Das Schaf im Wolfspelz

Der Düsseldorfer Bildkünstler Thomas Herbrich hat für das neue GEO WISSEN "Das Geheimnis der Sprache" das Thema Kommunikation in Szene gesetzt. Hier beschreibt er, wie ungemein aufwendig eines der Motive entstanden ist

Die zwischen der Redaktion und mir abgesprochenen Szenen sollten eine humoristische Note haben, da sie zu einem glossierenden Beitrag gestellt werden sollten. Ich schlug vor, keine realen Situationen zu zeigen, sondern symbolisch Tiere. Mir fiel spontan die Situation eines Trainers ein, der lahme Verkäufer zu aggressiven Verkäufern umschulen sollte. Die sozusagen den "Wolf im Schafspelz" in sich wecken sollen.

858eb916e30c5f2445564a53c88c3bee

Der fertige Hörsaal: Boden und Decke stammen aus Herbrichs Archiv

4247d7a53fa251b81d1a1154f6ebaf5b

Das brachte mich auf dieses Layout: Eine Lehrstunde in einem alten Hörsaal. Ein Wolf und ein Schaf stehen vor einem Auditorium voller Schafe. Und alle Schafe wollen lernen, ein Wolf zu sein. Was natürlich nicht klappt.

Der alte Hörsaal in Halle wäre ein sehr guter Ort für das Foto gewesen. Es gibt ihn aber nicht mehr. Deshalb haben wir ihn nachgebaut. Dazu verwendeten wir als Sitzbänke einfache Deckenplatten mit Holzstruktur, wie man sie für wenig Geld im Baumarkt bekommt. Sie wurden im Studio in einem Viertelkreis aufgebaut, fotografiert und dann gespiegelt.

Die Schafe waren nicht ganz einfach zu bekommen. Es gibt zwar sehr viele Arten von Schafen, aber dieses Bild brauchte prototypische Schafe - gerade so, wie ein Kind Schafe malen würde. Unsere sind so genannte "Milchschafe", sie sind sehr hell und haben - anders als die meisten Schafe - auch helle Gesichter. Wir fanden sie in der westfälischen Stadt Ahlen bei dem sehr freundlichen Schafzüchter-Ehepaar Brüggemann. Für uns wurden eigens fünfzehn schöne Schafe auf einer besonderen Weide gehalten, die keine Schlammflächen hatte, so dass die Schafe sauber blieben. Die Aufnahmen machten wir dann in der über 100 Jahre alten Scheune des Hofes.

4f741356b028cc16cdd5e213e49f7667

Bauer Brüggemann und Herbrichs Bruder Markus

Die Schafe im Hintergrund mussten "sitzend" fotografiert werden. Wir haben sie auf eine fahrbare Plattform gebracht, damit wir sie, passend zur Höhe ihrer Sitzreihe, in der richtigen Höhe zur Kamera hatten. Aus den vielen Einzelbildern setzten wir später den vollen Hörsaal zusammen. Das stehende Schaf im Vordergrund war sehr viel schwieriger zu fotografieren. Bauer Brüggemann hatte sich gedacht, er könnte das Schaf an den Vorderhufen halten, damit wir ein "stehendes Schaf" bekommen. Doch dazu sind die Hinterhufe eines Schafes zu schwach, es kann sich nur wenige Sekunden halten. Wir lösten das Problem, in dem mein Assistent und Bauer Brüggemann das Schaf von hinten anhoben, so dass das Gewicht des Körpers nicht mehr auf den Hinterhufen lag.

7e0f2a334f6438a2f19125b79aab27ce

Statt eines Wolfs, der partout nicht auf den Hinterbeinen stehen wollte, nahm Herbrich einen Schäferhund

3dcb949278e4e64f2e89ebf5c2272a8a

Der fertige Hintergrund - auch ein hübsches Bild

Noch viel schwieriger war es, den Wolf zu fotografieren! Man kann sich kaum vorstellen, wie scheu und undressierbar ein Wolf ist, wo doch sein Verwandter, der Schäferhund, sehr leicht zu dressieren ist. Um den Gegensatz zwischen dem hellen Schaf und dem Wolf noch zu betonen, hätten wir für unser Bild gerne einen Timberwolf gehabt, denn die sind besonders dunkel. Im Kalletal im lippischen Bergland fanden wir dann einen Wolf, der für uns "dressiert" werden sollte. Für das Foto sollte er von seinem Besitzer an den Vorderpfoten gehalten werden. Es klappte aber leider nicht. Schließlich musste ich einen Kompromiss eingehen: Ich montierte den Kopf eines Wolfes, den ich im Zoo fotografiert hatte, auf den Körper eines dunklen Schäferhundes.

Zum Schluss sollte noch das Schaf als eine Art "missglückter Wolf-Adept" dargestellt werden: mit einer lächerlichen Wolfsmaske und einem Wolfsschwanz aus Pappe. Durch die hochgezogenen Mundwinkel auf der Maske sieht das Ganze besonders albern aus. Der Wolf bekam per Bildbearbeitung noch ein offenes Maul und wurde an ein Pult gestellt, das aus demselben Material wie der Hörsaal gebaut ist.

f784bcd5fa52de815ab2189acb40c3e4

edb069d43b6b06069eefae08b28521fa

Das neue GEO WISSEN "Das Geheimnis der Sprache" ist am 15. Oktober erschienen. Das Heft hat 172 Seiten und kostet 8,50 Euro.