"Hier fühlt man sich willkommen"

GEO.de sprach mit Michael Stührenberg über das neue GEO Special "Vietnam, Laos, Kambodscha"

GEO.de: Herr Stührenberg, Sie haben sich dafür entschieden, ein GEO Special über Vietnam, Laos und Kambodscha zu produzieren. Was verbindet diese Länder?

Michael Stührenberg: Mindestens dreierlei: Geografisch sind Vietnam, Kambodscha und Laos durch den Mekongfluss verbunden, historisch durch eine gemeinsame Geschichte - und zudem durch eine Lebensart, die auf dem Buddhismus beruht. Als oberste Tugenden gelten Freundlichkeit, Toleranz und Achtung vor dem anderen. Klarer gesagt: Die Menschen in Vietnam - und stärker noch in Kambodscha und Laos - beherrschen einen fast rekordverdächtig entspannten Umgang mit Stress und Hast. All das hat zur Folge, dass sich Besucher in diesen Ländern sehr willkommen fühlen.

Weshalb behandeln Sie diese Länder gerade jetzt?

Weil sich ganz Indochina in den vergangenen Jahren politisch und wirtschaftlich geöffnet hat und nun dem Modell Chinas folgt. Das heißt: Die Länder setzen auf Marktwirtschaft und sind in der Praxis längst keine sozialistischen Länder mehr, eher schon übertrieben "kapitalistisch" in vielen Bereichen. So sind sie schnell zu gefragten Reisezielen geworden. Zu Recht, denn Kambodscha und Laos haben wirklich einmalige kulturelle Attraktionen, wie die Tempelanlagen von Angkor und die alte Königsstadt Luang Prabang. Während Vietnam, das über rund 3000 Kilometer Küste verfügt, sowohl mit herrlichen Stränden lockt als auch mit ganz außergewöhnlichen Landschaften, allen voran die berühmte Halong-Bucht im Nordosten des Landes.

Einer Ihrer Autoren hat einige Tage im Kloster verbracht und dabei erfahren, dass Ovomaltine das Lieblingsgetränk der Mönche ist - weil die Verpackung so schön orangefarben ist.

Ja, das mag sich vielleicht anhören wie ein Witz, aber es ist bezeichnend für das Leben in einem laotischen Kloster. Die Reportage von Stefan Schomann zeigt, dass unsere Vorstellung von einem buddhistischen Kloster nicht der Wirklichkeit entspricht. Klar, es gibt da Gebete, Gesänge, Meditation. Doch wenn man die jungen Novizen fragt, was sie ins Kloster geführt hat, so hat die Antwort nur in den seltensten Fällen mit Spiritualität zu tun. Sie legen auch keine lebenslangen Gelübde ab; vielmehr ist ihre Zeit bei den Mönchen vergleichbar mit der Militärzeit oder einem Jahr bei den Pfadfindern. Nachmittags gehen sie in die Stadt, ins Internetcafe - ein Alltag, der profan und fast banal ist. Und der sie zu begehrten Ehemännern und Schwiegersöhnen macht, weil sie sich nach ihrer Zeit im Kloster im buddhistischen Sinne gut zu benehmen wissen.

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Michael Stührenberg, Redakteur der neuen GEO-Special-Ausgabe "Vietnam, Laos, Kambodscha", über die Freude an der Freundlichkeit und ein Lieblingsgetränk der Mönche

In Kambodscha dagegen haben sich die Menschen auf einer alten Eisenbahnstrecke ein privates Nahverkehrssystem aufgebaut. Wie funktioniert das? Ich weiß, es hört sich unglaublich an, ist aber wahr: In Kambodscha gibt es nur eine einzige Eisenbahnstrecke, ein Erbe aus der französischen Kolonialzeit. Unter der schrecklichen Herrschaft der Roten Khmer versanken die Schienen im Dschungel. Als der Spuk vorüber war, wussten die Menschen auf dem Land, dass ihr Staat zu arm war, um sich neue Züge zu leisten. Also bauten sie selbst welche. Dabei ist "Zug" gewiss ein viel zu großes Wort, denn diese Gefährte bestehen aus nichts weiter als Bambus, Holz und vier Panzerrädern, angetrieben von einem zerbeutelten Dieselmotor. Der vielleicht einfachste Zug der Welt, zusammengehalten nur von Keilriemen und dem Gewicht der Passagiere. Er fährt bis zu 40 km/h und ist die einzige Verbindung der Bauern mit der Stadt Battambang. "Not macht erfinderisch" - für dieses Sprichwort gibt es kaum ein schöneres Beispiel.

Außer vielleicht KOTO. Erklären Sie doch bitte, wofür diese Abkürzung steht. Sie steht für "Know one, teach one": Lerne jemanden kennen und bringe ihm etwas bei. Was wohl einer weiteren Erklärung bedarf. Also: In Vietnams Hauptstadt Hanoi habe ich Jimmy Pham getroffen, den Gründer einer Schule für Straßenkinder. Er ist gegen Ende des Vietnamkriegs als kleines Kind mit seiner Familie nach Australien geflohen und kam erst mit 21 Jahren in seine alte Heimat zurück - als australischer Tourist. Eines Abends sprach er vier schmutzige Straßenkinder an und fragte sie, wo sie sich waschen. "In der Gosse", war die Antwort. Diese Worte gaben dem Leben von Jimmy Pham eine völlig neue Richtung. Fortan ging es ihm nur noch um die Rettung von Straßenkindern, indem er ihre Talente fördert und ihnen eine berufliche Qualifikation verschafft. In der KOTO-Schule werden die Jugendlichen entweder zu Köchen oder zu Bedienungspersonal ausgebildet. Mindestens ein Dutzend von ihnen arbeitet heute in den Edelpalästen, wie dem Hilton in Hanoi. Es ist eine rührende Erfolgsgeschichte, ein modernes Märchen.

Sie sind für all diese Geschichten kurz vor Neujahr in Vietnam gewesen... ...und ich habe die Straße vor lauter Bäumen nicht mehr gesehen. Der vietnamesische Neujahrsbrauch schreibt vor, dass sich jede Familie einen Pfirsich- oder Mandarinenbaum mit Früchten besorgen muss. Und da in Hanoi Hunderttausende von Mopeds fahren und sich alle Fahrer ihre grünen Glücksbringer hintendrauf schnallen, sind in dem Verkehrschaos nur noch Bäume unterwegs. Beim Überqueren breiter Straßen hatte ich jedes Mal das beängstigende Gefühl, da käme ein ganzer Wald auf mich zu.