Wie ein Eisberg zum Forschungslabor wird

Im November 2004 bricht das deutsche Forschungsschiff "Polarstern" von Kapstadt zu einem einmaligen Experiment auf: Mit 57 Forschern und 43 Crewmitgliedern dockt sie an einer riesigen Eisscholle im Weddellmeer an und macht diese mehrere Wochen lang zum Freiluftlabor. Eine von GEO unterstützte Ausstellung dokumentiert nun das Abenteuer und die Forschungsergebnisse

"Das Eis lehrt Demut. Ein Rütteln geht durch den Maschinenstand unter dem F-Deck, ein stählerner Schüttelfrost. Die Polarstern steckt fest. Die Vibrationen der Maschine können nicht mehr über die Rumpf-Außenhaut ans Meer abgegeben werden; der Eispress wirft sie als krampfiges Rütteln auf alle tragenden Teile des Schiffes zurück." So hat Autor Claus-Peter Lieckfeld in GEO (9/2005) die Ankunft im Weddellmeer beschrieben. Erst nach zwei Stunden und nur dank der unbändigen Kraft der 20.000 PS-starken Schiffsturbinen kann sich die Polarstern, das Forschungsschiff des renommierten Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung, wieder befreien und eine für die Forschungen geeignete Scholle ansteuern.

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Und täglich grüßen Pinguine: Das deutsche Forschungsschiff

"Polarstern" dockte an einer Eisscholle im Weddellmeer an

"Die Gefahr", so Lieckfeld, "zerquetscht zu werden – der Horror, den die alten Polarfahrer in ihren Holzschiffchen vielfach vor Augen hatten –, hat nicht bestanden. Die Polarstern kann im Extremfall neun Tonnen Druck auf einer Fläche von zehn mal zehn Zentimetern aushalten, ohne dass Spanten krachen oder Stahl birst. Die Ankunft am Arbeitsplatz, nach rund zwanzigtägiger Anreise durch subpolare raue See und durch voluminöse Eisbarrieren, kommt ein wenig wie ein verzögertes Hurra: Drei oder vier als Forschungsfeld zum Festmachen anvisierte Schollen fallen, nach entsprechender Inspektion durch die mobile Hubschrauber-Voraustruppe, glatt durch. Das Radarbild der schließlich ausgewählten Eisplatte wirkt ein wenig wie ein grün eingefärbtes Foto der Mondoberfläche. Es zeigt hinreichend viele ebene Flächen: die Areale für die unterschiedlichen Forschungsgruppen, die sich entlang zweier Längsachsen, beide rund anderthalb Kilometer lang, über die Scholle verteilen sollen. Bald darauf ist sie übersäht mit den in feuerrote, dick gepolsterte Polar-Schutzanzüge eingepackten Forschern: Eisalgenspezialisten, Plankton-Freaks, Ozeanographen, Spezialisten für Flux, den Gasaustausch zwischen Wasser, Eis und Atmosphäre, und vielen Jägern im Mikrometerbereich."

Gemeinsam mit Lieckfeld war GEO-Fotograf Ingo Arndt an Bord und hat Leben und Arbeit der Forscher ebenso dokumentiert wie die rätselhafte Natur im Packeis. Was die Forscher dort entdeckt haben über den "Großen Wasserfahrstuhl", der für die Regulierung des Weltklimas von Bedeutung ist, über die Meeresströmungen und über die Welt des Planktons ist bis zum 25. Mai in einer Ausstellung im Museum "Mensch und Natur" im Münchner Schloss Nymphenburg zu bestaunen. Inklusive der Bilder von Ingo Arndt. (Weitere Info: www.musmn.de)