Band 6-8: Naturwissenschaft und Technik

Begriffe, Methoden, Zusammenhänge: Der Chemie-Nobelpreisträger Paul Crutzen beantwortet den GEO-Fragebogen

Zum Erscheinen des GEO Themenlexikons haben wir Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete gebeten, uns einige Fragen zu beantworten: über Bildung, Wissen und die nie endende Suche nach letzten Gewissheiten zwischen A und Z. In diesem Monat hat der Nobelpreisträger Professor Dr. Paul Crutzen unseren Fragebogen ausgefüllt. Er forscht seit mehr als 25 Jahren am Max-Planck- Institut für Chemie in Mainz.

Welches Stichwort mit A hat für Sie als Atmosphärenchemiker eine besondere Bedeutung?

Ein Begriff, der in den meisten Lexika noch gar nicht aufgenommen ist: das Anthropozän. Für mich ist das die treffendste Bezeichnung für ein geologisches Zeitalter, das vor etwa 250 Jahren begonnen hat und in dem die menschlichen Aktivitäten in vielen Fällen zum bestimmenden Faktor für die künftige Entwicklung der Erde geworden sind.

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Von »aalartige Fische« bis »Zylinder«: Im A-Z-Teil der Naturwissenschafts- Bände wird das Wissen der Chemie, Physik und Biologie erschlossen

Zu welchem Thema müsste man für Sie ein Lexikon erfinden?

Ich hätte gern ein Nachschlagewerk mit Ratgeberfunktion: über das, was wir von der Vergangenheit für die Zukunft unbedingt lernen sollten – und wie sich das praktisch umsetzen lässt.

Welcher landläufige Irrtum aus Ihrem Fachgebiet sollte endlich einmal ausgerottet werden?

Dass ich das Ozonloch entdeckt habe! Bitte schreiben Sie: Paul Crutzen hat das Ozonloch nicht entdeckt. Aber er hat zu der Erklärung beigetragen, dass und wie die künstlich hergestellten Fluorchlorkohlenwasserstoffe – die FCKW, die der Mensch in die Atmosphäre entlässt – für den Ozonabbau verantwortlich sind.

Mit welchem Satz können Atmosphärenchemiker bei Abendgesellschaften Eindruck machen?

Mit der Aussage, dass es so viel besser gewesen wäre, wenn die Natur keine fossilen Brennstofflager geschaffen hätte. Dann hätten wir uns nämlich von Anfang an mit der Energie der Sonne, des Windes und des Wassers zufrieden geben müssen. Vielleicht gibt es ja irgendwo im Universum noch solche glücklichen Wesen, die nicht all diese Probleme haben, die uns aus der Verwendung fossiler Brennstoffe erwachsen sind.

Wozu braucht man Experten?

Um die Kenntnisse einiger weniger für viele Menschen begreifbar und zugänglich zu machen.

Wann haben Sie zuletzt länger nach einer ganz bestimmten Information recherchiert? Welche Information war das?

Sie werden es wahrscheinlich nicht glauben, aber ich brauchte unbedingt Angaben zum Stickstoffgehalt landwirtschaftlich genutzter Pflanzen und Pflanzenteile. Das war gar nicht so einfach zu ermitteln.

Welchen Lexikoneintrag würden Sie gern selbst schreiben?

Eigentlich überhaupt keinen. Ich habe nicht die Geduld dazu – aber wenn es denn sein müsste, dann einen Artikel über das Ozon aus der historischen Perspektive: Wann es entdeckt wurde, welche Eigenschaften es hat, und welche Verbindungen zwischen Mensch und Ozon bestehen.

Welchem allzu unbekannten „Helden“ würden Sie einen festen Eintrag im Lexikon wünschen?

Den Stickoxiden – also der Verbindung von Stickstoff und Sauerstoff. Denn sie haben eine große Bedeutung für die Chemie des Ozons im Besonderen und für die Atmosphärenchemie im Allgemeinen.

Welches Gesetz, welchen Zusammenhang sollte jeder kennen?

Etwas, das alle Menschen angeht: unsere Verbindung mit der Natur. Ich meine damit sowohl den Einfluss, den das menschliche Handeln auf die Umwelt hat, als auch die Abhängigkeit des Menschen und der Qualität des menschlichen Lebens von der Natur – und von ihren Veränderungsprozessen.

Was haben Bilder mit Bildung zu tun?

Sehr viel. Die Wörter klingen fast gleich, sie haben ja auch denselben Ursprung. Bilder können den Sinn einer Information oft viel klarer machen als Buchstaben, damit also bildend wirken. Auch in der Chemie arbeiten wir ja meist mit Bildern: wenn wir die Bindungen von Atomen in Molekülen und

Wozu braucht man in Zeiten des Internet überhaupt noch ein Lexikon?

Um die Augen zu schonen. Bildschirme sind für die Augen auf die Dauer einfach viel zu anstrengend – vor allem, wenn man nicht mehr so jung ist. Außerdem versteckt sich in einem Lexikon ein erklärendes Bild oder eine Grafik nicht hinter einem Link – sondern spätestens nach dem Umblättern auf der nächsten Seite.

Gibt es ein Wort mit Z, mit dem Sie sich immer wieder befassen müssen?

oZon natürlich.