"Fotografieren ist für mich ein heiliges Verfahren"

Serge Cohen fotografierte für GEO Menschen, die sich gegen Gewalt einsetzen. Für die Porträts reiste er nach Kolumbien, in die USA, nach Liberia, Mosambik und Deutschland. In jedem Land machte er nur ein Bild

Serge Cohen, Sie haben für GEO Menschen fotografiert, die gegen Gewalt streiten, und die über die Grenzen ihres Landes hinaus bekannt geworden sind. Für diese Porträts reisten Sie nach Kolumbien, in die USA, nach Liberia, Mosambik und Deutschland. In jedem Land mussten Sie nur ein Bild machen. Wie haben Sie Ihre Reise organisiert?

Serge Cohen: Es war nicht möglich, all die Orte in einer Rundtour anzusteuern, ich musste also immer wieder neu von meinem Wohnort Paris aus starten. Die Flüge und die Termine wurden von der GEO-Bildredaktion koordiniert, während ich mich auf das jeweilige Land und vor allem die Menschen vorbereitete, die ich fotografieren sollte.

Leider begann gleich meine erste Reise mit einem Desaster. Ich war via New York auf dem Weg nach Kolumbien. Als ich mit meinem Assistenten Pascal in New York landete, stellte sich heraus, dass mein Pass, der blitzneu war, von den US-Behörden nicht akzeptiert wurde. Weil mein Passfoto keine biometrischen Gesichtsmerkmale zeigte. So schickte man mich wieder nach Hause.

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Mosambik: Serge Cohen mit Führer und Übersetzer

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Serge Cohen beim Fotografieren: Antikriegs-Kunst aus Kalaschnikows - das Team "Núcleo de Arte" (siehe GEO 08/2007 Seite 32/33 )

Ich war erschüttert. Obwohl ich früher viel für das FAZ-Magazin gereist bin und ja auch schon für GEO häufig unterwegs war, war dieser GEO-Auftrag etwas Besonderes für mich, weil er mich aus Europa herausführte, meinem Hauptarbeitsfeld vergangener Jahre. Und dann gab es schon bei der ersten Reise dieses Problem. Wir mussten alles wieder absagen und einen neuen Flug buchen.

Ich hatte mich natürlich beim französischen Konsulat über die Einreise nach Kolumbien erkundigt, und dort hieß es "Fahren sie auf gar keinen Fall". Die Warnung bezog sich auf die vielen Entführungsfälle in Kolumbien. Ich sah also das Scheitern meiner ersten Reise auch als ein Zeichen.

Dann fuhren Sie zunächst nach Israel?

Serge Cohen: Ja, Israel ist für mich kein unbekanntes Land, aber ich war lange nicht mehr dort gewesen. Ich war erschüttert, die Mauer zu sehen, die dort mittlerweile zwischen Israel und den Palästinensergebieten erreichtet worden ist. Da ich zwei Männer porträtieren sollte, die ein ähnliches Schicksal teilen, der eine Israeli, der andere Palästinenser, fand ich die Mauer den richtigen Schauplatz für mein Bild. Sie steht in einer Art Niemandsland mit unglücklichen Menschen. Wir sind lange herumgefahren, um einen geeigneten Ort zu finden, dann sahen wir eine Lücke in der Mauer - und das war der Platz für das Bild. Beide Männer waren nett zu mir, aber dass sie unter großer Anspannung standen, war ihnen anzumerken. So musste alles sehr schnell gehen.

Wie viel Zeit haben Sie normalerweise für ein Porträtfoto zur Verfügung?

Serge Cohen: Das ist ganz unterschiedlich. Der Theaterautor und Regisseur George Tabori sagte mir einmal, er gebe mir fünf Minuten, und dann verbrachte ich eine ganze Woche mit ihm.

Aber bei diesem GEO-Auftrag ging es ja nicht um klassische Porträts, die Bilder sollten auch die besondere Situation der Dargestellten widerspiegeln. Ich musste mir also für jede Person eine Szene oder eine Örtlichkeit einfallen lassen, um die Bedeutung ihres Tuns zu visualisieren.

Die Suche danach dreht sich schon vorher wochenlang in meinem Kopf herum, wie ein Puzzle. Ich denke Tag und Nacht darüber nach. Wenn ich dann mein erstes Bild gemacht habe, baue ich den Rest darauf auf. Zuerst fotografierte ich den deutschen Friedensvermittler Rüdiger Wolfrum. Ich konnte nur ein sehr enges Porträt machen. Denn er arbeitet in einem ganz normalen Büro. Die Bibliothek an seiner Universität wurde gerade umgeräumt. Die Studenten trugen die Bücher hin und her, und da kam mir die Idee, ihn zwischen seine Bücher quasi einzuzwängen.

Als ich dann, schließlich doch nach Kolumbien gekommen, die Friedensaktivistin Yolanda Becerra Vega kennen lernte, dachte ich gleich an eine Heilige, eine Madonna. Sie war reizend zu mir, verstand aber gar nicht, was ich wollte. Sie hatte so große Probleme und ganz andere Sorgen, sie hatte gar keine Lust, für mich zu posieren. Sie lebt in einem bewachten Haus und fährt nur mit zwei Bodyguards in einem gepanzerten Auto. Die Idee, von ihr ein Bild mit Kerzen zu machen, kam mir erst, als sie mir eine Broschüre zeigte, in der ihre Aktionen beschrieben sind. Ihre Demonstrationszüge, bei denen Kerzen durch die Straßen getragen werden. Es hat etwas Sakrales.

Manchmal sage ich den Menschen, die ich porträtiere: "Wenn Du gestorben sein wirst und ich auch, dann wird noch dieses Bild auf der Welt zurückbleiben." Fotografieren ist für mich ein heiliges Verfahren.

Kolumbien ist gefährlich, aber Sie haben es geschafft, unbeschadet zurückzukommen. Gab es weitere schwierige Situationen während dieses Fotoauftrages?

Serge Cohen: Zumindest solche, die mich nervös machten. Eine davon in Liberia. Ich hatte ein Porträt der Uno-Polizistin Seema Dhundia gemacht, mit einem kleinen Kind an ihrer Seite, verfolgte aber noch eine zweite Motividee. Auf dem Weg vom Flughafen hatte ich Plakate gesehen, auf denen Verhaltensregeln dargestellt waren. Zum Beispiel, dass man eine Frau nicht mit Stöcken erschlagen oder vergewaltigen dürfe. Das ließ auf eine grauenhafte Situation in diesem Land schließen. Ich wollte die Polizistin vor einem dieser Plakate fotografieren, mit ihren vier bewaffneten Beschützerinnen, die immer mit ihr gingen. Sie war einverstanden. Aber ich konnte die Plakate nicht mehr finden. Auf einer unserer Suchfahrten platzte ein Reifen. Es war ein lauter Knall, wie ein Schuss; in Deutschland oder Frankreich hätte mich das nicht weiter aufgeregt. Hier aber versetzte es mich einen Moment lang in Panik.