In einem Grenzraum der Erde

Zu der Gedächtnis-Expedition nach Franz-Josef-Land auf den Spuren eines österreichisch-ungarischen Nordpolarvorstoßes im Jahre 1873, über die GEO in Nr. 2/2007 berichtet hat, ist soeben bei Frederking & Thaler ein Fotoband erschienen - Anlass für ein Interview mit dem Expeditionsleiter und Autor des Buches, Dr. Christoph Höbenreich

GEO: Herr Höbenreich, für ein Abenteuer wie das von Ihnen und Ihren Begleitern Robert Mühlthaler, Victor Bojarski und Nikita Owsiankow erlebte, ist gute Vorbereitung entscheidend. Was waren die Besonderheiten dabei?

Christoph Höbenreich: Körperlich mussten wir uns vor allem auf das Ziehen der Schlitten vorbereiten. Jeder von uns sollte 90 Kilo in seiner Skispur nachschleppen. Das haben wir trainiert, indem wir Reifen hinter uns hergezogen haben, die wir dann nach und nach immer stärker mit Steinen beschwerten.

Ihr Ziel war es, die Route des österreichischen Entdeckers Julius Payer per Ski nachzulaufen. Was inspiriert einen Menschen dazu, diese Strapaze auf sich zu nehmen?

Es fing 1993 an, als ich als Bergführer mit einem ORF-Team erstmals auf Franz-Josef-Land war. Einmal stieg ich in der Mitternachtssonne auf einen Berg. Ich hatte einen fantastischen Blick über die Sunde, die Inseln und die Gletscherflächen. Ich stellte mir vor, wie Julius Payer 1873 dort durchgezogen war. Und ich verspürte den brennenden Wunsch, es ihm nachzutun.

Auch bei jenem Film ging es bereits darum, sich auf die Spuren von Payer und dem Schiffskommandanten Karl Weyprecht zu begeben.

Ja, aber Payers Land-Expedition wurde nicht wirklich nachvollzogen. So entstand mein Traum, dies nunmehr zu tun, um empfinden zu können, was Julius Payer damals wohl erlebt hat. Welchen Schwierigkeiten begegnete er vermutlich? Waren seine Berichte authentisch oder gibt es Indizien, sie für übertrieben zu halten? Dies 130 Jahre später noch einmal zu überprüfen, war die große Herausforderung.

Kann man denn die Situation damals mit der heutigen überhaupt vergleichen?

Heute hat man natürlich ganz andere Bedingungen. Allein durch die immensen Fortschritte in der Kommunikations- und Navigationstechnik. Die Natur allerdings ist dieselbe geblieben. Die Hindernisse, welche sie Payer in den Weg gestellt hatte, hat sie auch uns auf unserer 250 Kilometer langen Tour entgegengestellt. Das hat meine Bewunderung für Julius Payers Leistung nur noch gesteigert.

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Dr. Christoph Höbenreich, Leiter der Gedächtnis-Expedition auf den Spuren des österreichisch-ungarischen Nordpolarvorstoßes von 1873

Expedition durchs Franz-Josef-Land
Expedition durchs Franz-Josef-Land
Mehr als 130 Jahre nach der österreichisch-ungarischen Expedition durchquerte Christoph Höbenreich die Inselgruppe im Nordpolarmeer auf den Spuren seiner Vorgänger: 250 Kilometer über sturmgefräste Eiswälle und zerklüftete Gletscher. Auch als Audio-Datei

Was waren für Sie die prägendsten Eindrücke auf dieser Reise?

Das Gefühl der Abgeschiedenheit in einem Grenzraum der Erde. Als Team - vier Menschen, ein Hund - absolut auf sich allein gestellt zu sein. Zu wissen: Wir sind auf diesem Archipel aus 191 Inseln die einzigen Menschen, wenn man von einer kleinen Grenzschutzbesatzung im Westen von Franz-Josef-Land absieht, die aber praktisch nur in ihren Militärhütten sitzt.

Das Zweite war die fantastische Ruhe, die Stille und Reinheit Franz-Josef-Lands. Im späten Winter ist es großflächig verschneit und vereist. Es dominierten die Farben Weiß und Blau, und bei Windstille hörte man kaum etwas, vielleicht mal das Knacken eines Eisberges oder einen Vogel, der sich verirrt hat. Ja, das ist ergreifend.

Geht es in Ihrem Buch vor allem darum, dieses Abenteuer nachzuerzählen?

Es geht um dreierlei. Einerseits will ich natürlich unsere Erlebnisse zeigen und schildern. Aber ich möchte auch die historische Expedition noch einmal in Erinnerung rufen. Und drittens soll Franz-Josef-Land auch als Forschungs- und als Naturraum bekannter werden. Gerade deswegen, weil Russland dort nun keine Landexpeditionen mehr zulässt.

Was macht denn gerade diesen Naturraum für Expeditionen so interessant?

Franz-Josef-Land liegt genau am Übergang zwischen den gemäßigten Breiten und der Arktis. Dort können also interessante Klimaverhältnisse und -veränderungen untersucht werden.

Wie stark schätzen Sie die Bedrohung für das Ökosystem auf den Inseln durch den Klimawandel ein?

Das ist nicht mehr nur Bedrohung, es ist auch schon Realität: Die Meere, also die Sunde zwischen den Inseln, frieren immer später zu und tauen viel früher im Jahr wieder auf. Es wird zu einer Verschiebung der Artensysteme in der Flora kommen, bestimmte Spezies werden in die Höhe auszuweichen versuchen, es werden sich vielleicht neue Pflanzen und Tiere ansiedeln können. Ganz ähnliche Phänomene, wie man sie auch in den Alpen sehen kann.

Der Klimawandel wird Ziele in der Arktis auch leichter erreichbar machen. Mit welchen Folgen?

In der Tat schrumpft das Meereis schon heute. Vielleicht wird es bereits in wenigen Jahrzehnten möglich sein, das Eismeer mit konventionellen Schiffen zu befahren. Mit dem zunehmenden Schiffsverkehr und der zunehmenden Suche nach Erdöl, Erdgas und anderen Bodenschätzen in der Arktis wird dort sicher auch die Umweltverschmutzung zunehmen. Möglicherweise wird auch Franz-Josef-Land davon betroffen sein, und eines meiner Anliegen - oder wohl mehr meine Vision - ist es, Franz-Josef-Land in das Weltnaturerbe aufzunehmen und somit besser vor wirtschaftlicher Nutzung zu schützen.

Was sind Ihre Pläne für die Zukunft? Haben Sie neue Expeditions-Projekte?

Eigentlich ist es ja so, dass man Expeditionsideen hüten muss wie einen kleinen Schatz, damit sie einem nicht jemand wegschnappt. Aber mich drängt es derzeit noch gar nicht wieder in die Ferne. Wenn eines Tages doch, dann wird es wohl in die Antarktis gehen; dort gibt es große Gebirge und Gletscherlandschaften, die noch unbestiegen sind.

Interview: Hasko Brahms

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Das Buch von Christoph Höbenreich, "Expedition Franz Josef Land, In der Spur der Entdecker nach Norden" ist bei Frederking & Thaler erschienen, hat 192 Seiten, circa 100 Farbfotos und kostet 38,50 € [D], 39,60 € [A] bzw. 64,00 sfr [CH].