Der Tod eines Nomaden

Für das GEO Magazin und GEOkompakt recherchierte Michael Stührenberg in der Südsahara - und freundete sich mit dem Nomaden Kalakoa an. Der wurde, wie Stührenberg nun erfuhr, von nigerianischen Soldaten bestialisch ermordet

Manchmal könnten Reporter ruhiger schlafen, wenn sie nicht wüssten, wie es um jene bestellt ist, über die sie einst berichteten. Und in den meisten Fällen wissen sie es ja auch nicht, können sie es nicht wissen. Der GEO-Reporter Michael Stührenberg allerdings bleibt seinen Themen oft über Jahre treu; und damit auch den Menschen, die er bei seinen Recherchen trifft. Mitunter werden Freundschaften daraus. Eine solche Freundschaft hatte Stührenberg zu Kalakoa, einem Tuareg-Nomaden vom Volk der Kel Tedele (wörtlich: Jene vom Rande), von dessen tragischem Tod er im Juni erfahren musste. Kalakoa, 67 Jahre alt geworden, wurde im Wadi Tiouilmas, einem Trockenbett im Aïr-Gebirge, von nigrischen Regierungstruppen ermordet

Zeitlich war es ein seltsamer Zusammenfall. Seit Wochen arbeitete Stührenberg an einem Artikel für die demnächst erscheinende Ausgabe von GEOkompakt zum Thema Wüste. Mit seinem Porträt Kalakoas wollte er die Überlebensstrategien der Nomaden in der Südsahara erklären. Der Reporter kannte den Nomaden, dessen ganze Habseligkeiten an zwei Stöcken im Sand aufzuhängen waren, seit 15 Jahren und hatte ihn bereits in seiner Sahara-Triologie (GEO 3-5/2002) beschrieben.

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Kalakoa mit seinen Söhnen

Eine lebende Legende

Aber es war nicht nur Freundschaft, die Stührenberg mehrmals zu Kalakoa zurückkehren ließ. Vielmehr galt dieser Mann selbst unter Seinesgleichen als Legende. Selbst während der schrecklichen Saheldürre von 1984/85 hatte es Kalakoa geschafft, seine Herde zu retten, indem er sie auf einem 40-tägigen Gewaltmarsch 600 Kilometer weit nach Norden, bis zu einer algerischen Oase, getrieben hatte. Und im Winter 2005 hatte er auf eine fast unglaubliche Art und Weise einen Jagdunfall im Aïr-Gebirge überlebt. Mit zerschossenem Fuß hatte er fünf Tage gebraucht, um aus der Einsamkeit der Wüste ins nächste Krankenhaus zu gelangen. Den Fuß hatte er nicht mehr retten können, sein Leben schon.

Seither trug Kalakoa eine Prothese. Als Stührenberg ihn zum letzten Mal traf, im März 2007 in Kalakoas Heimat-Wadi Tiouilmas, war sein Freund schon wieder in der Lage, ganz ohne Hilfe zu gehen. Nur um sich vom Boden zu erheben, benötigte er noch eine Krücke.

Am Abend des Tages, an dem Stührenberg seinen fertigen Text über den Überlebenskünstler Kalakoa an die GEO-Redaktion geschickt hatte, erhielt er einen Anruf aus dem Niger. Schlechte Nachrichten. Kalakoa, so teilte der Anrufer mit, werde "vermisst". Nein, er habe sich weder in der Wüste noch in den Bergen verirrt. Vielmehr habe er seine Herde zum Brunnen im Wadi geführt. Nur hätten sich zur selben Zeit Regierungssoldaten in der Gegend befunden.

Die Nachricht klang umso beunruhigender, als es seit einigen Monaten zu Unruhen im Norden des Niger gekommen war. Dabei hatten Tuareg-Rebellen einen Armeeposten in der Oase Iférouane angegriffen und mehrere Militärs getötet. Die Regierung hatte daraufhin ihre kürzlich von US-Marines ausgebildeten Elitetruppen aus dem Süden des Landes zur Bekämpfung der Rebellen ins Air-Gebirge geschickt.

Gefoltert und in Stücke gehackt

Stührenberg brauchte mehrere Tage, um sich Gewissheit über das Los Kalakoas zu verschaffen. Wie sich schließlich herausstellte, waren sein Freund und zwei weitere Nomaden (ein Blinder und ein 80-jähriger Greis) von den Soldaten zwei Tage lang gefoltert und dann in Stücke zerhackt worden. Aus Regierungskreisen in der Hauptstadt Niamey verlautete, die Betroffenen seien "Kollaborateure" der Rebellen gewesen und hätten in deren Auftrag Minen gelegt.

Die Truppe blieb weiter am Brunnen und ernährte sich von den Herden der drei ermordeten Nomaden. Ende Juni wurde sie in einem Vergeltungsschlag von Rebellen angegriffen und völlig aufgetrieben: 14 Tote und 43 Verletzte wurden dem Internationalen Roten Kreuz übergeben.

Kalakoa, der Nomade von "Jenen am Rande", der schon als Zwölfjähriger auf 1000-Kilometer-Reisen mit Karawanen ging, der 15 Meter tiefe Brunnen mit wenig mehr als seinen blanken Händen ausgraben konnte, der mit seiner Frau neun Kinder in der Wüste aufzog, hat eine Jahrhundertdürre überstanden und einen Jagdunfall, den wohl nur wenige andere überlebt hätten. Machtlos war er am Ende nur gegen den Wahnsinn der Menschen.

Die Regierung in Niamey hat kein Interesse daran, dass der Mord an Kalakoa öffentlich wird. Zumindest dies, hat Stührenberg seinen Gewährsleuten im Niger versprochen, werde misslingen.