugendstils beitrug, markiert auch dieser Flächenbrand nun den Schlusspunkt des Art déco. Zwar zeigen sich seine Spuren noch im amerikanischen  Industriedesign der 1950er Jahre, doch seine Glanzzeit ist vorbei, sein optimistischer Ansatz gilt nun oft als überholt und naiv. Mit seinem Niedergang endet die Kunstepoche des Dekors – jenes halbe Jahrhundert zwischen 1890 und 1940, in dem zwei verschiedene und doch artverwandte Stile die Welt zu verschönern suchten.