Afrikas Trostwerke

In der aktuellen GEO-Ausgabe porträtiert Ines Possemeyer die 50-jährige Witwe Getu Mutesi aus Uganda. Sie ist Mutter von neun Kindern und HIV-positiv. Damit ihre Kinder nach ihrem Tod ein Andenken besitzen, hat sie ein Erinnerungsbuch geschrieben. Sollten diese Bücher einst in Bibliotheken stehen?

Getu Mutesi lebt an einem Ort ohne Gedächtnis. Die Gräber ihrer Schwestern im Hof tragen keine Namen, und bald wird der Regen die flachen Hügel fortgewaschen haben. In Getus Lehmhütte gibt es keine Möbel, keinen Schmuck, keine Andenken an ihre Vorfahren. Getu aber wird ihren Kindern ein Erinnerungsbuch hinterlassen, in dem sie von ihrem Leben erzählt und von dem, was sie über ihre Ahnen weiß. Aber nicht Getu hat es geschrieben, sie ist Analphabetin, sondern eine ihrer Töchter.

Würde eine Vision des schwedischen Schriftstellers Henning Mankell Wirklichkeit, wäre Getus Buch nicht nur ein Vermächtnis für deren Kinder, sondern für die ganze Welt. In seinem Buch "Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt" plädiert er für eine neue alexandrinische Bibliothek, die alle Erinnerungsbücher bewahrt, die von HIV-Infizierten in Afrika geschrieben werden: als Mahnung an die schwerste Epidemie der Gegenwart und als Zeugnis ihrer anonymen Opfer.

Ein Traum, gewiss. In den letzten zehn Jahren sind nur einige tausend Erinnerungsbücher entstanden. Wenige, gemessen an dem Ausmaß der AIDS-Epidemie. Viele, gemessen an Armut und Analphabetismus - an einem Alltag, der oft so entbehrungsreich, dass Getu ihren Kindern manche Erinnerungen lieber erspart. Schließlich soll das Buch ein Erinnerungsschatz sein, aus dem sie nach ihrem Tod schöpfen können.

Für den Rest der Welt aber könnte ihr Buch und all die anderen Erinnerungsbücher, sollten sie einst in einer Bibliothek versammelt sein, eine Art Gegengedächtnis zu den Nachrichten der Massenmedien sein, die normalerweise unser Bild von Afrika prägen: Bücher als Zeichen des Persönlichen und Alltäglichen, die sonst keine Spuren in unserem kulturellen Gedächtnis hinterlassen. Und auch nicht in den Bibliotheken.

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Bukonko, Uganda: Getu Mutesi (51) und ihr Sohn Julius