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Die Geschichte der Kunst

Portfolio Michelangelo Buonarroti

"Il divino" nennen ihn seine Bewunderer, den Göttlichen. Sein ganzes Leben widmet Michelangelo (1475–1564) der Kunst - und was für einer: Kein Bildhauer oder Maler hat den Menschen je so eindrucksvoll dargestellt, keiner aus Farbe und Stein grandiosere Werke erschaffen als der Meister aus Florenz
Michelangelo Buonarroti

Michelangelo Buonarroti

Diese Statue der trauernden Muttergottes soll seinen Ruhm begründen. "Es wird die schönste Arbeit aus Marmor werden, die Rom je gesehen hat", sichert ein Vertrag dem Auftraggeber Michelangelo Buonarrotis zu. Ein verwegenes Versprechen für einen gerade einmal 23-jährigen Bildhauer - in einer Stadt, die für ihren Reichtum an Skulpturen bekannt ist. Michelangelo, 1475 als Sohn eines verarmten Patriziers aus Florenz geboren, will nie etwas anderes sein als Künstler. Selbst Prügel des Vaters halten den Jungen nicht vom Zeichnen ab: Er ertrotzt sich mit 13 Jahren die Erlaubnis für die wenig standesgemäße Malerausbildung. Schon rund zwei Jahre später wird er Stipendiat in der Skulpturensammlung der Bankiersfamilie Medici, lernt nun auch Bildhauerei. Seine Vorbilder sind die Meister der Antike und die Natur selbst, dafür seziert er, obwohl verboten, Leichen im Krankenhaus. Bald ist er über Florenz hinaus bekannt als Schöpfer lebensnaher Statuen von höchster handwerklicher Perfektion. Und so lässt ihn der französische Botschafter im Vatikan 1497 für St. Peter eine Marmorskulptur der trauernden Maria mit dem Leichnam Jesu anfertigen. Nach rund zwei Jahren hat Michelangelo die "Pietà" vollendet: Da hält eine sehr junge Muttergottes den toten Sohn auf dem Schoß, und nur der wilde Faltenwurf ihres Gewandes drückt den Sturm ihrer Gefühle aus. Und mit einem weisend ausgestreckten Zeigefinger deutet Maria an, dass die Geschichte Jesu in diesem Moment nicht endet, sondern beginnt.

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"Die Erschaffung Adams": Als sei er aus tiefem Schlaf erwacht, blickt der erste Mensch der Erde in das Antlitz Gottes, aus dessen Finger er das Leben empfangen hat (Sixtinische Kapelle, 1508–1512)

Es ist Michelangelos erstes Meisterwerk. Die Statue wirkt bis in die hauchzarten Falten des Umhangs hinein natürlich bewegt und verbindet im Urteil der Zeitgenossen Schönheit und Frömmigkeit auf nie gesehene Weise. Zum ersten Mal übertrifft Michelangelo mit seiner technischen Brillanz sogar die Vorbilder aus der Antike. Zurück in seiner Heimatstadt, übernimmt er einen Auftrag der Dombauhütte, an dem zuvor schon zwei Bildhauer gescheitert sind. Für die Kathedrale von Florenz soll Michelangelo eine monumentale Figur erschaffen: David, den Sieger über den Riesen Goliath aus dem Alten Testament. Michelangelo zeigt den Hirtenjungen kurz vor dem Angriff. Stein und Schleuder hält er fast verborgen. Doch mental hat David den Sieg bereits errungen. Diese kraftvolle, vom Willen durchdrungene Physis wird typisch sein für viele künftige Werke Michelangelos.

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"Tondo Doni" Dieses vermutlich um 1504 entstandene Rundbild zeigt die Heilige Familie in ungewöhnlich bewegter Pose. Die Nackten im Hintergrund verkörpern vielleicht die durch Christus überwundene Zeit des Alten Testaments

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"Nackter in Rückenansicht":

Auch als Zeichner überragt Michelangelo die Künstler seiner Zeit. Seine Figuren sind anatomisch so präzise, dass Konkurrenten 1529 in sein Atelier einbrechen und etliche seiner Zeichnungen stehlen (Skizze für ein Schlachtengemälde, um 1504)

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"Pietà": Hingebungsvoll hält die trauernde Gottesmutter den toten Jesus im Arm. Mit der 1499 vollendeten Skulptur beweist der 24-jährige Künstler seine handwerkliche Könnerschaft: Jeder Muskel, jede Gewandfalte ist makellos und nach der Natur modelliert

Zu grandios ist die rund fünf Meter hohe Statue, um sie in der Kirche zu verstecken. Ein Komitee beschließt 1504, sie als Symbol für die Republik vor dem Florentiner Regierungspalast aufzustellen: die erste frei stehende Kolossalfigur seit den Tagen des antiken Rom. Nun weiß die Kunstwelt, wozu Michelangelo fähig ist. Auch dem Papst fällt der Mann aus Florenz auf. Das Grabmal, das Julius II. bei Michelangelo für sich bestellt, soll mit 40 lebensgroßen Figuren geschmückt werden. Doch dann verliert Julius das Interesse, weigert sich, weiter zu bezahlen. Erst als der Papst dem Künstler den lukrativen Auftrag gibt, die Decke der Sixtinischen Kapelle im Herzen des Vatikan zu dekorieren, legen die beiden ihren Disput bei. Vier Jahre lang, von 1508 bis 1512, arbeitet Michelangelo Buonarroti auf den Gerüsten in der feuchtkalten Kapelle. Stets fürchtet er, dass ihn Mitbewerber im Kampf um die päpstliche Gunst ausstechen, seine Ideen kopieren oder ihn gar aus fast 20 Meter Höhe in die Tiefe stürzen könnten.

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"Sündenfall": Hunderte Figuren malt Michelangelo an die Decke der Sixtinischen Kapelle. Besonders ungewöhnlich stellt er Adam und Eva dar: Bis dahin zeigten Künstler das erste Menschenpaar üblicherweise stehend im Garten Eden. Der Florentiner Meister aber malt Eva im Sitzen, wie sie sich voller Neugierde der Schlange zuwendet, und lässt auch Adam in den Baum der Erkenntnis greifen

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"David": Aus einem rund fünf Meter hohen Marmorblock haut der Florentiner Meister ab 1501 die erste frei stehende Kolossalstatue seit der Antike. Und feiert mit ihr die menschliche Willenskraft: Noch ruht die Schleuder auf Davids Schulter, doch im Geiste hat der Hirtenjunge Goliath bereits niedergestreckt

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"Fassade von San Lorenzo":

Auch als Architekt strebt Michelangelo nach Ruhm. Zu seinen ersten Aufträgen zählt die Neugestaltung der Klosterkirche im Marktviertel von Florenz, für die er um 1517 eine prachtvoll geschmückte Fassade ersinnt

Dann endlich sind die 1000 Quadratmeter der Decke mit farbenprächtigen biblischen und mythologischen Szenen gefüllt. Hunderte Gestalten tummeln sich dort, Figuren voller Sinnlichkeit. Wut und Wonne, Triumph und Trauer - jeder Muskel der gemalten Körper drückt die Wucht menschlicher Gefühle aus. Die Wirkung des Gesamtwerkes ist überwältigend: So kühn, frei und bewegt hat noch keiner gemalt. 1534 ernennt der Papst Michelangelo zum obersten Architekten, Bildhauer und Maler des Vatikan. Der Künstler erschafft das „Jüngste Gericht“ an der Altarwand der Sixtina, entwirft die Basilika Santa Maria degli Angeli, übernimmt die Bauleitung am Petersdom. Er steht auf dem Gipfel des Erfolgs - und lebt doch weiter spartanisch, nimmt nur das Nötigste zu sich, bewohnt ein schäbiges, spärlich möbliertes Haus. Zur Hand geht ihm ein einziger Diener, Freunde hat Italiens zu dieser Zeit wohl berühmtester Künstler kaum. Als Michelangelo Buonarroti am 18. Februar 1564 im Alter von 89 Jahren stirbt, hochgelobt, von vielen verehrt und doch einsam, findet man unter seinem Bett eine Kiste mit 30 Kilogramm Gold.

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"Das Jüngste Gericht": Von Wolken getragen, steigen die Seligen in den Himmel auf; die Sünder aber stürzen taumelnd hinab gen Hölle: Fast 400 Nackte zeigt Michelangelo in seiner kühnen Version des Weltengerichts, das er 1541 an der Altarwand der Sixtina Kapelle vollendet

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